Das Gelände des Flugzeugherstellers Airbus in Hamburg-Finkenwerder. | dpa

Probleme der Luftfahrtbranche Wie Airbus die Krise meistern will

Stand: 29.04.2021 17:59 Uhr

Im Gegensatz zum US-Rivalen Boeing schreibt Airbus wieder schwarze Zahlen. Doch noch ist die Krise nicht vorbei. Tausende Stellen stehen auf der Kippe - vor allem in Deutschland.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Airbus-Chef Guillaume Faury macht sich keine Illusionen. Dass es dem europäischen Flugzeugbauer zum Jahresauftakt möglich war, wieder schwarze Zahlen zu schreiben, sei zwar eine erfreuliche Nachricht, "doch die Krise ist für unsere Branche noch nicht vorüber", warnte er bei der Vorlage der neuesten Quartalszahlen. Demnach hat Airbus in den ersten drei Monaten einen Gewinn von 362 Millionen Euro erwirtschaftet, während der US-Rivale Boeing den sechsten Quartalsverlust infolge melden musste.

Um Airbus neu aufzustellen, hat Faury in der vergangenen Woche den "größten Umbau in der Unternehmensgeschichte" angekündigt. Tatsächlich musste der Hersteller im vergangenen Jahr seine Flugzeugproduktion pandemiebedingt um 40 Prozent zurückfahren. Auf diesen Einbruch reagiert Faury mit einem rigorosen Sparplan, dem womöglich viele Tausend Arbeitsplätze zum Opfer fallen könnten.

Schwächt Airbus gezielt deutsche Standorte?

Dazu soll die deutsche Airbus-Tochter Premium Aerotec (PAG) zerschlagen werden. Betroffen von den Plänen sind der gesamte Standort Stade und ein Teil des Werkes in Hamburg-Finkenwerder. Sie sollen in die neue Tochter "Airbus Aerostructure" integriert werden. In Finkenwerder werde damit ein Zaun durchs Werk gezogen und ein Werk im Werk erstellt, kritisieren Gewerkschafter das Vorhaben. Auch die PAG-Werke in Nordenham, Bremen, Varel und teilweise in Augsburg sollen ausgegliedert und in die neue Gesellschaft eingefügt werden.

Airbus will damit die Produktionsabläufe optimieren und kostengünstiger gestalten. Es müsse kräftig gespart werden, heißt es aus der Konzernzentrale. Betriebsräte und Gewerkschafter halten die Pläne für gefährlich, weil sie in erster Linie die deutschen Standorte "gezielt" schwächten, während die französischen kaum betroffen wären.

"Tausende Arbeitsplätze in Gefahr"

"Die Zerschlagung der Premium Aerotec und die Gründung eines Einzelteilfertigers setzt sofort Tausende Arbeitsplätze in Deutschland unter massiven Verlagerungsdruck", erklärte zu Wochenbeginn IG-Metall Vorstandsmitglied Jürgen Kerner. "Eine solche Firma stünde unmittelbar im Konkurrenzkampf mit Billigstandorten in Osteuropa und Asien." Airbus destabilisiere damit die ohnehin stark angeschlagene Branche, und die deutsche Wertschöpfungskette drohe zu reißen. Der Konzern verweist darauf, dass auch die französische Tochter Stelia Opfer gebracht habe, denn umfangreiche Arbeitspakete seien in Niedriglohnländer verlagert worden.

Inzwischen meldet sich auch die Politik zu Wort. Volker Ullrich (CSU), Bundestagsabgeordneter, fürchtet, dass Airbus die neue deutsche Komponententochter an einen ausländischen Investor verkaufen werde. Dass sich Politiker aktiv in die Debatte einmischen, hat neben der Sorge um die Arbeitsplätze auch einen anderen Grund: Deutschland gehört mit einem Anteil von 10,9 Prozent, gemeinsam mit Frankreich (ebenfalls 10,9 Prozent) und Spanien (4,1 Prozent), zu den größten Einzelaktionären von Airbus.

Wie viele Arbeitsplätze wegfallen könnten, sagt Airbus nicht. Im vergangenen Jahr war die Rede von insgesamt 15.000 Stellen, davon ein Drittel in Deutschland. Insgesamt sind hierzulande rund 50.000 Menschen bei dem Konzern beschäftigt.

Besserung in der zweiten Jahreshälfte erwartet

Dass Airbus reagieren muss, ist unbestritten. Allein im ersten Quartal dieses Jahres stornierten Kunden Bestellungen über 100 Maschinen, während nur 39 Neuaufträge eingingen. Die Produktion wurde um 40 Prozent zurückgefahren, denn noch immer stehen zwei Drittel des weltweiten Flugzeugparks von 21.000 Jets auf dem Boden. Deshalb liege der Fokus für Airbus weiterhin auf einer Kontrolle der Betriebskosten und den Bemühungen um ausreichend Barmittel, sagte Faury.

Doch der Airbus-Chef sieht auch ein erstes Licht am Ende des Tunnels. Zwar werde sich die Lage in der Luftfahrt erst in der zweiten Jahreshälfte bessern, doch will Airbus in diesem Jahr mindestens so viele Verkehrsflugzeuge ausliefern wie im ersten Krisenjahr 2020. Da hatte der Hersteller 566 Maschinen an seine Kunden übergeben.

Faury geht davon aus, dass sich der Markt zuerst bei Inlandsflügen und kürzeren Strecken erholt. Bei Mittelstrecken könne von einer Erholung auf Vorkrisenniveau ab 2023 ausgegangen werden. Deshalb will der Konzern die Produktion der Jets aus der Modellreihe A320neo in der zweiten Jahreshälfte wieder von 40 auf 45 Maschinen pro Monat steigern. Bei Langstrecken mit Großraumflugzeugen werde die Überwindung der Krise dagegen länger dauern.

Wasserstoffantrieb ab 2035

Bisher sei die Erholung im Luftverkehr in Europa sehr enttäuschend verlaufen, in den USA erhole sich der Markt dagegen. Dennoch peilt Airbus für dieses Jahr ein Ergebnis vor Steuern und Zinsen von mindestens zwei Milliarden Euro an. Neben den Einsparungen profitiert der Konzern dabei auch von den positiven Beiträgen aus dem Hubschrauber-, Rüstungs- und Raumfahrtgeschäft.

Beim Blick in die Zukunft geht es auch um den Wandel der Luftfahrtbranche hin zu umweltfreundlicheren Antrieben. Airbus-Chef Faury setzt dabei auf den Einsatz von Wasserstoff. Allerdings dauere es noch fünf Jahre, bis Nurflügler mit Wasserstoffantrieb als technisches Konzept ausgereift seien. Wenn man danach zwei Jahre Vorbereitungszeit für einen Programmstart ansetze, könne man diesen 2027 oder 2028 beschließen und sich dann etwa sieben Jahre für Konstruktion, Erstflug und Zulassung nehmen. Somit wäre eine erste Auslieferung 2035 möglich, so Faury. Später sei auch der Umstieg auf Brennstoffzellen möglich, die direkt elektrische Energie erzeugen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 in den Wirtschaftsmeldungen am 29. April 2021 um 17:00 Uhr.