Hochspannungsmasten | picture alliance / Jochen Tack
Hintergrund

Deutscher Energiemarkt Aus welchen Quellen kommt der Strom?

Stand: 05.09.2022 19:21 Uhr

Die Frage, wie es um die Sicherheit der deutschen Stromerzeugung bestellt ist, wurde jetzt durch zwei Stresstests geklärt. Wie wird in Deutschland derzeit der Strom erzeugt?

Von Thomas Spinnler, tagesschau.de

Der russische Angriff auf die Ukraine und die Folgen des Kriegs für die Energieversorgung hat längst auch die deutsche Stromerzeugung in den Fokus gerückt. Zwei Stresstests des Bundeswirtschaftsministerium haben ermittelt, ob das deutsche Stromnetz auch verschärften Bedingungen gewachsen und die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Aus welchen Quellen wird hierzulande der Strom in das Netz eingespeist und wie sieht der Strommix derzeit aus?

Anteil Erneuerbarer Energien wächst   

Die Bedeutung der Erneuerbaren Energien für den Strommix ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Im ersten Halbjahr 2022 deckten Erneuerbare Energien insgesamt rund 49 Prozent des Bruttoinlandstromverbrauchs, teilte das Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) und des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) mit. Je nach Jahreszeit und Wetterlage überschreitet der Anteil aber häufig bereits die Marke von 50 Prozent, wobei insbesondere die Windkraft den größten Beitrag leistet.

In den ersten sieben Monaten des Jahres wurde nach Angaben des Umweltbundesamts 14 Prozent mehr erneuerbarer Strom erzeugt als im Jahr 2021. Damit sei auch der Wert des bisherigen Rekordjahres 2020 übertroffen worden. Im gesamten Jahr 2021 betrug die Einspeisung aus Erneuerbaren Energien 42,4 Prozent. 2020 waren es noch 47,1 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 2011 hatte der Anteil von Strom aus Photovoltaik, Windanlagen, Biogas und Wasserkraftwerken an der Gesamtenergieproduktion noch etwa 20 Prozent betragen.    

Stromerzeugung durch Erdgas

Durch Erdgas wurde im ersten Quartal des laufenden Jahres etwa 13 Prozent des Stroms hergestellt. Im Vorjahresquartal waren es noch mehr als 16 Prozent. Nach aktuellen Daten des Energieverbands BDEW sei im ersten Halbjahr 2022 in Gaskraftwerken rund zwölf Prozent weniger Strom erzeugt worden als im Vorjahreszeitraum. Laut BDEW sei Deutschlands Gas-Verbrauch wegen der hohen Preise und milder Wintermonate im ersten Halbjahr insgesamt um 14,7 Prozent verglichen mit dem Vorjahr gesunken.

Ob dieser Trend anhält, ist ungewiss, denn die verbrauchte Menge und der Strommix insgesamt unterliegen ständigen Schwankungen: So teilte das Strommarktdatenportal Smard jetzt mit, dass im Juli 13,5 Prozent mehr Strom von Gaskraftwerken produziert worden sei als im Vorjahresmonat. Als Erklärung bieten Experten eine höhere Stromnachfrage aus Frankreich an. Im Juli 2022 lag der Gasanteil an der Stromerzeugung laut Bundesnetzagentur bei 9,8 Prozent.

Mehrbedarf an Kohle    

Ein wieder wichtigerer Faktor der deutschen Stromerzeugung bleiben auch Braun- und Steinkohle. Ihr Anteil an der Stromerzeugung beträgt rund 30 Prozent. Seit Anfang August wird keine russische Kohle mehr nach Europa importiert. Zwar lasse sich Kohle deutlich leichter ersetzten als Gas, jedoch müssten auch diese Lieferströme zunächst einmal etabliert werden, zumal der deutsche Bedarf an Kohle steigen werde, unterstreichen die Fachleute der Warburg Bank: "Schließlich muss die im kommenden Jahr vermutlich nicht mehr verfügbare Atomkraft in Deutschland durch Kohle ersetzt werden, da Gas als Substitut zunächst ausfallen dürfte."   

Viele Experten weisen darauf hin, dass in den kommenden Jahren der Strombedarf nochmal deutlich steigen dürfte. "Die Stichwörter sind hier Elektroautos, Wärmepumpen, Elektroöfen, Wasserstoff und Industrieprozesse. Ein Mehrbedarf an Kohle ist hier fast zwangsläufig vorprogrammiert", schreiben beispielsweise die Volkswirte der Warburg Bank.

Kohlekraftwerke werden reaktiviert

Darauf hat die Politik reagiert, indem sie zwei Steinkohlekraftwerke wieder ans Netz nahm: Als erstes Steinkohlekraftwerk war Anfang August das Kraftwerk Mehrum im niedersächsischen Hohenhameln, das dem tschechischen Energiekonzern EPH gehört, aus der Reserve geholt worden.

Nun ist noch das Kraftwerk Heyden im nordrhein-westfälischen Petershagen dazugekommen. Das Uniper-Kraftwerk gehört Unternehmensangaben zufolge mit einer Leistung von 875 Megawatt zu Deutschlands leistungsstärksten Kohlekraftwerken. Es soll nach früheren Angaben nun bis Ende April 2023 wieder Strom erzeugen.

Bleiben die AKWs am Netz?

Strom wird noch immer mit Hilfe von Kernkraftwerken gewonnen, wenn auch nur in geringerem Ausmaß: Die drei Atomkraftwerke Isar 2, Emsland und Neckarwestheim 2 sind derzeit noch mit rund sechs Prozent am Strommix beteiligt. Nach aktuellem Stand sollen sie spätestens am 31. Dezember 2022 abgeschaltet werden. Das Ergebnis des zweiten Stresstests wird bei der Entscheidung über einen möglichen Weiterbetrieb über das Jahresende hinaus nun eine wichtige Grundlage bilden.

Im ersten Quartal 2022 war die Stromerzeugung aus Kernenergie im Vergleich zum 1. Quartal 2021 um 49,0 Prozent auf die genannten sechs Prozent gesunken, weil Ende 2021 im Rahmen des Atomausstiegs drei der sechs noch im Betrieb befindlichen Kernkraftwerke abgeschaltet wurden.