Schriftzug und Slogan an einer ehemaligen Schlecker-Filiale | picture alliance / dpa

Zehn Jahre Schlecker-Pleite Das Ende eines Drogerie-Giganten

Stand: 23.01.2022 02:42 Uhr

Am 23. Januar 2012 muss Schlecker Insolvenz anmelden. Europas größte Drogeriemarkt-Kette verschwindet vom Markt. Rund 24.000 Beschäftigte verlieren ihre Arbeit. Das Insolvenzverfahren läuft bis heute.

Von Thomas Denzel und Martin Miecznik, SWR

"Das war damals ein Schock", erinnert sich Andrea Straub. "Ich hätte nie gedacht, dass einmal wirklich alle Schlecker-Märkte schließen würden. Ich hatte gehofft, dass wenigstens einige überleben". Die 55-Jährige arbeitet im Schlecker-Markt im württembergischen Stetten am kalten Markt, als die Nachricht von der Insolvenz des Unternehmens kommt. Aus den Medien und von Kunden habe sie davon erfahren. Wie Tausende andere verliert sie ihren Job.

Thomas Denzel

Schmucklos, aber erfolgreich

Es sind meist Frauen, die für Schlecker arbeiten. Von den "Schlecker-Frauen" ist deshalb oft die Rede. Straub mochte nie so genannt werden. Und dass sie nicht auf Schlecker angewiesen ist, zeigt sie bald nach der Pleite: Gemeinsam mit einer Kollegin startet sie ihren eigenen Drogeriemarkt in der ehemaligen Schlecker-Filiale. Ihr "Drehpunkt" besteht bis heute. Der Laden ist hell und freundlich eingerichtet. Ganz anders als die Schlecker-Läden damals. 

Engstehende Regale in schmucklosen kleinen Läden, schlichter weißer Schriftzug auf blauem Grund: So sah das Schlecker-Konzept aus. Was die Kunden anzieht, sind die attraktiv niedrigen Preise und die kurzen Wege. Denn fast jedes Dorf hat seinen Schlecker-Markt. Zuletzt aber verliert das Unternehmen immer mehr Kunden an die Konkurrenz, jahrelang werden Verluste gemacht, ein Modernisierungsprogramm kommt zu spät, und das Lebenswerk von Anton Schlecker geht in die Brüche.

Anton Schlecker | picture alliance/dpa

Anton Schlecker ist gelernter Metzger. Jahzehntelang betreibt er sein Drogeriemarkt-Imperium als "eingetragener Kaufmann". Bild: picture alliance/dpa

Das Imperium des Metzgermeisters

Dabei galt der Firmengründer lange als ein Selfmade-Man wie aus dem Bilderbuch: Der gelernte Metzgermeister aus der Kleinstadt Ehingen bei Ulm eröffnet 1967 sein erstes Warenhaus, 1974 den ersten Drogeriemarkt. Schon drei Jahre später sind es mehr als 100 Filialen. Am Ende gilt Schlecker als größte Drogeriemarkt-Kette Europas.

Immer wieder aber steht das Unternehmen in der Kritik, weil die Gründung von Betriebsräten verhindert und untertariflich bezahlt wird. Andererseits beeindruckt Anton Schlecker damit, dass er mit seinem Privatvermögen für sein Unternehmen haftet. Er betreibt sein Drogerie-Imperium als "eingetragener Kaufmann": eine äußerst ungewöhnliche Konstruktion für ein Unternehmen dieser Größe.

Die Öffentlichkeit hat Anton Schlecker immer gemieden. Als es galt, die schlechte Nachricht von der Insolvenz zu überbringen, schickt er seine Kinder Lars und Meike vor. Es ist die erste Pressekonferenz des Unternehmens in mehr als zwei Jahrzehnten. Es sei "kein signifikantes Vermögen mehr da", erklärt Tochter Meike. Später stellt sich heraus: Im Wissen um die bevorstehende Insolvenz hatte die Familie vorher noch Millionen zur Seite geschafft. Die Vorwürfe: vorsätzlicher Bankrott, Insolvenzverschleppung, Untreue. Anton Schlecker wird zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und 54.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Seine Kinder müssen ins Gefängnis: Zwei Jahre und sieben Monate lautet 2019 das Urteil. Im Juni 2021 kommt die Nachricht von ihrer vorzeitigen Entlassung.

Lars und Meike Schlecker | picture alliance/dpa

Lars und Meike Schlecker, hier ein Jahr vor der Insolvenz. Im vergangenen Juni wurde ihre vorzeitige Entlassung aus der Haft bekannt. Bild: picture alliance/dpa

24.000 Beschäftigte ohne Job

Rund 24.000 Beschäftigte stehen nach der Pleite ohne Job da. Der Insolvenzverwalter versucht, wenigstens für einen Teil von ihnen eine sogenannte Transfergesellschaft zu gründen. Das scheitert an der mangelnden Unterstützung aus der Politik. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sorgt für Empörung, als er sagt, die entlassenen Beschäftigten sollten sich selbst eine neue Arbeit suchen, und in diesem Zusammenhang von deren "Anschlussverwendung" spricht.

Das Insolvenzverfahren ist heute noch nicht abgeschlossen. Kaum eine Firmenpleite hat für so viel Aufsehen gesorgt. "Sie hat eben viele Zutaten für eine emotionale Geschichte", sagt Patrick Hacker, der Sprecher des Insolvenzverwalters Arndt Geiwitz. "Gut gegen Böse. Arm gegen Reich. Läden, die keiner richtig mochte, die aber jeder kannte."

Rund 2800 Gläubiger fordern mehr als 1,2 Milliarden Euro. Dazu kommt, dass viele ehemalige Beschäftigte auf noch ausstehende Bezahlung warten. Und der Bundesagentur für Arbeit steht Geld zu, das sie in der Insolvenz an Mitarbeitende bezahlt hat; insgesamt ein zusätzlicher dreistelliger Millionen-Betrag. Der Insolvenzverwalter hält es nicht für ausgeschlossen, dass Forderungen von ehemaligen Beschäftigten noch beglichen werden können. Man klage jetzt gegen einstige Lieferanten wegen überzogener Preise. So könnte Geld in die Kasse kommen.

Ersteht Schlecker wieder auf?

Auch Andrea Straub wartet seit Jahren auf rund 1200 Euro für bisher unbezahlte Überstunden. "Ich würde mich darüber freuen", sagt sie. "Hoffnung habe ich aber keine mehr nach so langer Zeit." Dass ein österreichischer Unternehmer jetzt angekündigt hat, die Marke Schlecker wiederzubeleben, überrascht sie. "Ich wünsche dem Herrn alles Gute, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Name noch zieht. Er ist doch auch eher negativ behaftet."

Der Schmerz von damals sei gewichen, sie habe keine Zeit, über die Vergangenheit nachzudenken. An den Jahrestag habe sie sich erst erinnert, als Pressevertreter mit ihr Interviews wollten. Und Sorgen habe sie ganz andere: Ein Supermarkt wolle sich ganz in der Nähe ansiedeln. Mit dem müsse sie dann um das Geschäft mit den 4700 Einwohnern des Orts konkurrieren. Sie hofft, dass sie mit Lieferservice und einer außergewöhnlichen Produktpalette überzeugen kann. "Wir geben nicht kampflos auf", sagt Straub. Ein Satz, den sie so auch vor zehn Jahren gesagt hat.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 23. Januar 2022 um 08:39 Uhr.