Das Stahlwerk von Thyssenkrupp in Duisburg. | AFP

ThyssenKrupp Die Hängepartie geht weiter

Stand: 05.02.2021 16:41 Uhr

Die Zukunft des Stahlgeschäfts von ThyssenKrupp bleibt weiter ungewiss. In den kommenden Monaten werde der Konzern wegweisende Entscheidungen treffen, kündigte Firmenchefin Merz an.

ThyssenKrupp hat noch immer nicht entschieden, was aus der defizitären Stahlsparte werden soll. Der in Großbritannien ansässige Konkurrent Liberty Steel habe in der vergangenen Woche ein "aktualisiertes Angebot" übermittelt, erklärte Konzernchefin Martina Merz auf der Hauptversammlung am Freitag. Dabei handele es sich aber nicht um eine verbindliche Offerte. Auch gebe es noch erheblichen Klärungsbedarf. Dazu sei man im Austausch mit Liberty.

Einem Bericht der Agentur Bloomberg zufolge bewertet Liberty das Stahlgeschäft von ThyssenKrupp mit einem negativen Preis von minus 1,5 Milliarden Euro. Thyssen müsste Liberty also noch Geld zahlen, um die Sparte loszuwerden. Einem der von Bloomberg zitierten Insider zufolge könnte Thyssen sich unter dieser Bedingung dafür entscheiden, den Geschäftsbereich zunächst zu behalten, mit dem Ziel, ihn später abzustoßen.

Fortführung oder Abspaltung

Der Vorstand will im März eine Entscheidung treffen, wie es mit dem Stahlgeschäft weiter gehen soll. Neben einem Teil- oder Komplettverkauf sind auch Partnerschaften möglich. Gleichzeitig arbeite ThyssenKrupp an einer Alternativlösung, so Merz: "einer zukunftsfähigen Aufstellung des Stahls aus eigener Kraft".

Für diese Lösung gebe es zwei Varianten: Zum einen die Fortführung als Teil der Gruppe und zum anderen eine Abspaltung, erläuterte Merz. "Dabei ist uns klar, dass beides anspruchsvoll ist. Aber beides kann für das Geschäft eine attraktive Lösung sein." Dafür müssten allerdings "viele Voraussetzungen" erfüllt sein, diese würden gerade geprüft. Die Stahlsparte litt zuletzt stark unter den Auswirkungen der Corona-Pandemie und häufte im vergangenen Geschäftsjahr einen Verlust von fast einer Milliarde Euro an.

"Einstige Stahlikone ist Geschichte"

Dennoch werde ThyssenKrupp mit der bevorstehenden Entscheidung zur Zukunft des Stahlgeschäfts eine neues Kapitel der Unternehmensgeschichte aufschlagen, so Merz, auch wenn der Umbau sich nicht von heute auf morgen in den Ergebniszahlen niederschlagen werde. Aktionärsvertreter warnten auf der Hauptversammlung vor den Belastungen des Stahlgeschäfts für den gesamten Konzern. "Die Stahlsparte hat sich zu einem Schatten ihrer selbst entwickelt. Die einstige Stahlikone ist heute Geschichte", kritisierte Deka-Investment-Experte Ingo Speich. Im europäischen Wettbewerbsvergleich sei die Stahlsparte operativ am schlechtesten aufgestellt. "Man fragt sich: Kann ThyssenKrupp überhaupt Stahl?"

Neben dem Stahl will sich der Konzern auch von anderen Geschäftsbereichen trennen. Am weitesten sei der Verkaufsprozess im Anlagenbau, sagte Merz. Im Bergbaugeschäft sei ThyssenKrupp mit der dänischen FLSmidth in konkrete Verkaufsgespräche eingetreten. "Ob diese Gespräche erfolgreich verlaufen und wann sie abgeschlossen sein werden, ist im Moment noch nicht absehbar."

4000 Stellen abgebaut

Dagegen wurde der Verkaufsprozess beim Zementgeschäft "bis auf Weiteres" ausgesetzt. Die Angebote für die Sparte hätten nicht überzeugen können, so Merz. ThyssenKrupp wolle den Bereich nun innerhalb des Konzerns weiter entwickeln. Ein Verkauf oder eine Partnerschaft strebt der Konzern dabei weiter an - jedoch Merz zufolge nicht mehr in diesem Geschäftsjahr.

Auch für den Chemieanlagenbau wurde der Verkaufsprozess zum Jahresende gestoppt. Grund dafür sei die zunehmende Dynamik im Bereich Wasserstoff beziehungsweise Wasser-Elektrolyse. "Hier untersuchen wir derzeit Wachstumsoptionen und mögliche Geschäftsmodelle."

Beim geplanten Stellenabbau kommt der Konzern voran. Bis Jahresende seien über 4000 der geplanten 11.000 Stellen gestrichen worden. Durch die Restrukturierung sowie Einsparungen will ThyssenKrupp im laufenden Geschäftsjahr (per Ende September) eine Ergebnisverbesserung im niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbereich erreichen. Die Zahlen für die Monate Oktober bis Dezember werden kommenden Mittwoch vorgelegt.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 05. Februar 2021 um 10:15 Uhr.