Ein Continental-Team überprüft und diskutiert im Test Center Robotics in Regensburg. | Continental AG

"Allianz der Chancen" Großkonzerne gehen Strukturwandel an

Stand: 22.04.2022 13:43 Uhr

Führende Unternehmen in Deutschland wollen Fachkräftemangel und Stellenabbau künftig gemeinsam bekämpfen. Machen sie damit die Bundesagentur für Arbeit überflüssig?

Von Lilli-Marie Hiltscher, tagesschau.de

Deutsche Großkonzerne haben sich zur Bekämpfung von Fachkräftemangel und den Auswirkungen des technologischen Wandels zu einer "Allianz der Chancen" zusammengeschlossen. Unter den mittlerweile 39 Mitgliedern sind neben Autozulieferern wie Continental und Bosch auch der Chemiekonzern BASF, Siemens und die Deutsche Bahn AG. Ihr Ziel ist es, die Mitarbeiter "von Arbeit in Arbeit zu bringen und ihnen neue Perspektiven aufzuzeigen". So soll "die deutsche Volkswirtschaft zukunftsfähig gemacht und massenhafte Arbeitslosigkeit, die zu sozialen Spannungen und Unfrieden führt" vermieden werden.

Lilli Hiltscher

Transformation einerseits, Fachkräftemangel andererseits

Auf der einen Seite stehen dabei Sorgen vor einem massiven Stellenabbau insbesondere in der Autobranche, weil etwa für den Bau eines Elektroautos deutlich weniger Arbeitsschritte benötigt werden als für einen Verbrenner. Auf der anderen Seite verzeichnen die Firmen Hunderttausende offener Stellen, für die qualifizierte Mitarbeiter gefunden werden müssen.

Darum soll der Vorstoß dazu beitragen, dass Menschen möglichst schnell von einem Job zum nächsten wechseln können, ohne einen Umweg über Jobcenter und die Arbeitslosigkeit nehmen zu müssen: "Wir wissen, welche Kosten Arbeitslosigkeit verursacht und wollen diese vermeiden", sagt Continental-Personalchefin Ariane Reinhart, die der Initiative "Allianz der Chancen" vorsitzt.

Allianz kooperiert mit Bundesagentur für Arbeit

Um dieses Ziel erreichen zu können, wolle man bestehende Angebote wie Weiterbildungsverbünde, Drehscheibenmodelle, Job-zu-Job-Angebote oder andere Maßnahmen in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit "schärfen und optimieren", "insbesondere im Hinblick auf Tempo, Flexibilität und Entbürokratisierung von Prozessen", sagt eine Sprecherin von Continental.

Die Bundesagentur für Arbeit sieht sich dabei als einen wichtigen Ansprechpartner für die Initiative: "Als Bundesagentur für Arbeit haben wir vielfältige gesetzliche Möglichkeiten wie das Qualifizierungschancengesetz oder das Arbeit-von-morgen-Gesetz, um die Betriebe mit Beratung noch besser zu unterstützen. Im Zusammenspiel mit unseren Partnern vor Ort sind unsere Agenturen für Arbeit zentrale Akteure in den regionalen Netzwerken und nehmen eine wichtige Moderationsfunktion wahr, wenn es darum geht, diese Transformationsprozesse zu begleiten", so die Arbeitsagentur auf Anfrage von tagesschau.de.

Dabei konnte man schon erste Erfolge erzielen: "Durch die Allianz der Chancen war es möglich, zusammen mit der Bundesagentur für Arbeit den Prozess der Vermittlung von Beschäftigten, deren Job durch die Transformation gefährdet ist, hin zu Unternehmen, die aktuell auf der Suche nach Mitarbeitenden mit diesen Jobprofilen sind, effizienter zu gestalten", teilte eine Sprecherin von Continental auf Anfrage von tagesschau.de mit.

Fachkräftemangel und demographischer Wandel

Die Herausforderungen, die durch den demographischen Wandel, die Digitalisierung und die Dekarbonisierung der Wirtschaft in kommenden Jahren auf Unternehmen zukommen, sind gewaltig: Einer Studie des ifo-Instituts zufolge könnten bis 2025 beispielsweise rund 100.000 Menschen in der Autoindustrie ihren Job verlieren, wenn es den Unternehmen nicht gelingt, schnell auf Elektroautos umzustellen und ihre Mitarbeiter entsprechend zu qualifizieren. "Die Transformation in der Automobilindustrie ist schmerzhaft", sagt Reinhart.

Außerdem ist der Fachkräftemangel zu bewältigen: Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gab es im vierten Quartal 2021 knapp 1,7 Millionen offene Arbeitsstellen in ganz Deutschland. Darum hoffen die Unternehmen auf die Initiative, um ihre freien Stellen besetzen zu können: "Durch eine bessere Vernetzung der Akteure am Arbeitsmarkt können alle profitieren und die Zukunft der Arbeit gemeinsam gestalten, daher sind wir Teil der Allianz der Chancen", sagt Thomas Ogilvie, Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei der Deutschen Post.  

Verschiedene Ausbildungsprogramme im Angebot

Im Rahmen der Allianz werden unterschiedliche Programme angeboten - von einem zehntägigen Intensivkurs für Logistik-Einsteiger bei der Deutschen Post bis zu mehrjährigen Programmen für Continental-Mitarbeiter, die die Branche wechseln wollen. Zugleich dürfte es aber nicht ausreichen, nur auf Qualifizierung zu setzen, um die Lücken zu füllen, sagt Ogilvie. Er spricht sich auch für eine gesteuerte Zuwanderung aus. So müsse sichergestellt werden, dass auch weiterhin die richtigen Kompetenzen zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Stellen zur Verfügung stünden.

Darum sucht die Initiative auch das Gespräch mit der Politik, um sich etwa für eine Aufwertung der Berufsausbildungen einzusetzen. So sei es nicht nötig, jede ausgeschriebene Stelle mit einem Bewerber zu besetzen, der ein abgeschlossenes Hochschulstudium hat. Außerdem soll nach dem Willen der Initiative, die im September vergangenen Jahres gegründet wurde, der Zugang zu den durch die Bundesagentur für Arbeit geförderten Weiterbildungsmaßnahmen erleichtert werden, ebenso wie der Jobwechsel selbst.