Birgit Breuel und Detlev Rohwedder | Bildquelle: picture alliance/dpa

30 Jahre deutsche Einheit Treuhand: Die überforderte Behörde

Stand: 03.10.2020 07:22 Uhr

Keine andere Institution prägte die Zeit nach der Wiedervereinigung so sehr wie die Treuhand. Deren Arbeit hinterließ tiefe Wunden bei der ostdeutschen Bevölkerung.

Von Lena Gürtler, Christoph Heinzle und Marc Hoffmann, NDR

30 Jahre Einheitsgeschichte - das sind auch drei Jahrzehnte einzigartiger Wirtschaftsgeschichte. Keine andere Institution prägte die Jahre nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung so sehr wie die Treuhand. Bis heute scheiden sich an der einstigen Behörde die Geister, und im Osten hat ihre Arbeit tiefe Wunden hinterlassen. Was ist Gefühl, was sind Fakten? Historiker haben damit begonnen, unzählige interne Treuhand-Akten auszuwerten.

Es war die vorletzte DDR-Regierung unter Hans Modrow, die am 1. März 1990 die "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums" gründete. Monate später im Sommer versprach Helmut Kohl blühende Landschaften und die Treuhandanstalt wurde Eigentümerin aller volkseigenen DDR-Betriebe. Der spätere Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder formulierte das unmissverständliche Ziel, "die Kombinate, die VEBs, zu privatisieren, wo eben möglich, zu sanieren, wo eben möglich, und zu liquidieren, wo unabweisbar."

Detlev Karsten Rohwedder | Bildquelle: imago images/teutopress
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Der damalige Chef der Treuhand, Detlev Karsten Rohwedder, im März 1991. Einen Monat später wurde er von RAF-Terroristen ermordet.

Treuhandarbeit - ein "patriotischer Akt"

Auch der Industriemanager Wolf Klinz fühlte sich damals berufen, an der wirtschaftlichen Wiedervereinigung mitzuwirken. Seinen Job in der Schweiz hängte er an den Nagel und übernahm 1990 einen der Vorstandsposten in der neuen Superbehörde. Er spricht heute von einem "patriotischen Akt". Doch wie er berichtet, fiel sein erster Arbeitstag wenig glamourös aus. Es fehlten Computer, Telefone und Faxgeräte, "den Waschraum haben sie am besten gar nicht betreten. Es war wirklich eine Situation, wo ich mich zunächst einmal gefragt habe: Hast du wirklich richtig entschieden?", so Klinz.

Unter solchen Startbedingungen suchte die Treuhand für mehr als 8000 ostdeutsche Betriebe neue Investoren. Nach Aktenlage entschied der Vorstand über das Schicksal Tausender Arbeitsplätze. Mit der Zahl der Arbeitslosen stieg auch der Unmut. Vor der Berliner Treuhandzentrale und in Betrieben protestierten Betroffene und forderten, statt Liquidation und Privatisierung das Augenmerk stärker auf die Sanierung der angeschlagenen Betriebe zu richten.

Aufbau Ost

Doch dafür fehlten der Treuhand Zeit, Geld und offenbar auch das Know How, berichtet Hans J. Moock, der ab 1990 als Direktor in der Dresdner Treuhandniederlassung arbeitete. "Das Sanieren ist ja nicht einfach. Da brauchen sie Leute, die wissen, wie das geht, Profis. In der Treuhand haben sie die nicht", sagt Moock.

Die Währungsunion im Sommer 1990 brach vielen Ostbetrieben das Genick. Hinzu kamen der Zusammenbruch der osteuropäischen Märkte und der knallharte kapitalistische Wettbewerb. Investoren zumeist aus Westdeutschland und dem Ausland sollten den maroden Betrieben eine Chance geben. Die Treuhandmanager hangelten sich bei der Auswahl der richtigen Käufer an verschiedenen Kriterien entlang: Kaufpreis, Arbeitsplätze und Höhe der versprochenen Investitionen.

Trümmer des VEB Rohrleitungs-Kombinat | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Marode DDR-Industrie: Die Trümmer des VEB Rohrleitungskombinat in Bitterfeld im Jahr 1990. Heute befindet sich hier ein Gewerbegebiet.

Blackbox Treuhand

Unter den Investoren befanden sich auch windige Geldmacher und Kriminelle, wenn auch in der Minderheit. Aber hierin liege der Stoff für die Mythen, die sich noch heute rund um die Treuhand rankten, sagt Marcus Böick, Historiker an der Ruhr-Universität Bochum. Dass die Treuhand nicht sehr transparent arbeitete, ist für den Treuhandexperten Böick ein weiterer Faktor. "Die Privatisierungsentscheidungen waren ein hochgradig interner Prozess und das war natürlich nach außen oftmals überhaupt nicht zu verstehen", sagt er.       

Das heute zuständige Bundesfinanzministerium zieht eine positive Treuhandbilanz mit 15.000 Privatisierungsvorgängen: Umgerechnet rund 80 Milliarden Euro sind demnach investiert worden, etwa eine Million Arbeitsplätze wurden den Angaben zufolge geschaffen.

Fest steht allerdings auch, dass es bis zu 4000 Firmenabwicklungen gab und rund 2,5 Millionen Menschen ihre Arbeit verloren. Dementsprechend formuliert es die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) auch etwas nüchterner. Dort heißt es: "Die Privatisierungstätigkeit der Treuhand war ein Verlustgeschäft für den wiedervereinigten deutschen Staat. Einnahmen von rund 40 Milliarden Euro standen Ausgaben von über 166 Milliarden Euro gegenüber."

Im Osten werde die Arbeit der Treuhand vielfach als "Ausverkauf" der ehemals volkseigenen Betriebe interpretiert, so die bpb: "80 Prozent des DDR-Produktionsvermögens gingen bis Mitte 1994 an Westdeutsche, 14 Prozent an Ausländer, sechs Prozent an einstige DDR-Bürger", schreibt die Bundeszentrale. Zudem seien spätestens 1993 nahezu alle Führungspositionen und Beraterposten der Treuhand mit Managern aus Westdeuschland besetzt, die für zahlreiche Korruptionsskandale verantwortlich gewesen seien.

Eine Facharbeiterin und eine vietnamesische Gastarbeiterin bei der Montage von Türen für Gefrierschränke im VEB DKK Scharfenstein | Bildquelle: picture alliance / ZB
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Arbeitsalltag im VEB DKK Scharfenstein. Die Nachfolgerin FORON GmbH hätte sich möglicherweise am Markt behaupten können, doch vieles lief schief.

Gnadenlose West-Konkurrenz

Ein bekanntes Beispiel für ein ostdeutsches Unternehmen, das vielleicht auch nach der Wende Fuß gefasst hätte, ist der Kühlschrankhersteller DKK Scharfenstein aus dem Erzgebirge. Das Unternehmen, das unter der Verwaltung der Treuhand stand, hatte gemeinsam mit Greenpeace den ersten FCKW-freien Kühlschrank der Welt entwickelt, dies allerdings vor der Behörde unter Verschluss gehalten. Kaufinteressenten sprangen ab, obwohl das Produkt vermutlich Marktchancen gehabt hätte.

Nach Veröffentlichung der Erfindung unterstützte die Treuhand DKK Scharfenstein zwar noch finanziell; doch dann warnten auch noch westdeutsche Lobbyisten medienwirksam vor den vermeintlich gefährlichen ostdeutschen Geräten, bei denen angeblich Explosionsgefahr bestand.

Das Ende der Geschichte: Bereits ein halbes Jahr nach Markteinführung der Erfindung von DKK Scharfenstein produzierten auch westdeutsche Hersteller ihre ersten FCKW-freien Kühlschränke. Weil der Ostbetrieb mit Greenpeace vereinbart hatte, kein Patent auf die Neuentwicklung anzumelden, war der technische Vorsprung nichts mehr wert. Aus DKK Scharfenstein wurde FORON, doch das Unternehmen konnte sich nie durchsetzen und ging 2002 endgültig pleite.

Positivbeispiel Rotkäppchen

Aber natürlich gab es auch die positiven Beispiele. Eins der bekanntesten ist die Erfolgsgeschichte der Kellerei Rotkäppchen. Am 4. März 1993 entschied die Treuhand, Rotkäppchen zu veräußern. Die Anteile gingen an die vier Geschäftsführer, die allesamt seit DDR-Zeiten in der Kellerei arbeiteten, sowie an einen externen Gesellschafter, der ebenfalls schon zuvor bei Rotkäppchen eingestiegen war. Gemeinsam gelang es ihnen, das Unternehmen am Markt zu etablieren: "Nach dem Betriebsergebnis 1993 stand fest, dass Rotkäppchen Sekt seine Bewährungsprobe in der Marktwirtschaft bestanden hat", schreibt das Unternehmen auf seiner Homepage. Nur ein Jahr später feierte die Kellerei ihr 100-jähriges Bestehen.

Am Tropf hängen die dickwandigen Flaschen in der Sektkellerei Freyburg an der Unstrut, ehe der "Rotkäppchen-Sekt" in den Verpackungskartons verschwindet | Bildquelle: picture alliance / ZB
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Die Kellerei Rotkäppchen hat es geschafft: Aus dem DDR-Sekt wurde auch im wiedervereinigten Deutschland ein beliebtes Getränk.

Willkommener Buhmann

Tatsache ist: Die Treuhandanstalt war eine Einrichtung ohne Blaupause und Vorbereitungszeit, die allerdings bei vielen Ostdeutschen das ungute Gefühl zurückgelassen hat, über den Tisch gezogen worden zu sein.

Dass sich der Unmut nach der einschneidenden Wirtschaftsumstellung in Ostdeutschland auf die Treuhand fokussierte, sei der Politik ganz Recht gewesen, sagt Richard Schröder. Der SPD-Politiker hat den Umbruch in der DDR und die Zeit danach aktiv mitgeprägt, als Abgeordneter in der DDR-Volkskammer und später im Bundestag. Schröder wirft den verantwortlichen Politikern vor, sie hätten es zugelassen, "dass die Treuhand Prügelknabe wird, denn dadurch war sie Blitzableiter. Man konnte immer sagen, die Treuhand war's, die Treuhand war's und die Regierung konnte sich hinter der Treuhand verstecken".

Treuhand im neuen Licht - Blick in die Akten

Bis zum Ende ihrer offiziellen Arbeit im Jahr 1994 hat die umstrittene Treuhandbehörde mehr als 45 Regalkilometer an Akten produziert. Diese lagern heute im Bundesarchiv und werden dort seit einigen Jahren systematisch erfasst und zugänglich gemacht.

Der Historiker Dierk Hoffmann vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin leitet das derzeit größte Forschungsprojekt zur Treuhandarbeit und wertet die nun zugänglichen Akten aus. Nach erstem Akteneindruck bestätige sich das Bild, so Hoffmann, "dass es sich um eine sehr stark überforderte Behörde gehandelt hat". Noch bis 2021 läuft das aktuelle Forschungsprojekt. 30 Jahre nach der Gründung der Treuhandanstalt könnten die Akten nun ein anderes Licht auf ihre Arbeit werfen.

Über dieses Thema berichteten NDR Info - "Das Forum" am 25. Februar 2020 um 20:30 Uhr und B5 aktuell - "Dossier Politik" am 01. Oktober 2020 um 19:05 Uhr.

Korrespondentin

Lena Gürtler | Bildquelle: Christian Spielmann Logo NDR

Lena Gürtler, NDR

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