Geflüchtete Ukrainerin arbeitet in Fabrik

Ukrainer auf dem Arbeitsmarkt Beruflicher Neustart nach der Flucht

Stand: 28.04.2022 08:11 Uhr

Viele geflüchtete Ukrainerinnen und Ukrainer starten derzeit in ihren ersten Jobs in Deutschland. Offene Stellen gibt es genug. Aber ganz so einfach ist der Neuanfang nicht.

Von Ingrid Bertram, WDR

Valentyna Kovtun zieht sich eine weiße Haube, Handschuhe, einen weißen Kittel und einen Mundschutz über und stellt sich an das Band, um von dort die Aufbackbrötchen in Plastiktüten in Kartons zu packen. Sie ist vor wenigen Wochen aus Kiew hierher nach Bocholt geflüchtet. In der ukrainischen Hauptstadt hat sie ein Restaurant geleitet. Jetzt ist sie mit ihren zwei Kindern, die sieben und neun Jahre alt sind, ihrer Schwester und ihrer Mutter in Deutschland. Sie sei einfach froh, dass sie wieder arbeiten kann. Bei der Großbäckerei Sinnack hat sie diesen Job gefunden.

Ingrid Bertram

Wohnraum, Bankkonten, Behördengänge

So leicht war die Suche nicht für sie. Ohne Deutsch, sagt Valentyna Kovtun, sei es sehr schwierig. Hier bei Sinnack müsse man einfach nur arbeiten. "Außerdem gibt es hier viele Leute, die einem mit der Sprache helfen, Polen und auch russischsprachige Menschen, die einem helfen, wofür ich sehr dankbar bin. Man kommt einem immer entgegen, und selbst mit Gesten kann man oft verstehen, was gemeint ist."

Holger Wüpping ist der Chef beim Backwaren-Hersteller Sinnack. Neben Valentyna Kovtun hat er acht weitere Geflüchtete eingestellt. Für ihn war es wichtig, erstmal etwas gegen das Leid in der Ukraine zu tun und helfen zu können, wie er sagt. Nur mit neuen Jobs für Flüchtlinge allein war es nicht getan.

Holger Wüpping | Sinnack Backspezialitäten GmbH & Co. KG

Hat schon neun Menschen aus der Ukraine eingestellt: Sinnack-Chef Holger Wüpping Bild: Sinnack Backspezialitäten GmbH & Co. KG

"Das war überhaupt nicht leicht, und es braucht viele freiwillige Helfer im Unternehmen. Es fehlt vor allem an Wohnraum, den man als erstes schaffen muss", sagt Wüpping. Sie hätten die neuen Mitarbeiterinnen zuvor bei den Behörden angemeldet, für sie Bankkonten eingerichtet, die Grundsteine für das neue Leben gelegt.

Jobbörse für Menschen aus der Ukraine 

Aber wie finden Geflüchtete einen passenden Job? Eine Möglichkeit ist das Portal jobaidukraine.com, über das Valentyna Kovtun ihren neuen Job gefunden hat. Es wurde Mitte März ehrenamtlich von zwei Unternehmern aus Nordrhein-Westfalen gegründet. Die Jobbörse bietet auf Englisch und Ukrainisch Ausschreibungen speziell für Geflüchtete aus dem Kriegsgebiet an.

Laut Gründer Marcus Diekmann wurden bereits rund 20.000 Jobs von etwa 10.000 Unternehmen angeboten, über 2000 Stellen vermittelt. Diekmann selbst hat mit vielen Ukrainern und Ukrainerinnen gesprochen und weiß, wie wichtig es vielen ist, so schnell wie möglich unabhängig zu werden und Geld zu verdienen. Und zumindest temporär könnte durch sie ein Teil des Fachkräfteproblems gelöst werden.

Marcus Diekmann | Simon Thon

Die Jobbörse von Marcus Diekmann hat schon viele Arbeitsplätze vermittelt. Bild: Simon Thon

Lösung für den Fachkräftemangel?

Auf jobaidukraine.com werden Hilfskräfte in der Reinigung, Gastronomie oder Krankenhäusern gesucht, Softwareentwickler, Einkaufsleiter oder technische Ingenieure für Windkraftanlagen - ein Spiegel des Fachkräftemangels. Derzeit sind laut dem Institut für Arbeits- und Berufsforschung (IAB) 1,69 Millionen Stellen in Deutschland unbesetzt, ein neuer Höchststand auf dem Arbeitsmarkt.

Viele der ankommenden Flüchtlinge, von denen die Mehrzahl Frauen sind, bringen laut IAB die Qualifikationen mit, mit denen sie theoretisch die Lücken in Betrieben füllen könnten. Ein Großteil sind Akademikerinnen oder haben technische oder medizinische Berufe erlernt. Ebenso gibt es unter ihnen viele Verkäuferinnen - oder die Geflüchteten waren zuvor in anderen Dienstleistungsberufen tätig. Und ein Teil hat als Hilfsarbeitskräfte gearbeitet.

18 neue Busfahrer und Busfahrerinnen

Bei der Firma Vias Bus GmbH in Düren büffeln derzeit 18 Geflüchtete aus der Ukraine für den Bus- und Pkw-Führerschein. Sie kommen aus Kiew, Odessa, Mariupol und Charkiw. Die Heimat ist zerstört; hier bauen sie sich ein neues Leben auf. Jeden Tag vier Stunden Sprachkurs und vier Stunden betriebliche Ausbildung: Arbeitsschutz, Unterweisungen in Terminen und natürlich Verkehrs- und Fahrunterricht.

Im Betrieb waren 20 Stellen unbesetzt. Busfahrer seien Mangelware, sagt Geschäftsführer Jan-Oliver Mau. Jetzt können sie den Flüchtlingen helfen und gleichzeitig ihre freien Stellen besetzen. Erstaunlicherweise haben sich viele Männer gemeldet. "Da haben wir auch dazugelernt: Ukrainer dürfen trotz Wehrpflicht ausreisen, wenn sie entweder mindestens drei Kinder oder eine pflegebedürftige Person in der Familie haben," so Mau.

Gruppenfoto von Azubis aus der Ukraine bei VIAS Bus GmbH | VIAS Bus GmbH

Der Fahrschulkurs mit Geflüchteten aus der Ukraine bei Vias Bus in Düren. Bild: VIAS Bus GmbH

"Sie sind hochmotiviert"

Was den Geschäftsführer wirklich überrascht hat: Nach nur fünf Tagen hatten alle Ukrainer die notwendige vorläufige Arbeitserlaubnis von der Stadt Düren. "Das war wirklich sensationell," sagt Mau. Jetzt beziehen schon alle Ukrainer bei der Vias Bus GmbH in der Ausbildung den Tariflohn für Berufsanfänger - und das zeigt Wirkung. "Sie sind hochmotiviert. Sie wollen lernen, sie wollen arbeiten, und wir haben den Eindruck, sie wollen ein Teil Gesellschaft sein." Ende Mai können die ersten von ihnen auf den Buslinien selbst fahren.

Die Frage ist nur: Wie lange werden sie in Deutschland bleiben? Klar ist, dass die meisten Geflüchteten - sobald es irgendwie geht - wieder in ihre Heimat zurückwollen. Nur wie lange das dauern könnte, weiß keiner. Deswegen werden bei Großbäcker Sinnack erstmal kurzfristige Verträge angeboten, befristet auf ein halbes Jahr. Für Geschäftsführer Wüpping ist aber klar: Wer möchte, kann auch langfristig bleiben - und sich im Betrieb ausbilden lassen.

Über dieses Thema berichtete u.a. das Hamburg Journal im NDR Fernsehen am 07. April 2022 um 19:30 Uhr.