Die türkische Zentralbank in Ankara | REUTERS

Trotz 83 Prozent Inflation Türkische Notenbank senkt Leitzins kräftig

Stand: 20.10.2022 15:02 Uhr

Die türkische Zentralbank setzt ihre umstrittenen Zinssenkungen fort - ungeachtet der enorm starken Teuerung. Und Präsident Erdogan hat eine weitere Lockerung der Geldpolitik angekündigt.

Während die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) oder die Europäische Zentralbank (EZB) aktuell ihre Zinsen im Kampf gegen die Inflation anheben, setzt die türkische Notenbank ihre unorthodoxe Geldpolitik fort. Ungeachtet einer extrem hohen Teuerung von mehr als 80 Prozent senkt sie erneut ihren Leitzins.

Die Währungshüter in der Türkei gaben heute die Senkung des wichtigen Zinssatzes von zwölf auf 10,5 Prozent bekannt. Auch bei der nächsten Sitzung könnte der Zins ähnlich stark zurückgehen und damit die vor gut einem Jahr eingeleitete Lockerung der Geldpolitik weiterführen. Damals lag der Zinssatz noch bei 19 Prozent.

Inflation von 83 Prozent - Lira unter Druck

Die Inflation in der Türkei war im September auf rund 83 Prozent gestiegen, damit ist sie so hoch wie seit dem Jahr 1998 nicht mehr. Analysten gehen davon aus, dass die Teuerung auch in den kommenden Monaten weiter stark steigen dürfte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen sehen die Inflationsrate am Jahresende bei 72,5 Prozent und Ende 2023 bei 40,5 Prozent.

Eigentlich wären daher nach ökonomischer Lehrmeinung deutliche Zinserhöhungen das Gebot der Stunde, um die wirtschaftliche Aktivität abzukühlen und die Teuerung so in den Griff zu bekommen sowie die Lira wieder attraktiver zu machen. Im Handel mit dem US-Dollar bewegt sich die Währung derzeit in der Nähe des Rekordtiefs. Sie hat allein im vergangenen Jahr mehr als 44 Prozent zum Dollar verloren, in diesem Jahr bislang weitere 29 Prozent.

Die schwache Lira verteuert die Importpreise und treibt die Inflation zusätzlich an. Hinzu kommen anhaltende Probleme in den internationalen Lieferketten, die Vorprodukte teurer machen. Daneben steigen die Preise von Energie und Rohstoffen, vor allem wegen des russischen Kriegs gegen die Ukraine.

Günstigere Kredite sollen Exporte anschieben

Präsident Recep Tayyip Erdogan will allerdings dafür sorgen, dass die Zinsen weiter kontinuierlich gesenkt werden, solange er an der Macht ist. "Solange Euer Bruder in dieser Position ist, werden die Zinsen mit jedem Tag, jeder Woche, jedem Monat fallen", sagte Erdogan kürzlich bei einer Veranstaltung in der westlichen Provinz Balikesir. Er will mit günstigen Krediten die Produktion und die Exporte anschieben, was wiederum für mehr Beschäftigung sorgen soll.

Die türkische Wirtschaft ist 2021 mit elf Prozent so stark gewachsen wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Die Konjunktur steht aber wegen der hohen Inflation und der negativen Folgen des Ukraine-Kriegs etwa für den Tourismus vor einem schwierigen Jahr. Ökonomen trauen der Türkei in diesem Jahr nur rund 3,5 Prozent Wachstum zu.