Bau einer Windkraftanlage | ARD-Brüssel
Hintergrund

Stockender Ausbau Was sich bei der Windenergie ändern muss

Stand: 28.09.2022 08:03 Uhr

Obwohl die Zahl der installierten Windkraftanlagen 2021 zurückgegangen ist, setzt sich die Bundesregierung ambitionierte Pläne. Doch sind diese noch realistisch? Wie viel Strom kann die Windenergie tatsächlich liefern?

Von Till Bücker, tagesschau.de

Der Ausbau der Windkraft ist zuletzt ins Stocken geraten, im vergangenen Jahr nahm die Zahl der installierten Anlagen in Deutschland sogar ab. Gleichzeitig steckt sich die Ampelkoalition hohe Ziele.

Till Bücker

"Die Bedeutung der Windenergie und der Ausbau Erneuerbarer Energien insgesamt ist heute dringlicher und wichtiger denn je", sagte Wirtschaftsminister Robert Habeck bei der Eröffnung der Weltleitmesse WindEnergy in Hamburg, auf der bis zum 30. September rund 1400 Unternehmen aus 37 Ländern Neuerungen und Lösungen zur Windenergie präsentieren. Eine beschleunigte Energiewende sei "das A und O für eine sichere und nachhaltige Energieversorgung". Doch wie steht es derzeit um die Windkraft? Wird das Tempo verschärft?

Ausbau geht seit 2017 stetig zurück

"Bei der Windenergie dümpeln wir immer noch voran. Wir hatten 2017 fast dreimal so hohe Installationszahlen wie letztes Jahr", sagt Volker Quaschning, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Berlin, im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion und tagesschau.de. Dann habe jedoch die frühere Bundesregierung damit begonnen, die entsprechenden Regularien "mit der Axt" zu verändern. Nachdem zuvor jedes Unternehmen Windkraftanlagen bauen konnte und eine feste Einspeisevergütung dafür bekam, seien Ausschreibungen eingeführt worden. Außerdem seien die Genehmigungsverfahren komplizierter geworden und auch die Widerstände auf dem Land gewachsen. "Die Kombination aus Verweigerungshaltung auf Länder- und kommunaler Ebene und den Ausschreibungen hat zu einem Einbruch geführt", so Quaschning.

Das macht auch ein Blick auf die Zahlen deutlich: Nach Angaben des Bundesverbands WindEnergie (BEW) sind im vergangenen Jahr lediglich 484 Windenergieanlagen an Land (Onshore) errichtet worden. Gemeinsam mit den Zubauten auf See (Offshore) kamen 1,72 Gigawatt (GW) Strom durch Windenergie auf den Markt. Zum Vergleich: 2017 waren es noch 1792 neue Onshore-Anlagen und insgesamt 6,6 GW neue Leistung.

"Seit 2017 ging die Kurve bei der Windenergie nach unten", bestätigt Andreas Löschel, Professor für Umwelt- und Ressourcenökonomik sowie Nachhaltigkeit an der Ruhr-Universität Bochum gegenüber tagesschau.de. Die Nachfrage nach den Förderungen für Windkraftanlagen sei merklich zurückgegangen - auch in diesem Jahr. Und das, obwohl die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bei den hohen Marktpreisen für Strom eigentlich sehr attraktiv seien. Dies zeige die Bedeutung anderer Probleme beim Ausbau der Windkraft. Stattdessen liege es an den sogenannten Bottlenecks, wie in der Ökonomie organisatorische Schwachstellen genannt werden.

Nur acht neue Windräder in Bayern

"Der größte Hemmschuh sind zu wenig verfügbare Flächen, die für Windenergie ausgewiesen werden", meint Löschel. Auch Quaschning bezeichnet das Herankommen an Flächen als Hauptproblem. Dabei spiele auch der Widerstand vor Ort eine Rolle: "Wir sehen, dass einzelne Bundesländer nicht mitziehen". Etwa Bayern habe als flächenmäßig größtes Land im vergangenen Jahr nur acht Windräder aufgebaut. Dort gebe es bremsende Vorgaben wie die 10H-Regel, nach der einen Mindestabstand vom Zehnfachen ihrer Höhe zu Wohngebäuden eingehalten werden muss.

Dazu kommen laut Löschel langwierige Verfahren bei Planung und Genehmigung, fehlende Ressourcen etwa in der Verwaltung und die unsichere Rechtslage durch die schwierige Abwägung zwischen Natur- und Klimaschutz, was vielen Projekten Klagen eingebracht habe. All das sorge dafür, dass der Bau einer Windanlage in der Regel etwa sieben Jahre dauerte. "Solche Projekte sind einfach unattraktiv für Investoren", sagt der Ökonom.

Quaschning bedauert ebenfalls die lange Vorlaufszeit: "Von der Idee bis zur Netzeinspeisung dauert es teilweise bis zu zehn Jahre. In Deutschland ist es einfacher, eine Munitionsfabrik zu bauen als eine Windkraftanlage." Während Autofabriken wie von Tesla oder LNG-Terminals in ein bis zwei Jahren entstehen, seien die Genehmigungsverfahren bei der Windenergie extrem langwierig und aufwendig. Das sei "komplett unverständlich", so der Fachmann. "Wenn wir schnell aus dem Dilemma der Energiewende kommen wollen, darf es einfach nicht mehr so lange dauern."

Bis 2030 Verdopplung der Windenergie an Land

Trotz der vielen limitierenden Faktoren setzt sich die Bundesregierung ambitionierte Ziele. Mit der im Juli beschlossenen Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) hat sie gesetzlich verankert, dass bis 2030 mindestens 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien stammen muss. Mit anderen Worten: Der Anteil soll zum Ende dieses Jahrzehnts fast verdoppelt werden. Dazu soll die Windenergie einen großen Beitrag leisten. Auf See wurden die Ausbauziele auf 30 GW bis 2030 und 70 GW bis 2045 erhöht.

Wichtiger für Deutschland ist aber die Leistung der Onshore-Anlagen, die auf bis zu zehn GW pro Jahr steigen soll. Im Jahr 2030 soll an Land eine Kapazität von rund 115 GW in Deutschland installiert sein. Aktuell sind es dem Bundeswirtschaftsministerium zufolge gerade einmal etwa 57 GW. Um diese Lücke zwischen Plan und Wirklichkeit zu schließen, hat die Ampel-Koalition im gleichen Zuge das "Wind-an-Land"-Gesetz auf den Weg gebracht.

Neben geänderten Regelungen im Baugesetzbuch soll ein modifiziertes Bundesnaturschutzgesetz zu schnelleren und rechtssicheren Planungs- und Genehmigungsverfahren beitragen. Ein wichtiger Hebel zur Beschleunigung sei laut Habeck ein seit Ende Juli geltender Gesetzesgrundsatz. Dass nun "die Erneuerbaren im öffentlichen Interesse liegen und der öffentlichen Sicherheit dienen", erhöhe das Tempo in den Verfahren deutlich, so der Grünen-Politiker.

Engagement der Bundesländer "nicht akzeptabel"

Der wichtigste Punkt ist jedoch die Erweiterung der notwendigen Flächen. So sind derzeit bundesweit 0,8 Prozent der Landesfläche für Windenergie an Land ausgewiesen, allerdings nur 0,5 Prozent tatsächlich verfügbar. Zur Erreichung der EEG-Ausbauziele müssen allerdings zwei Prozent der Bundesfläche für die Windenergie an Land ausgewiesen werden. Das soll bis Ende 2032 umgesetzt werden. Bereits 2027 sollen dann 1,4 Prozent der Flächen bereitstehen.

Dafür werden den Ländern verbindliche Flächenziele vorgegeben. Halten sie diese nicht ein, entfällt ihre weiterhin geltende landesspezifische Abstandsregel. Denn auch Habeck zufolge liegt das größte Manko bei den Bundesländern, die er heute zu mehr Engagement und Tempo beim Ausbau der Windenergie aufforderte. Sie könnten nicht so weitermachen wie bisher, sagte der Wirtschaftsminister auf der WindEnergy. "Das ist nicht akzeptabel."

Im vergangenen Jahr seien in Deutschland an Land nur Kapazitäten von zwei Gigawatt installiert worden, nötig wären aber zehn Gigawatt - genau jene zehn Gigawatt Kapazitäten, die sich derzeit im Genehmigungsverfahren der Länder befänden. "Wenn alle Bundesländer ihren Job machen würden, (...) dann hätten wir eine Chance", betonte Habeck.

"Blockadehaltung in der Gesellschaft aufbrechen"

"Auf alle Fälle sind die Pläne ein Schritt in die richtige Richtung. Der Bund gibt sich aktuell Mühe", sagt Quaschning. Die Maßnahmen können seiner Ansicht nach eine deutliche Steigerung der Zubauten erwirken. Wann es aber zu einem wirklichen Hochlauf komme, sei unklar. Denn weiterhin gebe es die Flächennutzungspläne und Baugenehmigungen in den Kommunen, die zum Teil schleppend laufen. "Zehn Jahre wird der Anschluss einer Windkraftanlage jetzt wohl nicht mehr dauern - ein Jahr aber auch nicht."

Auch bei den verpflichtenden Flächenvorgaben für die Länder ist der Ökonom noch skeptisch. "Natürlich können sie auch Flächen ausweisen, die gar nicht gut geeignet sind für Windräder, und damit den Ausbau blockieren." Eigentlich müssten alle an einem Strang ziehen - das sehe er aktuell noch nicht. "Wir müssen die Blockadehaltung in der Gesellschaft aufbrechen." Gerade in der aktuellen Energiekrise und der Abhängigkeit von anderen Staaten müsse erkannt werden, dass ein Setzen auf fossile Energien nicht sinnvoll sei.

Umweltprofessor Löschel erkennt bereits eine solche Veränderung: "Ich glaube, die Sichtweise auf die Erneuerbaren hat sich geändert." Viele würden nun erkennen, dass der Ausbau von Wind-, Strom- und Solarenergie ein Teil der längerfristigen Lösung sind, indem sie Deutschland unabhängiger machen und die Preise dämpfen.

Wirtschaftsfaktor Windkraft

Darüber hinaus verweist er noch auf einen weiteren Aspekt: "Wenn man zeigt, dass die Windkraftanlagen auch lokale Vorzüge wie Beschäftigung und Wertschöpfung in die Regionen bringen, kann man das Stadt-Land-Gefälle auflösen." Das sei in der Vergangenheit zu wenig passiert. "Die Ziele sind nur erreichbar, wenn alle Rädchen ineinandergreifen."

Auch die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, betont gegenüber tagesschau.de, dass die Förderung der Erneuerbaren im Allgemeinen und der Ausbau der Windkraft im Speziellen dem Wirtschaftsstandort Deutschland langfristig nutzen werde: "Insbesondere durch den Ausbau der Erneuerbaren Energien können wir wirtschaftliche Chancen heben und Vorteile nicht nur für die Branche, sondern für die Volkswirtschaft insgesamt stärken", so Kemfert. "Je mehr Windenergie, desto weniger fossile Energie muss importiert werden."

Kemfert geht der Ausbau jedoch ebenfalls längst nicht schnell genug. Es fehle die Beschleunigung: "Wir brauchen mindestens eine Vervierfachung des Ausbautempos der Erneuerbaren Energien - insbesondere auch der Windenergie -, um die Energiewende und Klimaziele zu erreichen." Ihr fehle ein "Booster-Programm" für mehr Windenergie - inklusive einem "Fachkräfte-Booster-Programm", sowie "die Stärkung der Unternehmen zur Vermeidung von Materialengpässen".

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. September 2022 um 12:00 Uhr.