Tesla-Chef Elon Musk im September bei einem Baustellen-Besuch in Grünheide. | Bildquelle: ALEXANDER BECHER/EPA-EFE/Shutter

Tesla-Fabrik bei Berlin Großbaustelle mit vielen Unbekannten

Stand: 12.11.2020 17:16 Uhr

Ein Jahr nach dem Zuschlag für Grünheide wächst die "Gigafactory" von Elon Musk rasant, der Tesla-Chef wird wie ein Star gefeiert. Dabei fehlt nach wie vor die endgültige Baugenehmigung - und das ist nicht die einzige offene Frage.

Von Griet von Petersdoff, rbb

Wenn Tesla-Chef Elon Musk twittert, geht es viel um Raketen und Raumfähren für den Flug ins All. Aber zwischendurch finden sich auch Twittermeldungen wie diese von Anfang November. "Rekrutieren gerade Spitzen-Ingenieure für die Giga Berlin Ich werde persönlich vor Ort Vorstellungsgespräche führen."

Giga Berlin? Vor genau einem Jahr verkündete Musk den Bau einer neuen Gigafactory, seiner vierten, für die Produktion von Elektroautos. Der Coup für die Region: eine Fabrik in der Nähe von Berlin, in Grünheide, einer 9000-Seelen-Gemeinde im Land Brandenburg. Es ist ein in jeder Hinsicht kühnes Vorhaben. Bereits im Sommer 2021 sollen die ersten Fahrzeuge vom Band laufen, irgendwann mal zwei Millionen im Jahr. Zwischen Spatenstich und Produktionsbeginn lägen dann nur rund ein Jahr.

Kiefern fallen, die Gigafactory wächst

Die Nachricht elektrisierte im wahrsten Sinne des Wortes. Der Vorteil des Standorts: Es gab bereits ein vorbereitetes Grundstück, das einst ein deutscher Autobauer beziehen wollte, der sich am Ende aber anders entschied. Und so gab es dieses Stück Land mit zigtausend Kiefern - erntereif und von minderer Qualität, wie betont wurde. Trotzdem meldeten sich sofort Umweltschützer, die vor dem drohenden hohen Wasserverbrauch durch das Unternehmen warnten.

Blick auf die Baustelle der "Gigafactory", Mitte September. | Bildquelle: dpa
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Blick auf die Baustelle der "Gigafactory", Mitte September. Noch immer ist keine endgültige Baugenehmigung erteilt.

Innerhalb weniger Wochen fielen die Kiefern, bohrten Baugeräte tiefe Löcher, setzten Pfeiler, gossen Fundamente. Betonwände wuchsen in die Höhe. Motivationsfördernd wirkte sich ein Spontanbesuch des Tesla-Chefs im September aus. Musk wollte sich über den Fortgang des Baus informieren. Es werde ein toller Arbeitsplatz, versprach er, wo coole Autos gebaut würden, man möge sich doch bewerben. Grünheide sei gar nicht so trocken, hier wüchsen immerhin Bäume, so Musk flapsig. Hier werde die umweltfreundlichste Fabrik weltweit entstehen.

Traum von einem zweiten Wolfsburg

Tesla - das ist ein besonderes Unternehmen mit einem schillernden Chef, mit einer internationalen Fangemeinde, die sich für das Visionäre seiner Projekte begeistert. Am Rande der Baustelle treffen sich öfter Tesla-Fans, die ihre Drohnen über das Gelände schicken und die Bilder posten. Tesla-freundlich zeigt sich auch die Landesregierung Brandenburgs. Als die Fällgenehmigung für den Wald erteilt war, habe er sich erstmal einen Whisky genehmigt, erzählt Brandenburgs Wirtschaftsminister Jörg Steinbach - noch immer ganz beglückt über die Tatsache, dass sich Tesla unter den zahlreichen Bewerbern für den Landkreis Oder-Spree entschied. Auch von einer zweiten Autostadt wie Wolfsburg schwärmt er bereits.

In Richtung Umweltschutz hat Tesla ein paar Zeichen gesetzt. Salamander sonnen sich auf neuen Reptilienblechen, Ameisen wurden umgesiedelt, und für jede abgeholzte märkische Kiefer werden neue gepflanzt. Angesichts dieser Tesla-freundlichen Grundstimmung haben es Kritiker schwer. Dabei ist der für die Region zu hohe Wasserverbrauch ein ungelöstes Problem. Derzeit wird eifrig nach neuen Wasserressourcen gesucht. Die zahlreichen Vorabgenehmigungen ohne eine endgültige Baugenehmigung: für einige Skeptiker ebenfalls unerträglich. Sollte die Fabrik aus irgendwelchen Gründen doch nicht fertig werden, bliebe eine abgeholzte Brache mit Industrieruine zurück.

Vergiftete Stimmung

Ein Erörterungsverfahren im Herbst zog sich über mehrere Tage hin. Die Stimmung sei vergiftet gewesen, hieß es. Was das Misstrauen nährt: Tesla ist sparsam mit der Kommunikation. Es gibt weitere ungelöste Probleme: Die Fabrik wächst rasant, die Infrastruktur bisher noch nicht. Entschieden ist bereits: Es soll es eine weitere neue Autobahnabfahrt geben, vielleicht auch eine Brücke statt Bahnübergang, damit Lkw und Pendler nicht vor der Schranke warten müssen. Geplant ist auch ein neuer Bahnhof.

Anfang November erschien Musk plötzlich wieder auf der Baustelle, ein Fahrzeugtross mit verdunkelten Fenstern fuhr vor. Es ging um die angekündigten Vorstellungsgespräche. Bewerber wurden von einem auf den anderen Tag eingeladen, und wer sofort kam, bewies schon Flexibilität - offenbar besonders wichtig für Tesla. Und wenn die Persönlichkeit vielleicht etwas schwierig, aber durchsetzungsstark und begeisterungsfähig sei, dann könnte es mit dem Job klappen, hieß es. Auch Langzeitarbeitslose hätten eine Chance, Einstiegsgehalt: 2700 Euro.

Die Ansprüche an künftige Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind hoch. Arbeit im Dreischichtsystem und Stressresistenz sind gefordert. Umwelt- oder verkehrspolitisch mag Musk ein Visionär mit Idealen sein, als Arbeitgeber hat er nicht den besten Ruf. Gewerkschaften warnen: Die Zusammenarbeit könnte mühselig werden. Wenn sie denn kommt, vielleicht im Dezember: die endgültige Genehmigung für den Bau, der längst im Gang ist.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 12. November 2020 um 14:41 Uhr.

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