Fußball-EM-Plakate im Zentrum von Aserbaidschans Hauptstadt Baku | dpa

UEFA-Sponsoring Aserbaidschan setzt auf neue Strategie

Stand: 12.06.2021 12:17 Uhr

Aserbaidschans Hauptstadt Baku ist ein Austragungsort der Fußball-EM. Der staatliche Ölkonzern SOCAR war seit 2013 UEFA-Sponsor, doch kürzlich sprang er ab. Es ist Teil einer neuen Strategie.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

Aserbaidschans Hauptstadt Baku zeigt sich von ihrer glänzenden Seite: Drei Gruppenspiele und das Viertelfinale der Fußball-Europameisterschaft werden im Nationalstadion ausgetragen, das 2015 eröffnet wurde.

Silvia Stöber tagesschau.de

Für 90 Millionen Euro war das staatliche Energieunternehmen SOCAR vor acht Jahren als Sponsor eingestiegen. Doch seit kurzem fehlt dessen Logo auf der Website der UEFA. Der Europäische Fußballverband bestätigte auf Nachfrage deutscher Medien wie "11Freunde" lediglich das Ausscheiden von SOCAR.

Gründe, sich von dem Ölkonzern zu trennen, gäbe es einige: Das Engagement im Sport solle von den Menschenrechtsverletzungen der Führung in Baku ablenken, die Kritiker der autoritären und korrupten Staatsführung verfolgen und einsperren lässt - lautet ein Vorwurf, ein anderer: Propaganda gegen den verfeindeten Nachbarn während des Krieges im Herbst, wobei SOCAR vor allem Tweets der aserbaidschanischen Führung teilte.

Neue Geschäftsstrategie

Nachrichten auf aserbaidschanischen Websites zufolge ging die Initiative zur Trennung allerdings nicht von der UEFA aus. Demnach entschied SOCAR, das Sponsoring zu beenden. Das Finanznachrichtenprotal fins.az zitierte Ende Mai den Vizechef der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsorganisation von SOCAR, Ibrahin Ahmedov: Das Unternehmen habe seine Geschäftsstrategie geändert. Für jene Projekte, die nicht mehr dazu passten, würden die Ausgaben reduziert. Darunter falle auch die Verlängerung der Partnerschaft mit der UEFA.

Das Presseorgan "iki sahil" erläuterte dazu, SOCAR habe im Jahr 2019 beschlossen, seine alte Geschäftsstrategie zu überdenken. Mit der Unternehmensberatung McKinsey habe man eine neue für den Zeitraum bis 2035 entwickelt, die die Transformation der Weltwirtschaft, die vierte industrielle Revolution und die Energiewende berücksichtige.

Fragen nach dem politischen Nutzen

In der Tat stellt sich die Frage, wie einträglich das kostspielige Sponsoring sowie die Austragung von Sport- und Kulturveranstaltungen für Aserbaidschan waren. Zwar ist das Land weltweit bekannter geworden, seit es 2012 den "Eurovision Song Contest" ausrichtete oder Sportereignisse wie seit 2016 jährlich die Formel 1 in Baku veranstaltet.

Aber verbunden waren Sport- und Kulturevents auch immer mit Berichten über die autoritäre Staatsführung, Korruption und die Menschenrechtslage. Dafür sorgten nationale und internationale Akteure aus der Zivilgesellschaft, den Medien und der Politik.

In Aserbaidschan erhoffte politische Unterstützung für die gewaltsame Rückeroberung von Gebieten unter Kontrolle des verfeindeten Nachbarn Armenien blieb beschränkt auf wenige Länder wie den engen Verbündeten Türkei. Dessen Präsident Recep Tayyip Erdogan wird die Fußball-EM allerdings nicht nur nutzen, um beim Gruppenspiel Türkei gegen Wales in Baku dabei zu sein. Er wird auch in die während des Krieges im Herbst eingenommene Stadt Schuscha reisen.

Post-Öl-Ära eingeläutet

Davon abgesehen zeigt SOCARs Ausstieg aus dem Sponsoring die Anpassungsfähigkeit der Führung um Präsident Ilham Alijew, der 2003 seinem Vater Gaidar im Amt nachfolgte. Dem oft unterschätzten Präsidenten gelang es, sich gegen Konkurrenten und alte Machtstrukturen zu behaupten. Dazu ernannte er unter anderem 2017 seine Frau Mehriban Alijewa zu seiner Stellvertreterin. Sie entstammt einer Geschäftsfamilie aus Baku, die mit der Pasha Holding über ein Unternehmensimperium verfügt, aber gegenüber den herkömmlichen Oligarchen als moderner gilt.

Modernisierung war die Antwort der Alijews auf schwere Krisen, die das Land ab 2014 ereilte. Damals fielen die Ölpreise zum ersten Mal massiv. Aserbaidschan erlebte die erste Rezession seit 1995, die Zentralbank musste die Landeswährung stark abwerten. Trotz Repression äußerte sich der Unmut der Bevölkerung über sinkende Einkommen in Protesten. Schon in den Jahren zuvor hatten Experten vor dem Versiegen der Energiequellen an Land gewarnt. Die Gewinnung von Öl und Gas aus dem Kaspischen Meer ist aufwendiger und teurer.

Beim World Economic Forum in Davos 2018 erklärte Alijew dann: "Als wir einen erheblichen Fall der Ölpreise erlebten, sagte ich, für uns in Aserbaidschan hat die Post-Öl-Ära bereits begonnen. Wir sollten Öl und Gas vergessen." Er erklärte die Diversifizierung der Wirtschaft zum Hauptziel. Haupteinkommensquellen sollten innovative Technologien, Unternehmertum und Landwirtschaft werden.

Digitale und grüne Technologien

Tatsächlich besetzte Alijew hochrangige Posten mit jungen Technokraten. Sie entbürokratisierten und digitalisierten die Verwaltung - zur Freude der Bürger, die nun ohne Bestechung Serviceleistungen vom Staat erhalten können. Ausländische Firmen sollen in Sonderwirtschaftszonen einfacher investieren können.

Für die im Krieg zurückeroberten Gebiete entwarf Alijew ambitionierte Pläne mit Einsatz und Entwicklung digitaler und grüner Technologien. Die britische Firma Chapman Taylor erhielt den Auftrag für die Stadtplanung von Schuscha, die zuvor schon für die Pasha Holding Bauprojekte umsetzte. Türkische Unternehmen teils mit Verbindungen zu Erdogan übernehmen Projekte in der Infrastruktur und im Bergbau.

Elitenkorruption bleibt

Experten und Journalisten weisen darauf hin, dass diese Aufträge ohne Ausschreibungen und Transparenz vergeben wurden. Dies nährt Vermutungen, dass die Korruptionsbekämpfung den Bereich der Elite aussparen soll, die sich mit neuen Wirtschaftszweigen Einkommensquellen abseits von Öl und Gas erschließen will.

Dass Aserbaidschan zwar eine Modernisierung, aber keine Demokratisierung erfährt, dafür spricht auch das Ergebnis der Parlamentswahl von 2020. Zur Enttäuschung vieler in der jungen Generation blieben überwiegend alte Kader Abgeordnete. Auch viele neue Kandidaten der Regierungspartei wurden nicht berücksichtigt. Die zeitweise strikten Einschränkungen während der Corona-Pandemie nutzte die Führung, um hart gegen Regierungskritiker vorzugehen.

Zu beobachten bleibt, ob sich die Führung Aserbaidschans ganz aus dem Sponsoring zurückzieht und ob andere Staaten mit ähnlichem Hintergrund ihr Engagement ebenfalls überdenken. Für Verbände wie die UEFA würde sich dann die Frage stellen, wie teure Ereignisse künftig finanziert werden können.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Mai 2021 um 19:36 Uhr.