Auspuff | Bildquelle: dpa

Diesel-Debatte Rechenfehler bei Umweltbundesamt-Studie?

Stand: 20.02.2019 05:01 Uhr

In der Debatte über Dieselfahrverbote werfen Mathematiker dem Umweltbundesamt vor, übertriebene Ängste zu schüren. In einer Studie zu Todesfällen werde eine Formel falsch angewendet.

Von Thomas Berbner und Torben Börgers, NDR

In einer viel beachteten Studie hatte das Helmholtz-Institut im vergangenen Jahr mit statistischen Methoden den Zusammenhang von Stickstoffdioxid-Belastungen und Krankheitsverläufen errechnet. Dabei kamen die Forscher zu dem Schluss, dass im Jahr 2014 rund 6000 Menschen in Deutschland vorzeitig durch Stickstoffdioxid verstorben seien - ein zentrales Argument in der Dieseldebatte.

Der habilitierte Epidemiologe und Mathematiker Peter Morfeld von der Ruhr-Universität Bochum hält das Vorgehen des Helmholtz-Zentrums München für unwissenschaftlich: "Wir müssen klar sagen, dass wir so etwas wie vorzeitige Todesfälle gar nicht bestimmen können." In dem Report des Umweltbundesamtes werde fälschlicherweise eine Formel verwendet, die dafür nicht geeignet sei, so Morfeld im Interview mit dem ARD-Wirtschaftsmagazin  Plusminus. "Wir können diesen Daten in dem Bericht des Umweltbundesamtes nicht trauen."

Autos im Straßenverkehr | Bildquelle: dpa
galerie

Gesundheitsgefahren durch Stickstoffdioxid: Wie gefährlich sind die Abgase?

Notwendige Daten nicht vorhanden

Mit der in der Mathematik gebräuchlichen AF-Formel ("Attributale Fraktion") könne lediglich die verlorene Lebenszeit ausgerechnet werden, schreibt Morfeld in einem gemeinsamen Fachaufsatz mit Kollegen der Universität Köln. Für eine Errechnung vorzeitiger Todesfälle fehle aber die notwendige Datengrundlage.

Dafür müsse jeder Testperson ein statistischer Zwilling zugeordnet werden, mit genau derselben Lebensweise hinsichtlich Faktoren wie Sport, Alkoholkonsum und Ernährung. Es dürfe nur einen Unterschied geben: die Belastung durch NO2. "Wenn wir solche Daten nicht zur Verfügung haben, können wir den Begriff der vorzeitigen Todesfälle nicht sinnvoll verwenden", so Morfeld. "Und solche Daten gibt es in der Epidemiologie nicht."

Versachlichung der Debatte gefordert

Wenn man nur auf die Größe schaue, die mit der Formel gemessen werden könne, nämlich generell verlorene Lebenszeit, ergebe sich ein ganz anderes Bild der Schadstoffbelastung als bislang öffentlich dargestellt. Der Effekt der NO2-Exposition sei in Wahrheit klein, im Jahr 2014 für die Gesamtbevölkerung betrachtet acht Stunden pro Person. "Diese große, plakative Wirkung mit den vielen Todesfällen, die ergibt sich nur, wenn ich die Formel falsch anwende."

Morfeld fordert deshalb eine Versachlichung der Dieseldebatte. Andernfalls könnte das Vertrauen der Bürger in Politik und Wissenschaft erschüttert werden - vor allem angesichts anstehender Dieselfahrverbote und drohender finanzieller Verluste für die Betroffenen.

Das Umweltbundesamt fordert der Epidemiologe deshalb auf, seinen Bericht zu den 6000 vorzeitigen Todesfällen zurückzuziehen: "Sicher ist das ein schwieriger Schritt für das Umweltbundesamt, aber ich halte ihn für überfällig."

Umweltbundesamt will Position überprüfen

Das Umweltbundesamt geht nach eigener Aussage offen mit Kritik um und will die Anwendung der Formel nun überprüfen. Die Frage sei dabei nicht, ob die Formel falsch oder richtig sei. Bezweifelt werde lediglich, ob sie auch für die Ableitung vorzeitiger Todesfälle verwendbar ist, wie von der WHO empfohlen.

Hierfür stünde das Umweltbundesamt mit dem amerikanischen Institute for Health Metrics and Evaluation aus Seattle in Kontakt, das auf dem Gebiet der Krankheitslaststudien weltweit führend sei und die kritisierte Formel ebenfalls verwende. Eine endgültige Position werde das Umweltbundesamt erst im Anschluss der Prüfung einnehmen.

Autos fahren am Neckartor in Stuttgart (Baden-Württemberg) an einer Messtation zur Messung der Luftqualität vorbei. | Bildquelle: picture alliance / dpa
galerie

Messstation in Stuttgart: Diskussion um Grenzwerte

Kritik an Festlegung aktueller Grenzwerte

Unterdessen gibt es auch an der Festlegung der heute gültigen Grenzwerte für NO2 durch die EU erneute Kritik. Der Grenzwert liegt im Jahresmittel bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Eine Expertengruppe der WHO stellte offenbar bereits 1994 fest, dass selbst Asthmatiker erst in vergleichsweise hohen Konzentrationen von 380 bis 560 Mikrogramm pro Kubikmeter auf NO2 reagierten, aber nur mit geringen und nicht dauerhaften Effekten.

Das geht aus WHO-Protokollen hervor, die Professor Alexander Kekulé untersucht hat, Direktor des Instituts für Biologische Sicherheitsforschung in Halle (Saale) und früheres Mitglied der Regierungskommission für Bevölkerungsschutz. Demnach kamen die Experten damals zu dem Ergebnis, dass es keine belastbaren Erkenntnisse darüber gebe, ab welcher genauen Dosis NO2 gefährlich sein könnte.

"Zum Fremdschämen"

Auch ein Expertentreffen ein Jahr später in Oslo stellte fest: Die Datenlage für NO2 in der Außenluft reiche für eine konkrete Risikoeinschätzung nicht aus. "Das ganze Verfahren zur Festlegung der Grenzwerte war aus Wissenschaftlersicht zum Fremdschämen", sagt der Arzt und Biochemiker.

"In dem Bereich, um den es in Deutschland im Moment geht, gibt es medizinisch absolut keinen Beleg, dass es Gesundheitsschäden gibt. Das muss man ganz klar und laut und deutlich sagen. Es gibt viele Spekulationen, aber belegt ist absolut nichts."

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrags wurde Peter Morfeld irrtümlich als Professor bezeichnet. Tatsächlich hat Herr Morfeld zwar habilitiert, ist an der Universität Bochum aber als Privatdozent tätig. Wir haben den Beitrag entsprechend korrigiert.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 20. Februar 2019 um 07:41 Uhr.

Darstellung: