Amazon-Logo an einem Standort des Konzerns in Mönchengladbach | FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/Shutter

Deutscher Online-Handel Amazon meist nicht billigster Anbieter

Stand: 17.08.2021 08:16 Uhr

Wer in Deutschland online einkauft, bestellt in der Regel auch beim Marktführer Amazon. Doch SWR-Recherchen zeigen, dass der US-Konzern in nur 30 Prozent der Fälle den günstigsten Preis bietet.

Von Jörg Hommer, SWR

Nahezu jeder deutsche Online-Kunde kauft auch bei Amazon ein. Viele sind überzeugt, dass Sie zu niedrigen Preise beim kundenfreundlichsten Branchen-Primus aus Seattle bestellen. Ob das wirklich so ist, hat die SWR-Verbraucherredaktion marktcheck überprüft. Fünf Wochen lang beobachtete der Experte für Marktbeobachtung und Preisoptimierung, Tobias Schlögel, im Auftrag der SWR-Journalisten 816 Topseller von Amazon, darunter viele Markenprodukte.

Händler müssen hohe Provisionen zahlen

"Wenn man jetzt die Daten der letzten fünf Wochen entsprechend heranzieht, können wir mit dem Mythos aufräumen, dass Amazon der günstigste Anbieter ist", fasst der Preis-Experte das Ergebnis zusammen. In nur 30 Prozent der Fälle war Amazon am günstigsten. Oft seien die beobachteten Produkte in vielen anderen Online-Shops um ein Viertel günstiger.

Das liegt nach Einschätzung von Schlögel vor allem daran, dass Amazon mit die höchsten Provisionen von Händlern verlange, die ihre Waren über die Marktplattform von Amazon verkaufen. Da sei es ganz normal, dass die Händler dort zu teureren Preisen verkaufen als zum Beispiel in ihrem eigenen Online-Shop. Die Amazon-Hauptkonkurrenten in Deutschland - Otto, Ebay und Zalando - bieten dem Vergleich zufolge fast nie den besten Preis. Bei zwei Dritteln der untersuchten Produkte konnten Verbraucher die besten Schnäppchen über die Vergleichsportale Google Shopping oder Idealo machen. Amazon selbst wirbt unter anderem mit dem Slogan: "Amazon: Niedrige Preise, wann und wo sie wollen."

Deutschland wichtigster Amazon-Markt nach den USA

Pro Tag wird amazon.de 15 Millionen Mal aufgerufen. Deutschland ist der mit Abstand wichtigste Markt für den Konzern außerhalb der USA. Im Pandemiejahr 2020 lag der tägliche Umsatz von Amazon hierzulande um 31 Millionen Euro höher als im Jahr 2019. Das geht aus einer aktuellen Studie des Instituts für Handelsforschung in Köln hervor.

Damit dominierte der US-Gigant mit 53 Prozent Marktanteil den deutschen Online-Versandhandel. Vor allem die 22 Millionen Prime-Kunden stehen demnach für 70 Prozent aller Umsätze bei Amazon. Das "Amazon-Prime"-Programm sei wie ein Fliegennetz, erklärt Studienleiterin Eva Stüber. "Es gibt so unterschiedliche Punkte, an denen man einsteigen kann, und Kunden docken letztlich in diesem Fliegennetz an und kommen dann automatisch immer tiefer. Es gibt immer mehr Kontaktpunkte, es werden die Filme oder Serien geschaut, man ist auf der Plattform unterwegs und wird immer wichtiger dadurch für Amazon, weil entsprechend mehr Umsatz getätigt wird."

Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder: Amazon macht in Deutschland fünf Mal so viel Umsatz wie die Hauptkonkurrenten otto.de und Zalando zusammen.

Online-Handel in Deutschland 2020
Online-Handel gesamt Amazon
Jahresumsatz 84,7 Milliarden Euro 45,3 Milliarden Euro
Umsatzwachstum (vgl. 2019) 14,9 Milliarden Euro 11,4 Milliarden Euro
Wachstumsrate (vgl. 2019) 21,3% 36,0%
Quelle: IFH Köln

Offene Fragen bei Nachhaltigkeitsversprechen

Nicht nur bei Preisen gibt Amazon große Versprechen ab. Auch in Sachen Nachhaltigkeit wirbt der Konzern mit großen Anstrengungen, will bis 2040 CO2-neutral werden. Vor allem bei der Logistik im Online-Handel fielen 25 bis 30 Prozent der direkt verantwortbaren Emissionen an, schätzt der Retouren- und Logistikexperte Björn Asdecker von der Universität Bamberg. Es passe nicht zusammen, auf der einen Seite E-Fahrzeuge und Lastenfahrräder für die letzte Meile im großen Stil loszuschicken und auf der andere Seite eine eigene Luftfrachtgesellschaft zu gründen.

Wieviel CO2-Emissionen pro Bestellung oder pro Retouren anfallen, darüber schweige sich Amazon allerdings aus, bemängelt Asdecker. "Amazon ist ein datengetriebenens Unternehmen - die wissen exakt, was sie tun", sagt er. "Wir haben hier eine riesige Blackbox. In vielen Fällen wissen wir nicht, was da eigentlich Sache ist."

Bericht über anhaltende Retourenvernichtung

Ähnlich verhält es sich mit der Zerstörung von Neuwaren durch Amazon. Der Online-Händler verschickt allein in Deutschland rund 849 Millionen Pakete im Jahr. Bei einer geschätzten Retourenquote von fünf Prozent wären das etwa 43 Millionen Amazon-Retouren pro Jahr. Erst im Mai 2021 fanden verdeckte Mitarbeiter der Umweltorganisation Greenpeace heraus, dass noch immer in einem Amazon-Logistik-Zentrum systematisch Neuwaren zerstört wurden, obwohl die Große Koalition dagegen 2020 vorging und der Bundestag ein entsprechendes Gesetz verabschiedete.

Marktcheck wollte vor diesem Hintergrund von Amazon wissen, wie viele Tonnen Neuwaren pro Monat in den deutschen Amazon-Logistikzentren zerstört werden. Dazu wollte der Konzern nicht Stellung nehmen. Es sei Priorität, zurückgeschickte Produkte "weiterzuverkaufen, sie zu spenden oder zu recyceln", so ein Amazon-Sprecher. "Nur als letzten Ausweg schicken wir Produkte zur Energierückgewinnung."

Das Fazit des Logistik- und Retouren-Experten Asdecker über Amazons Engagement in Sachen Nachhaltigkeit fällt nüchtern aus: "Man muss einfach sagen, dass wir es bei Amazon mit einem Händler zu tun haben, der nicht von Nachhaltigkeitsüberlegungen geprägt ist, sondern von ökonomischen Überlegungen", so Asdecker. "Es muss sich für diesen Konzern immer lohnen." Bildlich gesprochen sei Amazon "wie eine Art Hydra, die sich selbst kasteit. Es wird an der einen öffentlichkeitswirksamen Stelle ein Kopf abgeschnitten, um dann an anderer Stelle, wo man nicht hinguckt, zwei neue Köpfe wachsen zu lassen."

Mehr zu diesem Thema sehen Sie heute Abend in der Sendung "MARKTCHECK checkt ... Amazon" um 20.15 Uhr im SWR Fernsehen und um 22.15 Uhr bei tagesschau24.

Über dieses Thema berichtete SWR am 17. August 2021 um 20:15 Uhr.

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Moderation 17.08.2021 • 12:30 Uhr

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