Ansteigender Kurs-Chart auf einem Smartphonedisplay

Aktienrückkäufe Kurspflege in Zeiten der Krise

Stand: 08.08.2022 16:47 Uhr

Konzerne werden in diesem Jahr möglicherweise so viele eigene Aktien erwerben wie noch nie. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage gibt es Kritik an den milliardenschweren Programmen.

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Vor allem Ölkonzerne haben zuletzt durch millardenschwere Rückkaufprogramme und Dividendenerhöhungen auf sich aufmerksam gemacht. Die sprudelnden Gewinne wegen der hohen Energiepreise ermöglichen es BP, Shell, Total Energies, Chevron und Exxon, mit Aktienrückkäufen und Dividenden den Rekordwert von 30 Milliarden Dollar an die Anleger auszuschütten.

Die Experten von Goldman Sachs rechnen in diesem Jahr in den USA damit, dass die im S&P 500 gelisteten Unternehmen Aktien im Wert von insgesamt rund 1000 Milliarden Dollar zurückkaufen werden. Fachleute gehen in diesem Jahr von Rückkäufen in Rekordhöhe aus.  

    

Milliardenschwere Programme auch in Deutschland

Von dieser Größenordnung ist der deutsche Aktienmarkt weit entfernt. Nach Einschätzung der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) ist hierzulande derzeit kein deutlicher Trend zu Rückkäufen zu beobachten. Beliebt sind sie gleichwohl: Nach Berechnungen des "Handelsblatts" sollen die DAX-Konzerne im Jahr 2021 rund 18 Milliarden Euro für Aktienrückkäufe ausgegeben haben - ein Rekord.

In diesem Jahr hatten unter anderem bereits Adidas, SAP, Deutsche Post und BASF Aktienrückkäufe angekündigt. Und der Industriegasekonzern Linde hatte Ende Februar das laufende Programm auf zehn Milliarden Dollar verdoppelt.

       

Aktien gerade günstig zu bekommen

Angesichts der zuletzt gesunkenen Aktiennotierungen dürfte ein Kalkül der Unternehmen sein, die Aktien derzeit zu verhältnismäßig günstigen Preisen zu bekommen, weil die Kurse zuletzt tendenziell gefallen sind. Der Rückkauf von Aktien führt dazu, dass die Anzahl der am Markt erhältlichen Anteilsscheine sinkt. Für die Anleger sind das gute Nachrichten, weil das geringere Angebot und die höhere Nachfrage den Kurs nach oben treibt. An der Wall Street gelten die zahlreichen milliardenschweren Rückkaufprogramme sogar als ein wichtiger Faktor bei der Kursrally der vergangenen Jahre.   

Kurs- und Anlegerpflege ist also ein wesentlicher Faktor für die Unternehmen. Kein Wunder also, dass die Akteure an den Finanzmärkten Aktienrückkäufe zu schätzen wissen. Aber es gibt noch weitere Gründe: Ein Nebeneffekt der geringeren Anzahl der im Streubesitz befindlichen Aktien ist, dass feindliche Übernahmen erschwert werden.

"Aus unserer Sicht kann ein Aktienrückkauf dann Sinn machen, wenn das operative Geschäft auch mit Blick auf Investitionen sehr gut aufgestellt ist und auch keine Akquisitionen anstehen, die finanziert werden müssen", meint Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der DSW, gegenüber tagesschau.de. "Und: Die Aktionäre müssen auch bei einem Rückkauf eine angemessene Dividende erhalten."

"Zeichen fehlender operativer Kreativität"

Kritiker des Instruments verweisen deshalb darauf, dass Aktienrückkäufe auch als eine Form der Ideenlosigkeit des Managements interpretiert werden können. Anstatt mit dem vorhandenen Kapital Investitionen in die Zukunft des Unternehmens zu tätigen, fließt Geld aus dem Unternehmen ab. "Die DSW ist der Auffassung, dass der Rückkauf eigener Aktien zumeist nur die drittbeste Option für die Verwendung überschüssiger Liquidität darstellt", so Tüngler.  

Vorher sollte jede Gesellschaft prüfen, ob es nicht andere, profitable Investitionen in ihrem Geschäft gibt, sagt der Experte. "Auch eine Ausschüttung an die Aktionäre halten wir für eine bessere Lösung. Aktienrückkaufprogramme sind dann auch bisweilen ein Zeichen fehlender operativer Kreativität."

Negative Auswirkungen in Krisenzeiten

Diese finanziellen Mittel könnten in Krisenzeiten fehlen, lautet ein weiterer Kritikpunkt. Als jüngstes Beispiel wäre die Corona-Pandemie zu nennen oder die aktuelle wirtschaftliche Krise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine, die an den Finanzmärkten heftige Verwerfungen verursacht haben. Und aktuell deutet einiges darauf hin, dass die globale Wirtschaft massiv an Fahrt verlieren könnte.             

"Häufen sich Rückkäufe zu Lasten intelligenter und planvoller Investitionen, so kann dies mittelfristig zu negativen Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Situation führen", so Tüngler. Gerade in angespannten Zeiten könne es sehr wichtig sein, "das Pulver trocken zu halten". "Aktienrückkäufe sind immer teuer, ohne dass das Unternehmen unmittelbar etwas davon hat. Derzeit sind solche Rückkäufe deshalb prinzipiell kritisch zu betrachten", urteilt der Anlegerschützer.

US-Steuer auf Aktienrückkäufe

In den USA wird derzeit eine Steuer auf Aktienrückkäufe vorbereitet, die Demokratische Partei möchte sie bei den Unternehmen in Höhe von einem Prozent erheben. Fällig werden könnte sie ab dem 1. Januar 2023. Konzerne sollen dadurch ermutigt werden, in ihr Geschäft zu investieren, so der demokratische US-Senator Ron Wyden. Außerdem soll die Steuer die Unternehmen dazu motivieren, ihre Gewinne eher in Dividenden auszuschütten, die in den USA in Höhe von 15 bis 20 Prozent besteuert werden.

US-Marktexperten gehen indes nicht davon aus, dass die Steuer einen großen Einfluss auf die Praxis des Aktienrückkaufs der Konzerne haben werde. Dazu sei sie zu gering.   

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. Mai 2022 um 14:00 Uhr.