Ein Kran hebt einen Windkraft-Rotor | dpa

Recycling alter Windräder Vom Rotorblatt zum Autotürgriff

Stand: 27.07.2021 12:08 Uhr

Für mehr als ein Drittel der deutschen Windräder endet bis 2025 die Förderung bei der Stromvergütung. Ein Großteil wird wohl abgebaut. Doch das Recycling alter Rotorblätter sorgt noch für Probleme.

Von Andreas König, rbb

"Das ist eine Herausforderung", sagt Sebastian Haase auf die Frage, wie sich denn die Rotorblätter von außer Betrieb gestellten Windkraftanlagen recyceln lassen. Haase ist Sprecher des Bundesverbandes WindEnergie (BWE) in Brandenburg und Berlin. Bereits 2019 hat sein Verband in einem Hintergrundpapier die Herausforderung so formuliert: "Bisher wurden verhältnismäßig wenige Anlagen zurückgebaut. Ein Teil dieser Anlagen wurde auf den Zweitmarkt, zumeist außerhalb der EU, umgesetzt. Die in Recyclingkreisläufe rückzuführenden Stoffmengen sind deshalb bisher sehr überschaubar."

Andreas König

Beton, Stahl und Kupfer sind nicht das Problem

Für rund 90 Prozent eines Windrads ist die Rückgewinnung verfahrenstechnisch kein Problem. Für die Teile aus Beton, Stahl und Kupfer gibt es ausreichend Verwendung in der Bau- und Metallindustrie. Doch die Rotorblätter sind aus verschiedenen Kunststoffen gefertigt, die mit Glas- oder Carbonfasern verstärkt sind. Diese Verbundwerkstoffe, die sich schwer recyclen lassen, werden mehr noch als bei Windrädern in der Automobil-, der Luftfahrtindustrie oder auch beim Bootsbau benutzt.

Für diese Art Kunststoffe besteht seit 2005 ein Verbot, sie auf Mülldeponien zu beseitigen. So sind die Möglichkeiten der Entsorgung und vor allem der Verwertung begrenzt. Die glas- oder carbonfaserverstärkten Materialien als Brennstoff bei der Zementherstellung zu verwenden, ist eine Möglichkeit, hat aber nicht wirklich etwas mit Recyceln zu tun. Auch entsteht beim Verbrennen CO2, was die Umweltbilanz schmälert. Zuletzt im Juni unterstützte der Bundesverband WindEnergie noch einmal die europäische Verpflichtung, "100 Prozent der ausgemusterten Rotorblätter wiederzuverwenden, zu recyceln oder zu verwerten", wie es in einer Pressemitteilung hieß.

Forscher entwickeln Verfahren

Am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAP arbeiten die Forscher unter anderem an Technologien, diese Verbundstoffe chemisch in ihre Bestandteile zu zerlegen: in Carbon- oder Glasfasern und die jeweiligen Kunststoffe, in die die Fasern eingebettet waren. Die Fasern können dann etwa in der Automobilherstellung zum Beispiel zu Türgriffen verarbeitet werden.

Auch Christian Dreyer, zuständig für das Fachgebiet Faserverbund-Materialtechnologien, hält das für "aktuell noch eine Herausforderung": "Viele dieser Rotorblätter sind nicht so konzipiert, dass sie sich einfach recyceln lassen, es ist ein Multimaterialsystem." Hier sieht der Chemiker Ansätze für die Zukunft, die Verbundmaterialien so herzustellen, dass sie sich nach ihrem Einsatz als Rotorblatt leichter wiederverwenden lassen. "Design for recycling" nennt Dreyer das.

Nach zwanzig Jahren Förderung ist Schluss

In Brandenburg zum Beispiel stehen derzeit 3904 Windkraftanlagen, von denen bis zum Jahr 2025 etwa 1760 aus der Förderung nach dem Erneuerbaren Energie Gesetz (EEG) herausfallen werden. Sie waren dann 20 Jahre in Betrieb. Grundsätzlich haben die Betreiber dann drei Möglichkeiten: Sie können die Anlage weiterbetreiben, sie komplett oder in Teilen durch eine neue, meist auch leistungsfähigere Technik ersetzen ("Repowering"), oder die Windräder zurückzubauen und recyceln.

"Das ist ein Problem, das man lösen kann", sagt Christian Wenger-Rosenau zum Thema Recycling. "Wenn die Nachfrage wächst, finden sich auch Unternehmen, die das machen. Bisher haben die Anreize gefehlt." Viele Jahre hat der Ingenieur im Norden Brandenburgs Windkraftanlagen geplant und gebaut. Jetzt gehören ihm noch fünf. Eine hat er bereits zurückgebaut und nach Osteuropa verkauft, bei anderen läuft die Förderung in den nächsten Jahren aus. Also stellt sich für den Windmüller die Frage nach dem Abriss.

Aufwendige Genehmigung

Aber wie sollen die Ausfälle kompensiert werden? Repowern? Dafür sei ein fast ebenso aufwendiges Genehmigungsverfahren notwendig - genau wie für eine neue Anlage, und das dauere. Hier ist laut BWE-Sprecher Haase die Politik gefordert: Die Konflikte um Abstandsregeln, Arten- und Naturschutz müssen endlich gelöst werden, damit mehr neue Windkraftanlagen gebaut werden können.

Derzeit werde Brandenburg sein selbstgestecktes Ausbauziel einer Windkraftleistung von 10.500 Megawatt (MW) bis zum Jahr 2030 nicht erreichen. Dafür wäre ein jährlicher Zubau von 300 MW erforderlich, 2020 waren es dem BWE zufolge 205 MW, auch weil 43 Anlagen ersatzlos zurückgebaut worden seien.

Windmüller Wenger-Rosenau steht an einem seiner Windräder in der Nähe von Zehdenick. Mit dessen Strom überlegt er künftig Wasserstoff zu produzieren, statt es abzureißen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. Juli 2021 um 13:10 Uhr.