ICE-Bahnhof am Flughafen Köln/Bonn

Umstrittene Kurzstreckenflüge Schiene statt Düse: Geht das?

Stand: 14.07.2021 04:31 Uhr

Bahnfahren statt Billigfliegen - dem Klima zuliebe: Gut zwei Monate vor der Bundestagswahl ein großes Thema. Doch kann das klappen? Und kann Deutschland von anderen Ländern lernen?

Von Katja Sodomann, hr

Anfang Juli strich die Lufthansa ihren klimapolitisch umstrittenen Kurzstreckenflug zwischen Nürnberg und München. Ganz im Sinne des Wahlkampfthemas "Zug statt Flug"? Nicht ganz: Die Lufthansa setzt einen Express-Bus ein - in Ermangelung einer schnellen Zuganbindung am Münchener Flughafen. Wer erinnert sich nicht an Edmund Stoibers geplatzte Transrapidträume? Bis heute hält hier nur die S-Bahn. So rückt das klimapolitische Ziel, alle Inlandsflüge durch Zugfahrten zu ersetzen, in weite Ferne. Denn ein Drittel der Passagiere, die innerdeutsch fliegen, tun dies, um in einen Anschlussflug umzusteigen - meist ab Frankfurt oder München. Menschen sind bequem, erst recht mit viel Gepäck und einer langen Reise vor der Nase. Ohne gute, schnelle Bahnalternativen bleiben Inlandsflüge attraktiv. Das gilt auch für reine Inlandsflüge.

Spanien setzt auf Billigzugtickets

In vielen EU-Ländern wird debattiert, wie man Kurzstreckenflüge am besten reduzieren kann - so auch in Spanien. Doch während die Politik hier noch diskutiert, hat die Wirtschaft schon Anreize geschaffen: Seit Ende Juni bietet die spanische Bahn RENFE Schnäppchen-Zugfahrten mit ihrem Hochgeschwindigkeitszug AVLO: Madrid-Barcelona gibt es ab sieben Euro. Der französische Konkurrenzschnellzug OUIGO ist sogar schon länger mit solchen Kampfpreisen auf Spaniens Schienen unterwegs. Beide Anbieter sprechen von einem Run auf die Angebote. Francisco Prats Herrero, der RENFE-Gebietsleiter Madrid/Barcelona, spricht von "Start-Belegungen von 100 Prozent und sehr positiven Prognosen". Er wirbt, dass die Bahn im Vergleich der Verkehrsträger den geringsten CO2-Ausstoß hat: "Das Produkt soll Umweltschäden verringern und die Nachfrage zur Eisenbahn umleiten."

Das Angebot lockt preisbewusste Kunden wie Julieta Staschewski Martínez vom Flug in den Zug: "Wenn es billiger gewesen wäre, wäre ich geflogen, auch wenn der Zug bequemer ist. Am Ende orientieren sich Leute in meinem Alter hauptsächlich am Preis. Ein guter Anreiz, den Zug zu nehmen", sagt die 21-jährige Studentin. Sie plant jetzt häufiger Wochenendkurztrips mit dem Zug: "Man kommt im Zentrum an und ist unterm Strich schneller als per Flug. Außerdem ist das Ticket günstiger, als etwas trinken zu gehen." Zwei Stunden und 45 Minuten dauert die Zugfahrt, ein Flug anderthalb Stunden plus Eincheckzeit. So ist der Zug auch eine Alternative für Kunden, bei denen weniger der Preis und mehr der Zeitfaktor zählt.

Frankreich verbietet Inlandsflüge

Frankreich geht einen anderen Weg. Hier werden Flüge verboten, wenn ein TGV dieselbe Strecke in zweieinhalb Stunden schafft, zum Beispiel von Paris nach Lyon oder Bordeaux. Zubringerflüge sind aber weiter erlaubt, kritisiert ARD-Luftfahrtexperte Michael Immel: "Wir sehen nach wie vor die ganzen Umsteigeverkehre. So ist das französische Modell eine Mogelpackung, die man gut verkauft hat."

Diese Mogelpackung ist aber dennoch ein Anstoß für manches andere EU-Land wie Deutschland, ebenfalls über Verbote von Kurzstreckenflügen zu diskutieren.

Schiene statt Düse - geht das in Deutschland?

Sind die Konzepte von Frankreich und Spanien ein passendes Vorbild für Deutschland? Bahn- und Luftfahrtexperten sind da skeptisch. So hat Frankreich ein reines Hochgeschwindigkeitsnetz: Der TGV kann viel schneller als der ICE fahren, der sich die Strecke mit Güter- und Bummelzügen teilt. Das erleichtert den Umstieg von Flug auf Zug genauso wie die Siedlungsstruktur: "Frankreich hat nur ein Dutzend große Städte, die alle direkte Schnellverbindungen nach Paris haben. Deutschland hat viel mehr große Städte, und die sind nicht alle mit Hochgeschwindigkeitsverkehr abgedeckt," erläutert Bahnexperte Christian Böttger. Er folgert, für ein Komplettverbot von Inlandsflügen fehlten ausreichend schnelle und attraktive Bahnverbindungen. Hinzu komme, dass es dem Klima sogar schaden könne, warnt ARD-Luftfahrtexperte Immel mit Blick auf den Umsteigeverkehr: "So verlagern wir nur Verkehre. Der Passagier will es bequem haben. Statt Zug wählt er dann einen Flug über Istanbul oder Amsterdam nach Asien." Davon profitieren ausländische Airlines, aber nicht das Klima.

Und an den Zugticketpreisen drehen wie in Spanien? "Die Bahn bietet Billigtickets, wenn sie freie Kapazitäten hat, also natürlich nicht freitagnachmittags. Nur so kann sie im Mix Geld verdienen. Noch mehr Sparpreise wären nicht mehr wirtschaftlich," meint Bahn-Experte Böttger. Er rät stattdessen zu mehr Gleichbehandlung der Branchen: "Die Politik sollte sich über die ungleichen Wettbewerbsbedingungen Gedanken machen und die vielfältigen, indirekten und versteckten Subventionen des Luftverkehrs angehen. Damit könnte man circa die Hälfte des Flugverkehrs binnen fünf Jahren verlagern, der jetzt noch aus wirtschaftlichen Gründen geflogen wird." Denn es existieren einige Flugstrecken, die schon jetzt mit einer schnellen Bahnverbindung ersetzbar wären.

Streckenausbau muss beschleunigt werden

Das Problem ist die andere Hälfte, die nicht so leicht zu verlagern ist, weil es an Kapazitäten und Tempo der Bahnstrecken mangelt. Die sind gerade zwischen Großstädten schon jetzt überlastet. Die Vergangenheit hat gezeigt: Wird eine attraktive Zugverbindung geschaffen, werden Flüge weniger genutzt oder sogar eingestellt, wie Hamburg-Berlin oder Köln-Frankfurt. Obsolet werden sie aber erst, wenn das überall gegeben ist. Doch dafür müssten schnellere Strecken gebaut werden, sagt Böttger: "Da gibt es eine Reihe von Strecken, die seit 30 Jahren geplant sind und wo immer das Geld nicht zur Verfügung stand. Wenn die jetzt gebaut werden, lässt sich auch mehr Verkehr auf die Schiene verlagern."

Doch neue, schnellere Strecken zu bauen, geht nicht schnell. Das zeigt zum Beispiel der jüngst gestartete Ausbau der sogenannten Dresdner Bahnstrecke. Sie soll die Fahrt zum Berliner Flughafen verkürzen. Doch bis die Bahn mit dem Bau beginnen durfte, hat es 26 Jahre gedauert. Schlechte Vorzeichen für einen künftigen ICE-Anschluss am Münchener Flughafen und für ein baldiges Aus deutscher Kurzstreckenflüge. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Nach Jahrzehnten des Abbaus baut die Bahn jetzt vielerorts aus und bietet vermehrt schnellere Verbindungen an. So wird der Zug dem Flug Stück für Stück mehr Konkurrenz machen.

Über dieses Thema berichtete der Tagesschau-Podcast "Mal angenommen" am 17. Juni 2021 um 05:00 Uhr.