Sicht aus dem Weltraum auf die Erde | picture alliance / dpa
Interview

Ex-Astronaut Ulrich Walter "Touristen im All? Ich begrüße das!"

Stand: 20.07.2021 08:24 Uhr

Die Weltraumaktivitäten der Milliardäre Richard Branson und Jeff Bezos haben die Diskussion über Weltraumtourismus angefacht. Ex-Astronaut Ulrich Walter über den Sinn oder Unsinn von Touristen im All.

tagesschau.de: In der Vergangenheit gab es ja schon vereinzelt sogenannte Touristen im Weltraum - wie den US-Unternehmer Dennis Tito, der 2001 auf der ISS war. 20 Millionen Dollar soll er dafür gezahlt haben. Erleben wir jetzt die Geburtsstunde des kommerziellen Weltraumtourismus?

Ulrich Walter: Das kann man so sehen. Ich würde den Ausdruck "Weltraummassentourismus" wählen, wobei man momentan ja noch nicht wirklich davon sprechen kann, dass Massen an Menschen ins All fliegen. Aber es gibt eine Veränderung: In der Vergangenheit gab es nur einige wenige private Touristen, die mit der Sojus-Kapsel zur Raumstation geflogen sind. Diese Menschen haben sehr viel bezahlt. Bei den aktuellen Flügen geht es darum, dass man wesentlich weniger zahlt, etwa 250.000 Dollar, aber dafür fliegt man nicht nur zur ISS, sondern man macht einen - ich nenne es - "Hopser" in den Weltraum. Ich begrüße das.  

Ulrich Walter
Zur Person

Ulrich Walter gehörte von 1987 bis 1994 dem ehemaligen deutschen Astronautenteam an. Vom 26. April bis zum 6. Mai 1993 flog er als Nutzlastspezialist auf der deutschen Spacelab-Mission D2 und wurde damit zum fünften Deutschen im All. Heute lehrt und forscht er am Lehrstuhl für Raumfahrttechnik der Technischen Universität München.

"Das bewirkt eine Bewusstseinsänderung"

tagesschau.de: Warum begrüßen Sie, dass Privatmenschen ins All fliegen?

Walter: Der Mensch will reisen, um Neues zu erleben und um seinen Erfahrungsschatz zu erweitern, und dazu zählt Weltraumtourismus. Da gibt es diesen Blick von außen auf die Erde und die Erfahrung der Schwerelosigkeit. Viele Menschen würden gerne das Gefühl der Schwerelosigkeit erleben.

Außerdem: Ein dänischer Journalist sagte einmal, dass das Foto von der Erde, welches die Apollo-Besatzung vom Mond aus schoss, einen "Bewusstwerdungsprozess" auslöste - ähnlich dem eines Menschen, der sich zum ersten Mal im Spiegel sieht. Wir sehen aus dem Weltraum die Kleinheit der Menschen, die Bedeutungslosigkeit, die richtige Einordnung des Menschen in das kosmische Geschehen. Und wir sehen, dass wir auf der Erde alle in einem Boot sitzen. Das bewirkt eine Bewusstseinsänderung, das erreichen wir durch den Weltraumtourismus.

tagesschau.de: Aber in den nächsten Jahren werden doch nur wirklich Reiche in den Weltraum fliegen können. Die breite Masse wird ihr Bewusstsein kaum bereichern können, oder?

Walter: Als im vergangenen Jahrhundert Carl Benz die ersten Autos gebaut hat, konnten sich auch nur die Reichen ein Auto leisten. Aber als dann die Massenproduktion begann, fielen die Preise so sehr, dass selbst mein Vater sagte: "So, jetzt kaufen wir uns ein Auto." Das war 1961. Genau so wird es auch in der Raumfahrt sein - vielleicht nicht so schnell, aber die Preise werden so bröckeln, dass es sich irgendwann fast jeder leisten kann, wenn er will.

Den richtigen Umgang erlernen

tagesschau.de: Da stellt sich die Umweltfrage. Wir sollen Zug fahren statt fliegen, wie verträgt sich das mit Weltraumtourismus?

Walter: Nehmen wir das Smartphone. So viele leisten sich das und produzieren Müll. Sagen wir deswegen, wir verbieten den Bau und die Benutzung von Smartphones? Es ist wie bei jeder neuen Technik: Wir müssen lernen, damit richtig umzugehen. Auch in der Raumfahrt müssen wir darauf achten, dass die Einträge in die Umwelt möglichst klein sind, auch die Raumfahrt muss ihren Beitrag leisten. Aber deswegen können wir doch diese - im wahrsten Sinne des Wortes - neue Dimension der Möglichkeiten und der Bewusstseinserfahrung nicht verbieten. Wir müssen bewusst und nachhaltig agieren.

tagesschau.de: Was halten Sie von der Argumentation, dass die Milliardäre ihr Geld doch lieber in sinnvolle Projekte auf der Erde investieren sollten, als es im Weltraum zu verpulvern?

Walter: Das Argument gibt es seit Jahrzehnten. Raumfahrt sei so teuer und auf der Erde sterben so viele Menschen. Dieses Argument könnte man auf alles anwenden: Warum finanzieren wir Opern oder Konzerte? Weg damit? Was wir letzten Endes wirklich brauchen, ist essen, schlafen, trinken. Totschlagargumente helfen uns hier nicht weiter. Natürlich brauchen wir Opern und Konzerte - und wir müssen Hilfe in der Dritten Welt leisten. Und wir können in den Weltraum fliegen. Wir müssen das eine und das andere machen. Polarisierung hilft nicht im Leben.

Ein einmaliges Erlebnis

tagesschau.de: Wo werden wir in, sagen wir, 50 Jahren stehen im Weltraumtourismus?

Walter: Ich glaube, dann wird es Weltraumhotels geben, etwa auf der Höhe der ISS. Die Menschen fahren dann vielleicht in ein Weltraumhotel statt nach Spanien. Natürlich wird der Preis für das Weltraumhotel höher sein, vielleicht 50.000 Euro für vier Personen. Das ist teuer, aber nicht vollkommen unerschwinglich und eben "once in a lifetime". So etwas macht man einmal im Leben, statt vielleicht zehn Mal nach Spanien zu fahren. Ich war als Astronaut auch nur einmal im Weltraum, aber das hat meine Sicht auf die Erde und auf uns selbst nachhaltig verändert.

Das Interview führte Ute Spangenberger, SWR