Ein Mann fährt ein selbstfahrendes Auto. (Archivbild) | dpa

Selbstfahrende Autos Vorfahrt für die Robotaxis

Stand: 11.10.2021 10:22 Uhr

Was auf manchen US-Highways alltäglich ist, soll auch bald auf deutschen Straßen häufiger zu sehen sein: selbstfahrende Autos. Rund ums autonome Fahren dreht sich auch der ITS-Weltkongress, der heute in Hamburg beginnt.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Schön sieht es von außen nicht gerade aus. Aber das autonome Auto von Valeo hat alles, was es braucht, um ohne Fahrer durch den Verkehr zu kommen: eine Reihe von Sensoren, die an den Außenbereichen des Fahrzeugs angebracht sind. Und im Inneren übertragen mehrere Kameras das Geschehen vor und hinter dem Fahrzeug. Langsam rollt das Valeo-Robotaxi los. Schon bald sendet die erste Kamera ein rotes Signal: eine rote Ampel. Das Auto bremst langsam ab.

Das Robotaxi verlässt das Münchner Messegelände - und nimmt allmählich Fahrt auf. Dann wird es wieder langsamer: Ein vorausfahrendes Auto muss abbiegen. Die nächste Ampel naht, wieder bremst das unscheinbare Konzeptfahrzeug frühzeitig ab. Jetzt folgt die schwierigste Aufgabe: die Auffahrt zur Autobahn. Es ist Feierabendverkehr, das Valeo-Fahrzeug tut sich schwer, findet keine Lücke. Der Fahrzeuglenker muss eingreifen und das Lenkrad betätigen, damit das Einfädeln noch klappt, bevor es zur Vollbremsung kommt. "Tja", sagt der zuständige Valeo-Manager, "es ist noch nicht alles perfekt".

Ruckelige Probefahrt mit dem autonomen Valeo-Testfahrzeug

Das Fahren auf dem Münchner Stadtring verläuft problemlos. Überholende oder vorausfahrende Fahrzeuge werden gut erkannt. Das Auto hält einen langen Sicherheitsabstand. Bei der Rückfahrt gibt es keine Schreckmomente. Die Abfahrt von der Autobahn funktioniert ebenso reibungslos wie die erneute Auffahrt auf den Stadtring. Diesmal ist weniger Verkehr. Nach 20 Minuten kommt das autonome Auto ohne Schrammen wieder am Münchner Messegelände an.

Die Testfahrt von Valeo zeigt, wie weit das autonome Fahren in Deutschland schon fortgeschritten ist. Mehrere Autohersteller und Zulieferer testen derzeit eine Vielfalt von Robotaxis, voll gerüstet mit Kameras, Radar- und Lidarsensoren. Schon bald könnten die ersten selbstfahrenden Fahrzeuge in den Regelbetrieb geben.

Sixt startet Robotaxi-Service 2022 in München

Zum Vorreiter dürfte München werden. Im nächsten Jahr kommt es dort zur Europa-Premiere: Der Autovermieter Sixt und die Intel-Tochter Mobileye wollen 2022 die erste Flotte von selbstfahrenden Autos auf die Straße bringen. Das Münchner Projekt sei der erste kommerzielle Robotaxi-Service eines Technologieanbieters und eines Mobilitätsdienstleisters, betonen Sixt und Mobileye.

Zunächst sollen 25 autonom fahrende E-Autos der chinesischen Firma Nio in ganz München unterwegs sein. Sie können über Apps gebucht werden. Ein Chauffeur sitzt im Auto, muss aber nur im Notfall eingreifen. "Sobald das Fahrzeug die Zulassung bekommt, wird es auch fahrerlos unterwegs sein", verspricht Mobileye-Manager Johann Jungwirth. Ende 2022 könnten schon leere Autos wie von Geisterhand gesteuert zwischen Flughafen und Münchner Innenstadt hin- und herpendeln, glaubt er.

VW plant in Hamburg eine autonome Flotte

In anderen deutschen Städten wird es länger dauern, bis die ersten kommerziellen Robotaxis durch die Straßen rollen. VW plant für 2025 eine Flotte von autonom fahrenden Autos, die vom Mobilitätsdienstleister MOIA eingesetzt werden. Den Prototypen davon, den Elektrobulli ID.Buzz, enthüllten die Wolfsburger jüngst auf der IAA. "Autonomes Fahren wird unsere Industrie wie nichts zuvor verändern", erklärte VW-Chef Herbert Diess auf der Münchner Automesse. Im Vergleich dazu sei die Umstellung auf die E-Autos geradezu spielend einfach gewesen.

Nachdem die "Big Techs" das autonome Fahren in den USA und China vorangetrieben haben, wittern nun auch die deutschen Autobauer ein Milliardengeschäft. Schon 2030 könnte 15 Prozent des Umsatzes mit Mobilitätsdiensten gemacht werden, prophezeite kürzlich VW-Boss Diess. Die Unternehmensberatung PwC sieht in Zukunft ein Marktpotenzial von 500 Milliarden Dollar für die Robotaxi-Dienste. Die Fahrt im Robotaxi könnte im Abo oder stundenweise abgerechnet werden.

Die Automanager wie bei VW schwärmen von der "Demokratisierung der Mobilität". Auch Behinderte und nicht mehr fahrtaugliche alte Menschen könnten künftig ein Robotaxi benutzen. Die Menschen, die jetzt geboren werden, werden später keinen Führerschein mehr brauchen, wird in der Branche gewitzelt.

VW Prototyp für autonomes Fahren: ID.Buzz AD  | picture alliance/dpa

Ein Prototyp des selbstfahrenden ID.Buzz von Volkswagen. Die Kleinbusse sollen ab 2025 als MOIA-Großraumtaxis durch Hamburg rollen. Bild: picture alliance/dpa

"Renaissance des Autos"

Die selbstfahrenden Autos werden "unser Leben total verändern", freut sich Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR). "Wir werden eine Renaissance des Autos erleben", prophezeit er.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Vorerst testen die Autohersteller noch die Robotaxis von morgen - im Schulterschluss mit dem Silicon Valley. Daimler kooperiert mit Nvidia, VW arbeitet mit dem US-Start-up Argo AI zusammen und betreibt Pilotprojekte in mehreren US-Städten. VW und Argo AI tüfteln laut Argo-Gründer Brian Salesky an einem globalen System für Robotaxis.

Gesetz macht Deutschland zum Vorreiter

Ausgerechnet das technologiescheue Deutschland könnte dem selbstfahrenden Auto zum Durchbruch verhelfen. Der Bundestag hat im Juli ein Gesetz zum autonomen Fahren verabschiedet, das als besonders fortschrittlich gilt. Deutschland ist das einzige Land, das Level-3- und sogar Level-4-Systeme unter bestimmten Voraussetzungen zulässt. In den USA sind bisher nur einzelne Bundesstaaten vorgeprescht und erlauben Robotaxis auf ausgewählten Strecken. Auch in China ist autonomes Fahren nur in einzelnen Metropolen möglich. Allerdings sind hier Städte wie Shenzhen schon längst einen Schritt weiter und haben Robotaxis ohne Fahrer am Steuer im Regelbetrieb.

Deshalb ist es kein Wunder, dass in München nun ein chinesisches Auto für das erste kommerzielle deutsche Robotaxi-Projekt eingesetzt wird. Erst in vier bis fünf Jahren sollen die ersten Mittelklassefahrzeuge mit Fahrroboter auf den Markt kommen - für Preise ab 35.000 Euro. VW plant für 2026 unter dem Projekt "Trinity" eine Elektro-Limousine mit Level 4.

Mercedes-S-Klasse fährt schon Level 3

Schon jetzt verfügen die ersten Premium-Fahrzeuge über teilautonome Funktionen. So ist die neue elektrische S-Klasse von Mercedes, die EQS-Reihe, mit einem Autobahn-Staupilot ausgestattet. Das Fahrzeug kann bei Stau oder zäh fließendem Verkehr auf der Autobahn autonom fahren, der Fahrer kann die Hand vom Steuer nehmen. "Wir sind die ersten, die Level 3 im Regelbetrieb in Deutschland auf die Straße bringen", verkündete auf der IAA Daimler-Chef Ola Källenius stolz. Selbst Tesla ist noch nicht über Level 2 hinausgekommen. Es gibt fünf Stufen auf der Skala für das autonome Fahren. Bei Level 3 muss der Fahrer nicht mehr alles dauernd überwachen und darf zeitweise die Hände vom Lenkrad nehmen.

Auf der IAA stellte eine Reihe von Autoherstellern und Zulieferer ihre autonomen Testfahrzeuge vor. Probeweise konnten Fachbesucher die Robotaxis fahren. Auch die Zulieferer basteln am Auto ohne Lenkrad und autonome Teilfunktionen. Bosch zum Beispiel hat eine automatische Einparkfunktion (Automated Valet Parking) entwickelt. Die Technik soll noch in diesem Jahr am Stuttgarter Flughafen in Serie gehen. Bis 2025 könnte das System in gut 1.000 Parkhäusern zum Standard werden, glauben die Bosch-Manager.

Über 40 Pilotprojekte mit autonomen Shuttles

In gut 40 deutschen Städten und Gemeinden pendeln schon jetzt selbstfahrende Kleinbusse langsam und fast lautlos durch die Gegend. In Hamburg, Berlin, Frankfurt oder auch im kleinen Bad Birnbach sind die Robotaxis im Einsatz. Noch fahren sie im Testbetrieb. In anderen EU-Ländern sind die autonomen Shuttles noch in der Minderheit: Am Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle bringt ein Mini-Bus Angestellte ins Büro, in Stockholm wird ein autonom fahrender Mini-Van mit 5G getestet, und im österreichischen Pörtschach befördert ein Kleinbus Touristen vom Bahnhof ins Ortszentrum. Bisher gibt es allerdings europaweit mit Naviya und EasyMile nur zwei Anbieter - beide aus Frankreich -, die die Shuttles serienmäßig anbieten.

Im Wettbewerb der Smart Cities suchen Städte nach dem idealen Mobilitätskonzept. Auf dem heute beginnenden Weltkongress ITS für Mobilität und Logistik in Hamburg will sich vor allem die freie Hansestadt als Vorreiter profilieren. Dort treffen sich eine Woche lang Experten für Verkehr, Logistik und Digitalisierung, um darüber zu diskutieren, wie gewerblicher und privater Verkehr unter den Vorzeichen von Klimakrise und steigenden Mobilitätswünschen aussehen könnten. Im frisch renovierten Kongresszentrum CCH, den Messehallen und im Stadtgebiet zeigen rund 400 Aussteller aus aller Welt Ideen und Lösungen rund um intelligente Verkehrssysteme. "ITS" steht für "Intelligent Transport Systems". Der Kongress wird alljährlich an wechselnde Städte vergeben.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 11. Oktober 2021 um 07:44 Uhr und der HR in der Sendung mex am 15. September 2021 um 20:15 Uhr.