Packungen mit dem Brustkrebsmittel Tamoxifen des Herstellers Hexal. | dpa

Generika-Medikamente Engpässe bei günstigen Arzneimitteln

Stand: 07.06.2022 08:19 Uhr

Pharmahersteller stoppen die Produktion von Generika, also von günstigen Nachahmer-Medikamenten ohne Patentschutz. Die Folge: Lieferengpässe. Sind die Arzneimittel inzwischen zu billig?

Von Birgit Augustin, NDR

Wenn es um die Behandlung von Krebs, Rheuma und Diabetes geht, werden in Deutschland vor allem Generika verordnet - Nachahmungen von Produkten, deren Patentschutz abgelaufen ist. Sie unterliegen strengen Instrumenten zur Kostendämpfung, sparen den Krankenkassen und ihren Versicherten so jährlich Milliarden. Doch immer wieder kommt es zu Lieferengpässen, auch weil Hersteller aus der Produktion aussteigen. Sind Generika mittlerweile vielleicht zu günstig?

Brustkrebs-Mittel wochenlang nicht lieferbar

Tamoxifen ist das wichtigste Medikament zur Rückfall-Prophylaxe bei Brustkrebs, sowohl beim frühen, aber auch beim fortgeschrittenen Brustkrebs. Es ist seit 1976 auf dem Markt. Brustkrebsspezialisten wie Kay Friedrichs vom Mamma-Zentrum am Jerusalem-Krankenhaus in Hamburg halten Tamoxifen für unverzichtbar: "Wir wissen, dass es bei fortgeschrittener Erkrankung Überleben verlängert, und wir wissen, dass es bei frühem Brustkrebs die Heilungsrate erhöht. Je höher das Rückfallrisiko ist, desto höher ist der persönliche Benefit durch eine Tamoxifenbehandlung."

Umso größer der Schock für die betroffenen Frauen und wenigen Männer, als das Medikament im Frühjahr wochenlang nicht lieferbar war. Mehrere Zulieferer hatten entschieden, aus der Produktion auszusteigen. Eine Entwicklung, die sich schon seit Jahren zuspitzt: Gab es 2006 noch 19 Firmen, die Tamoxifen herstellten, sind es mittlerweile nur noch drei mit nennenswertem Marktanteil.

Die Generika-Hersteller klagen: Es lohnt sich nicht mehr. Für die Tagesdosis Tamoxifen erhalten sie von den Krankenkassen nicht mal mehr neun Cent erstattet. Seit zehn Jahren gelte unverändert der gleiche Festbetrag, ungeachtet steigender Kosten, beklagt Bork Bretthauer vom Lobbyverband "Pro Generika": "Wenn ich nicht abbilden kann, dass die Kosten steigen - siehe Inflation, siehe Rohstofflieferanten, siehe Logistikkosten - und der Festbetrag da bleibt, wo er ist, dann muss ich überlegen: Steige ich aus oder kann ich in der Versorgung bleiben?"

Wachsende Abhängigkeit von Herstellern in Asien

Der Lieferengpass bei Tamoxifen ist kein Einzelfall. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte listet derzeit weit mehr als 200 Medikamente, die nicht lieferbar sind - meist nur zeitweise und oft nur in bestimmten Verpackungsgrößen. Manchmal ist das Problem aber auch gravierender - etwa, wenn Produktionsstörungen oder Qualitätsprobleme bei Zulieferern in Asien die Ursache sind.

Während im Jahr 2000 noch 59 Prozent der Wirkstoffe in Europa produziert wurden und 31 Prozent in Asien, hat sich das Verhältnis mittlerweile umgekehrt: 2020 kamen 63 Prozent der Wirkstoffe aus Asien. Und dort gibt es lokal weitere Konzentrationsprozesse: In Indien werden diese Wirkstoffe vor allem in vier Bundesstaaten, in China vornehmlich in fünf Provinzen produziert - auch das macht Lieferketten anfällig für Störungen.

Mehr Geld für robustere Lieferketten?

Die Generika-Hersteller wollen nun weg von dem System, dass nur der Anbieter einen Versorgungsauftrag bekommt, der alle anderen im Preis unterbietet. Bork Bretthauer von "Pro Generika" plädiert für eine diversifizierte Produktion an mehreren Standorten, um die Lieferketten robuster zu machen. Auch höhere Sozial- und Umweltstandards seien nur zu haben, wenn der Preisdruck bei den Generika gelockert würde.

Forderungen, die beim Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) auf taube Ohren stoßen. Es gebe unterschriebene Verträge, dass Hersteller zu einem vereinbarten Preis regelmäßig zu liefen hätten, so GKV-Sprecher Florian Lanz: "Da erwarte ich von der deutschen Pharmaindustrie Vertragsverlässlichkeit, dass sie sich daran halten." Statt nach mehr Geld zu rufen, so der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen, sollten die Pharmaunternehmen gesetzlich verpflichtet werden, Lieferengpässe frühzeitig anzuzeigen.

Teure neue Arzneimittel - billige Generika

Tatsächlich ist das Bild nicht schwarz und weiß. Während forschende Arzneimittelhersteller für ihre neuen Medikamente satte Preise abrufen können, unterliegen Generika einem immensen Kostendruck.

Von den 441 Milliarden Euro, die 2020 für Gesundheit ausgegeben wurden, entfielen 68 Milliarden auf Arzneimittel. Fast 80 Prozent der verordneten Medikamente sind Generika. Sie sichern die Grundversorgung - machen aber nur neun Prozent der Arzneimittelkosten aus. Ein Ungleichgewicht, das auch Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, kritisiert: "Ich ärgere mich als Onkologe darüber, dass wir einerseits Zehntausende von Euro bezahlen für Medikamente, deren Nutzen in der Krebsbehandlung wir gar nicht kennen. Und gleichzeitig bei einem so wichtigen Arzneimittel wie Tamoxifen auf die Preisbremse drücken und dadurch natürlich die Frauen in eine sehr, sehr unangenehme Situation bringen."

Für die gibt es vorläufig Entwarnung: Hexal, der größte Hersteller von Tamoxifen, hat in den vergangenen Wochen zusätzliche Chargen produziert. Liegengeblieben sind in der eng getakteten Sonderproduktion dafür andere Arzneimittel: unter anderem ein Medikament zur Palliativversorgung von Brustkrebspatientinnen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Wirtschaftsmagazin plusminus am 1.6.2022 um 21.45 Uhr.

Über dieses Thema berichtete "plusminus" am 01. Juni 2022 um 21:45 Uhr.