Eingang des Leipziger Unister-Firmensitzes | Bildquelle: dpa

Unister-Insolvenz 163 Millionen Soll - 400.000 Haben

Stand: 14.12.2016 18:01 Uhr

Der Aufstieg war beachtlich, das Ende heftig: Unister wurde schnell vom Kleinstunternehmen zum deutschen Vorzeige-Start-Up. Inzwischen ist der Online-Reisevermittler pleite. Recherchen von NDR und "SZ" offenbaren nun: Gläubiger könnten ziemlich leer ausgehen.

Von Sebastian Pittelkow, NDR

Das Zahlenchaos ist scheinbar riesig: Insolvenzverwalter Lucas Flöther versucht seit dem Sommer, einen Überblick über Abrechnungen, Bilanzen und Konten des einstigen Internetimperiums Unister zu bekommen. Der Leipziger Konzern mit beliebten Reiseportalen wie "ab-in-den-urlaub.de" und "fluege.de" schickte in den vergangenen Jahren Hundertausende Kunden auf Reisen. Im Juli meldete das Unternehmen Insolvenz an.

Wenig später ging Lucas Flöther auf Investorensuche - bisher mit mäßigem Erfolg. NDR und "Süddeutscher Zeitung" liegt sein aktueller Verwalterbericht vom 5. Dezember für die Konzernmutter Unister Holding vor. Die darin befindlichen Unternehmenszahlen beschreiben einen zerrütteten Konzern. Demnach belaufen sich die Insolvenzverbindlichkeiten der Dachgesellschaft bislang auf rund 163 Millionen Euro. Dem gegenüber steht ein Vermögen von knapp 400.000 Euro gegenüber, mit dem sich die Schulden tilgen ließen. Ein krasses Missverhältnis. Und die Liste der Gläubiger ist lang.

Schlechte Aussichten für Gläubiger

Die Forderungen stammen von staatlichen Institutionen, Banken, Krankenkassen und Geschäftspartnern. Es sind Schulden, die Unister bislang offenbar nicht beglichen hat. Unter den Gläubigern befinden sich aber auch ehemalige Führungskräfte und etliche Anwaltskanzleien. Besonders hohe Forderungen hat mit rund 22,4 Millionen Euro das Finanzamt Leipzig angemeldet. Eine ähnliche Summe möchte auch die AdRom GmbH eintreiben. Der E-Mail-Marketing Dienstleister aus Österreich soll für das Leipziger Online-Reiseimperium regelmäßig Newsletter verschickt haben. Die Sächsische Aufbaubank fordert 1,85 Millionen Euro - sie hatte Unister vor Jahren Fördergelder für Arbeitsplätze zukommen lassen.

Für die Gläubiger sind die Chancen jedoch nach jetzigem Stand sehr gering, dass ihre Forderungen jemals beglichen werden. Der Verwalterbericht weist eine "rechnerische Quote" von 0,244 Prozent auf. Anders ausgedrückt bedeutet das: Wer Ansprüche gegen die Unister Holding, also die Konzernmutter hat, kann derzeit allenfalls darauf hoffen, von 100 Euro noch 25 Cent zurück zu bekommen. Eine abschließende und verlässliche Prognose sei aber erst möglich, wenn "sämtliche Sachverhalte aufgearbeitet worden sind".

Für Insolvenzverwalter Lucas Flöther ist das scheinbar eine große Herausforderung. Zwar fand Flöther für 2014 zwei vorläufige Jahresabschlüsse. Einen mit 34,4 und einen mit 36,8 Millionen Euro Minus. In den beiden folgenden Jahren soll das Defizit laut internen Unterlagen um 11 beziehungsweise 13 Millionen Euro gesunken sein. Aber das sind alles ungesicherte Zahlen.

Thomas Wagner | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Hat er sich selbst bedient? Der inzwischen verstorbene Unister-Gründer Thomas Wagner.

Zahlungsunfähigkeit und Vollstreckungen

Unister war offenbar bereits im vergangenen Jahr in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Einzelne Tochtergesellschaften könnten schon 2015 zahlungsunfähig gewesen sein. Zum Teil sei es auch zu Zwangsvollstreckungsmaßnahmen gegen einzelne Unister-Gesellschaften gekommen, heißt es in dem Bericht. Die Firma schien im Juli so klamm zu sein, dass sich Firmengründer Thomas Wagner zu einem windigen Kreditdeal entschied. Mit etwa eineinhalb Millionen Euro in bar soll sich Wagner auf den Weg nach Venedig gemacht haben. Das Geld soll als "Sicherheit" für einen Kredit von einem dubiosen Geschäftsmann gedient haben. Wagner wurde betrogen, erhielt Falschgeld. Auf dem Rückweg stürzte sein Flugzeug über Slowenien ab.

Hat der Chef sich selbst bedient?

Laut dem Bericht des Verwalters bekamen die Unister-Gesellschafter auch private Kredite bei der eigenen Firma. Rund 1,7 Millionen Euro lieh sich Firmengründer Wagner. Der bei dem Flugzeugabsturz mit ums Leben gekommene Gesellschafter Oliver Schilling hatte sich ein Darlehen von 350.000 Euro verschafft. Ein weiterer Gesellschafter lieh sich knapp zwei Millionen Euro beim eigenen Unternehmen. Warum und wofür, dafür finden sich in den Unterlagen von Lucas Flöther keine Hinweise. Trotz der offenbar lückenhaften Buchhaltung ist es dem Insolvenzverwalter bisher gelungen zwei Drittel der Arbeitsplätze vorerst zu retten. Auch die Umsatzzahlen sollen wieder steigen. Die Zukunft des Unternehmens hängt aber wohl an einem Verkauf an einen Investor.

Prozess startet im Januar

Gegen ehemalige führende Manager des Unternehmens beginnt am 11. Januar am Landgereicht Leipzig ein Prozess wegen mutmaßlicher Steuerhinterziehung und Computerbetrug. Bis zu seinem Tod im Sommer war hier auch Firmengründer Wagner einer der Beschuldigten. Ob die juristische Aufarbeitung Auswirkungen auf die Entwicklung des Unternehmens hat, ist offen. Auch das Erbe von Wagner ist bis heute nicht geklärt, heißt es in dem Bericht des Insolvenzverwalters.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 15. Dezember 2016 um 12:41 Uhr

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