Das Stahlwerk von Thyssenkrupp in Duisburg. | Bildquelle: AFP

Job-Kahlschlag bei ThyssenKrupp Absturz eines Industrie-Giganten

Stand: 19.11.2020 16:42 Uhr

ThyssenKrupp war mal eines der Aushängeschilder der deutschen Industrie. Jetzt steckt das Unternehmen in einer tiefen Krise, Tausende Jobs gehen verloren. Muss der Staat einspringen?

Von David Zajonz, WDR

Viel schwieriger kann es für Martina Merz kaum noch werden. Seit rund einem Jahr versucht sie, als Vorstandsvorsitzende das Traditionsunternehmen ThyssenKrupp wieder fit zu bekommen. Das ist an sich schon keine einfache Mission; die Corona-Krise aber macht sie zur Mammutaufgabe.

Bei der Vorstellung der neuen Geschäftszahlen sagte Merz, es dürfe beim Thema Kostensenkung keine Denkverbote geben: "Wir haben im Frühjahr jeden Stein umgedreht. Aber im Zweifel heben wir die jetzt noch mal an und schauen noch mal drunter." Oberstes Ziel sei es, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, so die Vorstandsvorsitzende in Anspielung auf Managementfehler aus der Vergangenheit.

Für ihre Bemühungen insgesamt bekommt Merz sogar Lob von der Gewerkschaft. IG-Metall-Vorstand Jürgen Kerner, selbst im Aufsichtsrat von ThyssenKrupp, sagt: "Beim jetzigen Vorstand erkennen wir den ernsthaften Versuch, ein Konzept für die Zukunft zu entwickeln."

Verluste durch Corona-Krise

Ein solches Konzept ist bitter nötig. Im Herbst vergangenen Jahres ist ThyssenKrupp aus dem DAX geflogen, zählt also nicht mehr zu den 30 führenden Unternehmen des Landes. Durch fehlgeschlagene Auslandsinvestitionen, etwa in ein Stahlwerk in Brasilien, hat der Konzern im vergangenen Jahrzehnt Milliarden verbrannt.

Solche Fehler muss die jetzige Unternehmensspitze ausbaden - und dabei läuft fast alles gegen sie. Anfang des Jahres war ThyssenKrupp gerade dabei, sich einigermaßen zu berappeln. Die lukrative Aufzugssparte wurde verkauft, dadurch kamen mehr als 17 Milliarden Euro in die Unternehmenskasse. Mit diesem Geld sollte der Umbau des Unternehmens vorangetrieben werden. Stattdessen wird es jetzt gebraucht, um Verluste durch die Corona-Krise auszugleichen.

7000 Stellen in Deutschland werden abgebaut

Der Umsatz ist im Vergleich zum vergangenen Geschäftsjahr um 15 Prozent gesunken. In den kommenden drei Jahren sollen 11.000 Arbeitsplätze wegfallen. Das ist mehr als jeder zehnte Job im Unternehmen und fast doppelt so viel wie bislang geplant.

Für die Beschäftigten ist das ein Paukenschlag, die Gewerkschaft IG Metall kritisiert: "Die jetzt bekanntgegebenen Pläne für weiteren Stellenabbau sind nicht mit der Arbeitnehmerseite vereinbart." 7000 der Stellen sollen in Deutschland gestrichen werden. Das Unternehmen schließt auch betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr aus.

Staatsbeteiligung oder Übernahme?

Klar ist: ThyssenKrupp muss radikale Maßnahmen ergreifen. Die SPD und die Arbeitnehmervertretungen fordern einen Einstieg des Staates. Das Essener Unternehmen selbst spricht lieber von "staatlicher Unterstützung". Ohnehin ist der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) bislang gegen eine Staatsbeteiligung.

Eine andere Option wäre der Verkauf der Stahlsparte. Der britische Stahlkonzern Liberty Steel hat ein Angebot vorgelegt, über das öffentlich bislang allerdings wenig bekannt ist. Gewerkschaft und Betriebsrat sind diesbezüglich skeptisch bis ablehnend. Der ThyssenKrupp-Vorstand sagt, er werde das Angebot eingehend prüfen. Bis zum Frühjahr 2021 solle klar sein, wie es mit der Stahlsparte weitergeht.

Kriselnde Autoindustrie und Überkapazitäten

Über allem steht die Frage, inwieweit sich hierzulande mit Stahl überhaupt noch Geld verdienen lässt. Für den Stahlstandort Deutschland spricht die Nähe zur Autoindustrie. ThyssenKrupp liefert den deutschen Autobauern passgenaue Stahlprodukte zu.

Doch die Branche wurde durch Corona hart getroffen, und auch nach der Krise sind die Aussichten ungewiss, glaubt Roland Döhrn vom Wirtschaftsforschungsinstitut RWI: "Wir können uns nicht sicher sein, ob die Autoindustrie in Deutschland nochmal vergangenes Niveau erreicht."

Hinzu kommen die Überkapazitäten auf dem weltweiten Stahlmarkt. Dadurch ist es grundsätzlich schwierig, Stahl zu profitablen Preisen zu verkaufen.

Umstieg auf grünen Stahl

Als Hoffnungsschimmer gilt grüner Stahl. Dabei wird bei der Herstellung auf Wasserstofftechnologie anstatt auf fossile Brennstoffe gesetzt, die Umweltbilanz fällt somit wesentlich besser aus. Damit könnten sich deutsche Produzenten wie ThyssenKrupp von asiatischen Wettbewerbern absetzen.

Dieser Umstieg werde aber teuer, gibt RWI-Experte Döhrn zu bedenken: "Das ist schwierig für eine Branche, die gerade keine Überschüsse erzielen kann. Deshalb wird der Umstieg ohne staatliche Hilfe nicht gelingen." All das bedeutet für ThyssenKrupp auch weiterhin harte Zeiten. Vorstandschefin Merz hat heute bereits den Ton dafür gesetzt: "Die nächsten Schritte können schmerzhafter werden als die bisherigen. Wir werden sie dennoch gehen müssen."

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 19. November 2020 um 15:00 Uhr.

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