Mehrere Schweine stehen in einer Auslauffläche | REUTERS

Verbot aufgehoben Tiermehl darf wieder verfüttert werden

Stand: 06.10.2021 08:12 Uhr

Schweine- und Geflügelhalter dürfen wieder tierisches Eiweiß verfüttern. Tiermehl war seit der BSE-Krise 2001 für Nutztiere verboten. Ob es aber wirklich wieder im Futtertrog landet, ist fraglich.

Von Susanne Wimmer, BR

Schweine und Geflügel dürfen künftig wieder mit Tiermehl gefüttert werden. Das hat die EU-Kommission kürzlich beschlossen. Seit 2001 galt aufgrund der BSE-Krise ein EU-weites Fütterungsverbot von Fleisch- und Knochenmehl für Nutztiere. Davon ausgenommen war bislang nur Fischmehl. Überlegungen, das Verbot auch für Schweine und Geflügel zu lockern, gibt es bereits seit Jahren. Denn tierisches Eiweiß gilt als wertvolle Proteinquelle.

Doch lange gab es keine geeignete Analysemethode, mit der das Vorhandensein von Schweine- oder Geflügelmaterial in Futtermitteln nachgewiesen werden konnte. Das aber ist die Voraussetzung, dass nach wie vor das sogenannte Inter-Spezies-Verfütterungsverbot eingehalten wird. Es verbietet die Fütterung von Geflügelproteinen an Geflügel sowie Schweineproteinen an Schweine. Mittlerweile gibt es aber Nachweisverfahren auf Basis der Polymerase-Kettenreaktion (PCR). 

BSE-Fälle sorgten für Aufsehen

1985 gab es in Großbritannien erstmals BSE-Infektionen in größerem Maße. Insgesamt wurden dort mehr als 180.000 Fälle von "Rinderwahnsinn" diagnostiziert - das sind die offiziellen Zahlen. Es wird aber vermutet, dass sich im Vereinigten Königreich insgesamt mehr als drei Millionen Rinder mit dem BSE-Erreger infizierten. In Deutschland wurde die Rinderseuche zum ersten Mal am 24. November 2000 nachgewiesen.  

Unzureichend erhitztes Fleisch- und Knochenmehl, umgangssprachlich Tiermehl, gilt als die wahrscheinlichste Ursache für die Übertragung des Erregers. Weil Rinder reine Pflanzenfresser sind, ist in Europa die Verfütterung von Tiermehl an Wiederkäuer seit 1994 verboten, allerdings schien es danach illegal verfüttert worden zu sein. 2001 wurde das Verbot vorsorglich auf alle Nutztiere ausgeweitet. 

Keine Gefahr für Nicht-Wiederkäuer  

Jetzt also sollen Schweine und Geflügel wieder mit tierischen Proteinen gefüttert werden dürfen. Die EU-Kommission begründet das mit zwei wissenschaftlichen Gutachten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Das Ergebnis: Bei Nicht-Wiederkäuern wurden "unter natürlichen Bedingungen keine TSE-Fälle nachgewiesen". Zur Gruppe der Transmissible Spongiforme Enzephalopathien (TSE) zählt neben der Rinderseuche BSE auch die Tier-Krankheit "Scrapie" bei Schafen. Eine Einschränkung gilt aber: Ein Schwein darf keine Bestandteile eines anderen Schweines, Geflügel kein anderes Geflügel fressen. Dies ist aus ethischen Gründen verboten.

Vor 2001 enthielt Tiermehl auch zum Beispiel Rückenmark oder Hirn von Rindern. Nach BSE wurden diese Bestandteile als Risikomaterial eingestuft - nach dem Grad der von ihnen ausgehenden Gefahr in drei Risikokategorien. Heute ist als Rohware für Tiermehl - oder korrekter für "verarbeitetes tierisches Protein"- ausschließlich Material erlaubt, das von schlacht- und genusstauglichen Tieren stammt. Dazu zählen etwa Geflügelköpfe, Häute und Felle, Hörner und Füße, Federn oder Blut.   

Tiermehl im Heimtierfutter

Mit dem Tiermehl-Verbot 2001 mussten sich die Futtermittelbetriebe neu ausrichten. Die nach wie vor anfallenden tierischen Nebenprodukte - in Deutschland rund 1,9 Millionen Tonnen im Jahr - landen heute hauptsächlich im Heimtierfutter. Ein geringer Anteil wird zu Düngemitteln verarbeitet oder geht in den Export. Da der Absatz in der Heimtiernahrungs-Industrie aufgrund der hohen Weltmarktpreise für tierisches Protein derzeit regelrecht boomt, erwarten Branchen-Insider, dass für den landwirtschaftlichen Bereich nicht viel übrigbleiben wird.

Rainer Berndt, Geschäftsführer der Berndt GmbH, betreibt in Bayern an mehreren Standorten Werke für die Aufarbeitung von Speiseresten und tierischen Nebenprodukten. Er bezweifelt, dass sich in Mitteleuropa ein nennenswerter Markt für Tiermehl im Nutztierfutter finden wird. Dazu komme, dass es sehr aufwändig sei, sortenreines tierisches Protein herzustellen. Speziell in Bayern hätten auch Schlachtbetriebe gar nicht die entsprechende Größe, um die dafür nötige Ware in ausreichender Menge abzugeben. Eine gemischte Verarbeitung von Geflügel und Schwein aber lässt das Gesetz nicht zu. 

Futtermittelhersteller fürchten strenge Auflagen 

Inwieweit Mischfutter-Hersteller künftig überhaupt tierische Proteine in Geflügel- oder Schweinefutter einsetzen werden, ist noch völlig unklar. Der Geschäftsführer des Deutschen Verbandes Tiernahrung (DVT), Peter Radewahn, betont, dass Anlagen, die Futter für mehrere Tierarten produzieren, tierische Proteine gar nicht einsetzen könnten. Schon aus Sicherheitsgründen bestehe "null Toleranz".

Das bedeutet: Würden bei Kontrollen nur geringste Mengen zum Beispiel von Geflügel-Material in Geflügelfutter oder Schweinematerial in Schweinefutter festgestellt, dürfte die Anlage nicht weiter produzieren. Eine vollkommen verschleppungsfreie Produktion, so Radewahn, sei in einem großtechnischen Werk, in dem mehrere Tausend, teilweise auch mehrere Zehntausend Tonnen pro Jahr durchlaufen, jedoch kaum realisierbar.  

Radewahn erklärt, dass man zunächst alle Auflagen, die von behördlicher Seite an die Werke gemacht würden, detailliert kennen müsse, bevor Entscheidungen getroffen werden könnten. Der europäische Futtermittelverband Fefac schätzt, dass EU-weit die erforderliche sortenreine Trennung derzeit nur etwa zehn Prozent der Futtermühlen gewährleisten könnten.

Vorteile von tierischem Protein erst überprüfen 

Sind tierische Proteine überhaupt notwendig im Futter? Tierische Proteine gelten als gut verdaulich, weisen ein günstiges Aminosäuremuster auf, haben viele Vitamine und sind zudem reich an Phosphor. Auch in freier Wildbahn fressen Vögel und Wildschweine tierisches Eiweiß. Ein gleichwertiger pflanzlicher Ersatz ist lediglich Protein aus Sojabohnen. Nach Einschätzung von Wolfgang Preißinger, Futtermittel-Experte an der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft, ist es jedoch notwendig, zunächst den Futterwert der wieder zugelassenen Futtermittel zu prüfen. Nur so ließe sich feststellen, ob sich die Leistung der Tiere verändere und in welcher Höhe diese Futtermittel künftig einzusetzen sind. 

Vom Aspekt der Nachhaltigkeit her wäre es für viele wünschenswert, wenn durch den Einsatz tierischer Proteine weniger Soja-Importe aus Übersee nötig wären. Gerade Bio-Landwirte, für die der Kreislaufgedanke eine große Rolle spielt, würden theoretisch von den neuen Einsatzmöglichkeiten profitieren. Weil sie keine synthetisch hergestellten Aminosäuren verwenden dürfen, ist im Futtertrog auf Biobetrieben der Eiweißbedarf am größten.

Doch die Zahl der Verarbeitungsbetriebe, die sowohl "Bio" als auch nach Tierarten getrennt arbeiten, ist extrem gering. Der Verband der Verarbeitungsbetriebe Tierischer Nebenprodukte rechnet zudem vor, dass die in Deutschland vorhandene Menge an verarbeitetem tierischem Protein gerade einmal 4,5 Prozent der Soja-Importe in Futtermitteln ersetzen könnte.

Insekten als alternative Eiweiß-Quelle? 

Ein alternatives tierisches Eiweiß-Futtermittel könnten in Zukunft Insekten sein. Die EU-Kommission hat für die Verfütterung an Schweine und Geflügel ebenfalls grünes Licht gegeben. Bedenken gibt es keine, da Geflügel Insektenfresser und Schweine Allesfresser seien. Erlaubt ist die Verfütterung unter denselben Bedingungen, die für die Fütterung von Fischen in Aquakultur gelten. Erste Landwirte haben bereits Interesse angemeldet, auf ihren Betrieben statt Milch, Fleisch oder Eiern in Zukunft Insektenlarven zu produzieren.