Erdogan bei der Präsentation des türkischen E-Autos | Bildquelle: AFP

Erdogan präsentiert E-Auto Ein türkischer Traum

Stand: 28.12.2019 00:21 Uhr

Mit einer großen Show hat die türkische Regierung zwei E-Auto-Prototypen präsentiert. Ab 2022 sollen sie verkauft werden und komplett in der Türkei hergestellt werden. Die Hoffnungen sind groß.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Es ist eine Show, wie man sie auch von anderen Autopräsentationen kennt: Zur dramatischen Musik gibt es eine Lichtshow mit bunt-blitzenden Scheinwerfern, dazu große Reden voller Superlative. Präsident Recep Tayyip Erdogan schwärmt, man sei Zeuge eines historischen Tages, an dem der 60 Jahre alte Traum der Türkei wahr werde.

Autos "made in Turkey" gibt es viele, von Ford oder Fiat zu Beispiel. Aber bisher keines "made by Turkey" - also ein rein türkisches Auto. Daran war man immer wieder gescheitert.

Prototyp des türkischen E-Autos | Bildquelle: ERDEM SAHIN/EPA-EFE/REX
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Das Interesse an den E-Auto-Prototypen war groß.

Fünf Modelle

Doch Erdogan will sich nicht mit einem gewöhnlichen Auto zufrieden geben. Er will ein reines Elektroauto. Insgesamt fünf Modelle sollen zur Flotte gehören, zwei stellte er bei der Präsentation in der Nähe von Istanbul vor: eine Limousine und das Vorzeigemodell, ein SUV. 500 Kilometer weit soll er mit einer Batterieladung kommen, 400 PS stark. Erdogan verspricht:

"Durch dieses Automobil, dessen gewerbliche Rechte komplett uns gehören werden, wird die Welt eine neue wettbewerbsfähige türkische Marke kennenlernen. Alle strategischen Entscheidungen bezüglich dieser Marke wird die Türkei selber treffen. Unsere Ideen werden von unseren Ingenieuren umgesetzt. Für keinen Schritt müssen wir uns um Lizenzen oder Genehmigungen sorgen. Alle technologischen Eigenschaften werden wir selbst bestimmen."

4000 neue Arbeitsplätze

Komplett türkisch ist das neue Auto allerdings nicht. Das Design stammt von einer italienischen Firma. Der Autojournalist Levent Bolkan versucht das im türkischen Fernsehen zu rechtfertigen: "Es ist immer wieder Kritik zu hören. Aber die beruht auf dem Missverständnis, dass alle Teile eines türkischen Autos auch wirklich in der Türkei hergestellt werden müssten", erklärt er. So etwas gebe es aber nirgendwo auf der Welt. "Die Türkei ist im Bereich der Automobilindustrie eine globale Größe. Wir beliefern deutsche, französische oder italienische Automobilhersteller mit Bauteilen. Ist eine deutsche Automobilmarke denn nicht mehr deutsch, nur weil einige Teile aus der Türkei kommen?", fragt er.

Die neue Marke entstand vergangenes Jahr durch einen Zusammenschluss von fünf türkischen Industrieunternehmen. An der Spitze des Konsortiums steht ein ehemaliger Bosch-Chef. Innerhalb von 13 Jahren sollen mehr als drei Milliarden Euro in Erdogans Prestige-Objekt fließen. Dazu wird eine ganz neue Fabrik bei Bursa in der Nähe von Istanbul entstehen.

Es sei die erste in Europa, die von Anfang an nur Elektroautos baut, triumphiert Erdogan in einem weiteren Superlativ. Mehr als 4000 Arbeitsplätzen sollen entstehen, wann genau ist nicht bekannt. Schon jetzt ist die Region ein Zentrum für Automobil-Zulieferbetriebe.

Prototyp des türkischen E-Autos | Bildquelle: AFP
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Prototyp des neuen türkischen E-Autos. Unter welchem Namen die Modelle verkauft werden, steht noch nicht fest.

"Wir wollen eine globale Marke schaffen"

"Neue Technologien und Erwartungen machen es nötig, dass sich unsere Ersatzteilindustrie, unsere komplette Zuliefererindustrie auf die Zukunft einstellt und entsprechend ausrichtet", sagt Industrieminister Mustafa Varank." Einer der größten Beiträge dieses neuen türkischen Elektroautos wird der Wandel und die Umstellung unserer Zuliefererindustrie sein."

Ab 2022 sollen die ersten serienreifen Modelle vom Band laufen, Ziel sind 175.000 Fahrzeuge pro Jahr. Wann diese Zahl erreicht wird? Da hält man sich noch bedeckt. Dafür macht Erdogan klar: Der türkische Absatzmarkt reicht ihm nicht. "Wir bauen dieses Auto nicht nur für unseren eigenen Bedarf. Wir wollen eine globale Marke schaffen. An dem Tag, an dem wir dieses Auto auf den Straßen der ganzen Welt - angefangen von nahen Märkten wie Europa - sehen, werden wir an unserem Ziel angekommen sein."

Erdogan will E-Dienstwagen

Das regierungsnahe türkische Fernsehen berichtete über Stunden live von der Präsentation. Dabei schwingt viel Hoffnung mit, dass die erste türkische Automarke das Land zumindest mittelfristig aus der Wirtschaftskrise führt, auch wenn das an diesem Tag keiner direkt anspricht. Es ist eine Autoshow, die schon fast trotzig wirkt - in Richtung Wolfsburg. Denn VW hat sich immer noch nicht entschieden, ob ein neues Werk wie ursprünglich geplant in der Türkei gebaut wird. Hintergrund ist die Kritik an der türkischen Offensive in Nordsyrien.

Die ersten 30.000 Fahrzeuge der türkischen Elektroflotte haben schon einen Abnehmer. Die türkische Regierung garantiert angeblich bis 2035 für den Kauf. Fahrschulen und Taxi-Unternehmen haben laut regierungsnahen Medien angekündigt, auf die neue Marke umzusteigen, die übrigens noch keinen Namen hat. Und auch Erdogan will auf einen Dienstwagen "made by Turkey" umsteigen. Solange lässt er sich allerdings noch in einer deutschen Luxuslimousine chauffieren.

Erdogans neues Prestige-Objekt: E-Auto 'made in Turkey
Karin Senz, ARD Istanbul
28.12.2019 00:17 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 28. Dezember 2019 um 06:21 Uhr.

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