Studierende der Wirtschaftswissenschaften sitzen in einer Vorlesung an der Universität Leipzig | Jan Woitas/dpa

"Brain Drain" der Volkswirte Wenn die schlauesten Köpfe auswandern

Stand: 11.10.2021 08:09 Uhr

Deutschland gehen die Spitzen-Volkswirte aus. Wer in der VWL-Forschung Karriere machen möchte, zieht es häufig in die USA. Das liegt nicht nur am Geld, sondern auch an ganz anderen Faktoren.

Von Jakob Schaumann, hr

"Brain Drain" - wörtlich übersetzt der Abfluss von Gehirn. Der Begriff steht für das Abwandern hochqualifizierter Spitzenkräfte. Ein Phänomen, das man vor allem aus einkommensschwächeren Ländern kennt. Doch auch Deutschland verliert in Wissenschaft und Wirtschaft Nachwuchskräfte.

Wo gibt es die besten Forschungsbedingungen?

Michael Weber ist einer dieser klugen Köpfe. Nach seinem Studium an der Universität Mannheim wanderte er 2009 in die USA aus, promovierte in Berkeley und ist mittlerweile Professor für VWL an der Universität Chicago. Dort forscht der 37-Jährige mit dem Schwerpunkt Inflationserwartungen: einem Themenbereich, bei dem seine Expertise momentan sehr gefragt ist.

Dass die Entscheidung, in die USA zu gehen, die richtige war, stellte er schon während seiner Zeit als Doktorand in Berkeley fest. "Wir hatten damals eine sehr engmaschige Betreuung. Wenn viele schlaue Köpfe aus der ganzen Welt zusammenkommen, entsteht fast schon automatisch ein sehr stimulierendes Arbeitsumfeld."

Für Jan Pieter Krahnen, Professor an der Universität Frankfurt und Direktor des dortigen Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung, ist dies einer der Hauptgründe, weshalb viele junge Spitzentalente in die USA gehen. "An einigen US-Universitäten gibt es in meinem Fachbereich etwa 40 Professoren, hierzulande sind es höchstens mal ein Dutzend." Ein eindeutiger Wettbewerbsnachteil, findet Krahnen: "Generell befinden wir uns im Wissenschaftsbereich auf einem internationalen Markt. Die besten Talente gehen dorthin, wo sie die besten Bedingungen vorfinden."

Mehr Forschung, weniger Lehre

Einen der gravierendsten Unterschiede zwischen Deutschland und den USA sieht Weber in den akademischen Rahmenbedingungen - zum Beispiel bei der Gewichtung von Lehre und Forschung. Während viele seiner Kollegen in Deutschland nur selten über einen längeren Zeitraum ausschließlich forschen, steht genau das in den USA im Vordergrund. "Ich verbringe im Jahr etwa ein Quartal in der Lehre, die restlichen drei Quartale kann ich mich nahezu ausschließlich meinen Forschungsprojekten widmen".

Das führt unter anderem dazu, dass in den USA deutlich mehr in Fachzeitschriften publiziert wird. In einem kürzlich erschienenen Ranking des "Handelsblatts" belegt Weber Platz 3 bei den deutschsprachigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter 40 Jahren - ein Erfolg, der ihm in Deutschland wohl kaum gelungen wäre. Ein weiterer Grund, der aus Webers Sicht für die USA spricht, ist der Austausch mit der Politik. "Ich habe den Eindruck, dass die Expertise von Top-Forschern hierzulande deutlich gefragter ist, als das beispielsweise in Deutschland der Fall ist."

Mehr Wettbewerbsfähigkeit durch Exzellenzstrategie

Vor etwa 16 Jahren wurde in Deutschland die Exzellenzinitiative ins Leben gerufen, die seit einigen Jahren als Exzellenzstrategie fortgeführt wird. Das Ziel: den Wissenschaftsstandort Deutschland nachhaltig zu stärken und somit seine internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern. Für Krahnen ein guter erster Schritt; doch die Spitzenforschung voranzutreiben, sei bislang nur in Mannheim und Bonn so wirklich gelungen.

"Wir müssen akzeptieren, dass der föderale Gedanke in der Wissenschaft nur bedingt funktioniert. Wenn wir uns international mit den besten Universitäten messen wollen, brauchen wir eine Clusterbildung. Das bedeutet, dass wir drei bis vier Spitzenuniversitäten haben." Die Fördermittel könnten dann gezielt fließen und ein weiteres Problem behoben werden. Denn die Einstiegsgehälter sind in den USA oft doppelt so hoch wie in Deutschland. Um gute Leute zu halten oder sie zurückzuholen, empfiehlt Weber, mehr auf die Märkte zu achten. "In den USA verdient nicht jeder Professor das Gleiche, es gibt bei den Gehältern eine starke, dem Markt entsprechende Spreizung".    

Alte Strukturen auflösen

Krahnen wünscht sich für die Zukunft noch mehr Offenheit für Veränderungsprozesse an deutschen Universitäten. "Nur, wenn wir Forschung und Lehre für junge Spitzenkräfte attraktiv gestalten, wird es uns gelingen, die abgewanderten Talente wieder nach Deutschland zurückzuholen. Ein Teil dieses Prozesses muss es sein, alte Strukturen aufzulösen. Zum Beispiel Lehrstühle nach dem alten Prinzip abzuschaffen."

In Frankfurt ist dies bereits geschehen, doch in vielen anderen Universitäten wird nach wie vor in sehr hierarchischen Strukturen gearbeitet. Ob Michael Weber zurück nach Deutschland geht, weiß er noch nicht. "Als ich damals in die USA gegangen bin, hatte ich mir eigentlich vorgenommen, mit 40 Jahren wieder in die Heimat zurückzukehren. Das sind jetzt noch drei Jahre ".

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KOMMENTARE

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Edelfräulein Marylin 11.10.2021 • 18:33 Uhr

re 17:55 von leider geil

Lag an den günstigeren ökonomischen Bedingungen, dagegen unternimmt der "gesunde Menschenverstand" meistens nichts. K. Marx hat das auch, obwohl er die DDR noch nicht kennen konnte, schon gewusst und sogar vor Versuchen, solchen historisch unreifen Sozialismen zu realisieren, gewarnt. Wo der Markt herrscht, herrscht er, bis er selber nicht mehr kann und aufgibt.