Website der Alibi Agentur | Christopher Brix

Alibi-Agentur Lügen als Geschäftsmodell

Stand: 24.01.2021 04:47 Uhr

Das Geschäftsmodell der Bremer Alibi-Agentur ist es, die Wahrheit verheimlichen zu können. Die Firma bietet ihren Kunden ebenso wasserdichte wie erfundene Ausreden - und versichert, alles bewege sich im Rahmen des Gesetzes.

Von Anke Plautz, Radio Bremen

Kann man Stefan Eiben Glauben schenken? Es liegt in der Natur der Sache, dass man ihm mit einer gewissen Skepsis begegnet. Schließlich ist der Mann Profi-Lügner - und gibt das auch ganz offen zu. Gewissensbisse plagten ihn überhaupt nicht, sagt der Inhaber eines mehr als ungewöhnlichen Unternehmens: einer Alibi-Agentur, mit Sitz in Bremen.

"Im Gegenteil. Ich hätte eher ein schlechtes Gewissen, wenn ich das was ich tue, lassen würde", sagt Eiben und fügt hinzu: "Ich sehe das Lügen nicht als negativ, sondern als notwendig an. Wir Menschen lügen ja oft, um unsere Privatsphäre und unsere Familien zu schützen oder um jemand anderes nicht zu verletzen."

Die Geheimnisse seiner Kunden sollen also im Verborgenen bleiben. Das ist verständlich, denn dafür haben sie bezahlt. Erstaunlich ist nur, dass die Wahrheit offenbar vielen Menschen so schwer fällt, dass sie lieber für ein Alibi Geld ausgeben als ihrem Umfeld die Wahrheit zuzumuten.

Der Gründer der Bremer Alibi-Agentur Stefan Eiben

"Lügen sind nicht negativ, sondern notwendig", ist Stefan Eiben überzeugt. Vor mehr als 21 Jahren gründete er die Alibi-Agentur.

Falsche Lügendetektor-Tests und erfundene Anrufe

Sie alle kommen aus demselben Grund, sagt Eiben: "Sie wollen sich nicht rechtfertigen müssen." Der Bedarf sei enorm. Unzählige Lebensgeschichten habe er sich durch seinen Beruf als sogenannter "Freiraum-Manager" angehört. Die Schicksale seien manchmal kaum zu fassen, sagt der Unternehmer. Ihm fiele es dann eher schwer, den Menschen nicht zu helfen.

"Wenn der andere mit der Wahrheit nicht umgehen kann, muss er sich nicht wundern, wenn sie ihm verheimlicht wird", sagt er - und so gibt es bei Eiben eine Lügen-Flatrate fürs Doppelleben. Er arrangiert falsche Lügendetektor-Tests und beendet mit durchgeplanten, frei erfundenen Anrufen von Kollegen sogar Beziehungen. Oft kommen Schauspieler und Schauspielerinnen zum Einsatz.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Eiben und seine Kollegen helfen auch dabei, Post aus der ganzen Welt dorthin zu senden, wo der Kunde sie hingeschickt wissen will - ohne dass dieser je das Haus verlassen hätte, wohlgemerkt. Inklusive Originalhandschrift des zahlenden Auftraggebers, versteht sich. All das ist für die "Profilügner" von der Alibi-Agentur ein Kinderspiel. Von gefälschten Visitenkarten und fiktiven Arbeitsnachweisen bis hin zu fingierten Preisverleihungen mit Schauspielerpublikum und Kamerateams: Alles Erdenkliche ist möglich - und mitunter noch mehr.

Nur ein geringer Kundenanteil nutze die Dienste, um Affären zu vertuschen, sagt Eiben. Überprüfen lässt sich das allerdings nicht, denn alle Fälle der Agentur sind streng geheim. Der Freiraum-Manager sagt über sich selbst, er sei privat kein guter Lügner. Ohnehin sei es schwieriger, für sich selbst zu lügen als für andere. Es brauche allerdings eine gute Vorbereitung, Logistik und Improvisationstalent.

Spontane Idee nach geplatztem Männerabend

Der Startschuss für die Alibi-Agentur war eine private Erfahrung mit zwei Oldenburger Freunden. Eiben hatte sich mit ihnen für den Abend verabredet. Kurz nacheinander sagten beide mit derselben Begründung ab: Ihre Partnerinnen wollten, dass die Männer den Abend mit ihnen verbringen. Eiben ärgerte sich und dachte: Hätten seine beiden Freunde eine passende Ausrede parat gehabt, wäre der Männerabend nicht geplatzt.

Genervt stellte der studierte Wirtschaftsinformatiker noch in derselben Nacht eine Homepage online, auf der er für solche Fälle Lösungen anbot. Den Erfolg, den er damit seitdem hat, erstaunt ihn selbst bis heute.

Zerbrochener Teller vor streitendem Paar | dpa

Lieber eine Lüge, als dass noch was zerbricht? Dabei sind Alibis für Affären laut Freiraum-Manager Eiben gar nicht besonders gefragt. Bild: dpa

Das Gesetz als Grenze des Machbaren

Ein ganzes Lügennetzwerk hat Eiben im Laufe von zwei Jahrzehnten gesponnen. Ein fester Kern aus zehn Mitarbeitern und eine Datenbank mit rund 2000 freien Gelegenheitsmitarbeitern sind für ihn tätig. Sie alle verstehen sich inzwischen als Helfer derer, die mit der Wahrheit nicht ans Licht wollen.

Es gebe selten Aufträge, die die Freiraum-Manager ablehnten: und zwar dann, wenn die Alibis dazu missbraucht würden, um Gesetze zu brechen - wenn also jemand ein Alibi im strafrechtlich relevanten Sinne brauche. Die gibt es bei Eiben und seinem Team natürlich nicht. Die Alibis aber, die er verkauft, seien wasserdicht: In all den Jahren sei kein einziges je geplatzt, sagt er.

Heraus aus der Zwickmühle oder hinein ins Netz der Lügen?

Die Agentur will nichts unversucht lassen, um Menschen aus den Zwickmühlen ihrer Verstrickungen heraus zu helfen. Oder ist es umgekehrt? Ist ein Alibi der erste Schritt in ein Gewirr aus noch mehr Lügen? Die Verantwortung, so Eiben, liege letztlich beim Auftraggeber.

Wer es für moralisch verwerflich halte, Menschen beim Lügen zu helfen, unterschätze die Komplexität des Lebens und habe sich mit dem, was er und seine Kollegen machen, nicht wirklich beschäftigt, sagt der Unternehmer. "Seit über 20 Jahren höre ich mir nun schon Lebensgeschichten von verzweifelten Menschen an, die am Telefon weinen, manchmal aufgewühlt kein Wort rauskriegen, wieder auflegen und dann erneut anrufen."

Jan-Benjamin Rademacher, Stefan Eibens Geschäftspartner.

Jan-Benjamin Rademacher ist Stefan Eibens Geschäftspartner. In seiner Arbeit als Freiraum-Manager sieht er nichts Ehrenrühriges.

Vielfältige Kundschaft, vielfältige Alibis

Frauen und Männer nutzten die Agenturangebote zu gleichen Teilen, sagt der 43-Jährige. Ihn buchten Arbeitslose, die sich für ihre Situation schämen. Krebskranke, die nicht wollten, dass ihr Arbeitgeber davon erfährt. Verheiratete Rechtsanwälte mit Doppelleben. Dominas und Pornodarstellerinnen, die um den Ruf ihrer Kinder fürchteten und darum einen erfundenen, aber glaubhaft dargestellten Zweitjob buchten. Inzwischen ist die Alibi-Agentur auch in Österreich, der Schweiz und in Spanien aktiv.

Die Lösungsansätze, die Eibens Alibi-Agentur bietet, sind überraschend einfallsreich. Wenn nötig, helfen auch ehemalige Kunden aus. Auf Nachfrage geben sie am Telefon vor, dass eine Person bei ihnen angestellt sei. Das alles mag manchem unmoralisch erscheinen - Eiben und seine Kollegen schlafen nach eigenen Angaben dennoch ruhig.

Zwei Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, sagen, das Problem seien weder die Agentur noch die überraschend aufwendigen Täuschungsmethoden, die sie im Laufe der Jahre entwickelt hätten. Auch die Kunden und deren Sehnsucht nach mehr Freiheit seien menschlich. Das Problem sei die Gesellschaft, die viele Menschen in die Enge dränge.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 22. Januar 2019 um 21:45 Uhr.