Transportdrohne | Bildquelle: DLR

Versuch des DLR Frachtdrohne startet zu Testflügen

Stand: 30.08.2018 10:55 Uhr

Experten sind sich sicher: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis unbemannte Frachtflugzeuge den Transport von Waren übernehmen. Doch die Anforderungen an die Technik sind komplex und rechtliche Fragen offen.

Von Jan-Peter Bartels, HR

Langsam schließen sich die Frachtklappen des Flugzeugs. Die Medikamente an Bord sind sicher verstaut. Das hat der Computer überprüft. Kurz überfliegt eine Drohne die Maschine und macht letzte Checks: Alles in Ordnung mit den Rudern, sitzen die Klappen, sind die Propeller frei von Rissen? Als das Okay der Bodenkontrolle kommt, fährt das Flugzeug von alleine los und hebt ab auf einem programmierten Kurs. Niemand ist an Bord, niemand steuert aus der Ferne - die Entscheidungen trifft der Computer.

Bisher geht das nur in der Video-Animation. Doch das entsprechende Flugzeug hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt bereits gebaut. Es sieht aus wie eine Mischung aus Flugzeug und Hubschrauber. Der "Air Cargo Gyrocopter" soll Ende September zum ersten Mal abheben. Dann starten die Flugversuche bei Cochstedt in Sachsen-Anhalt. Bei der "Air Cargo Conference" in Frankfurt war das Projekt bereits ein Thema. Denn der 450 Kilo schwere Flugtragschrauber soll 200 Kilo Last transportieren und bis zu vier Stunden fliegen können.

Computer entscheiden selbstständig

Das Interesse der Wirtschaft sei massiv, sagt Stefan Levedag vom DLR-Institut für Flugsystemtechnik. Auf das erste Abheben freue sich das ganze Team. "Es ist ein absolutes Glücksgefühl, wenn man einen Prototypen in der Luft sieht. Das ist der Moment, bei dem alle sagen: Dafür haben wir gearbeitet."

Drei Jahre dauert die Entwicklung. Nicht die Automatik, sondern die Autonomie sei das Problem, sagt Levedag. Der Computer müsse auch bei nicht absehbaren Ereignissen selbstständig Entscheidungen treffen und Situationen lösen können: "Das ist nicht wie bei einer Fernsteuerung. Es gibt niemanden mehr, der eingreifen könnte", so Levedag. "Wie wollen Sie vollständig abtesten, dass der Computer immer richtig reagiert?" Es ist keine leichte Aufgabe, den Aufsichtsbehörden zu beweisen, dass Technik und Computer sicher sind.

Luftaufnahme des Flughafens Frankfurt | Bildquelle: picture alliance / dpa
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Komplexe Situationen am Boden und der Luft müssen Frachtdrohnen künftig allein klären.

Technische und rechtliche Fragen

Auch deswegen ist viel von autonomen Autos zu hören, aber wenig die Rede von autonomen Flugzeugen. Baustellen, Ampeln oder Fußgänger - alles große Herausforderungen am Boden - sind zwar für Flugzeuge kein Problem. Doch viel Verkehr gibt es inzwischen auch am Himmel und der Flug über Straßen oder bewohntes Gebiet gilt von vorneherein als ausgeschlossen: "Obwohl ich weiß, was da oben passiert, wäre auch mir nicht wohl, wenn regelmäßig so ein Ding über mein Haus fliegt", sagt Levedag.

Die Anforderungen sind also hoch für die sogenannten UAV (Unmanned Aerial Vehicle - unbemanntes Flugzeug), auch rechtlich: "Ein Pilot kann reagieren, improvisieren und vor allem zur Verantwortung gezogen werden, wenn etwas schief läuft", sagt ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel. "Aber wer haftet, wenn der Computer allein fliegt? Der Betreiber, der Hersteller, der Entwickler? Da gibt es noch ungeklärte Fragen."

Nur noch eine Frage der Zeit

Das DLR wird deshalb seine Tests auf einem gesperrten Gelände durchführen. Um nicht anderem Luftverkehr im Weg zu sein, soll die Großdrohne nur bis 150 Meter Höhe fliegen. "Der Frachttransport ist wirklich spannend. Es ist der erste Bereich, der sich autonom erschließen lässt", so Levedag. An rechtlichen Grundlagen werde gearbeitet, bis zu den ersten Frachtdrohnen am Himmel sei es nur eine Frage der Zeit.

Weltweit wird an dem Thema geforscht und gearbeitet. Logistikunternehmen liebäugeln mit dem Sparpotential durch den Computer am Steuer: "Das pilotenlose Fliegen könnte in naher Zukunft Realität werden", ist auch ARD-Luftfahrtexperte Immel sicher.

"Das amerikanische Unternehmen M2C Aerospace hat bereits konkrete Pläne. Da geht es um neue Frachtflugzeuge, die für den Logistikkonzern FedEx an den Start gehen sollen. Die Amerikaner geben sich zuversichtlich, sie planen das für 2022", so Immel. Auch die beiden dominierenden Flugzeughersteller Airbus und Boeing sind stark aktiv und arbeiten beispielsweise an Studien zu autonomen Flugtaxis.

Zunächst kleinere Frachtdrohnen

DLR-Wissenschaftler Levedag sieht bei der Größe unbemannter Frachtflugzeuge allerdings Grenzen - wegen der umso größeren Anforderungen. "Ein menschlicher Pilot spürt seltsame Vibrationen, riecht den leichten Schmorgeruch im Cockpit - bei der Autonomie muss das alles die Maschine machen", so Levedag: "Je größer die Maschine, umso schwerer, umfangreicher und komplizierter wird es. Das macht die Sache teurer. Bei größeren Maschinen werden Piloten noch lange günstiger bleiben."

Deswegen glaubt Levedag eher an kleine autonome Frachtflugzeuge. Seiner Meinung nach könnte es noch 20 Jahre dauern, bevor sich bei Flugzeugen von der Größe eines Airbus A320 die Frachtklappen schließen und die Maschine losrollt und abhebt, ganz ohne Piloten am Bord, gesteuert allein vom Computer.

Über dieses Thema berichtete MDR Sachsen-Anhalt - Das Radio sind wir am 18. September 2018 um 12:00 Uhr.

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