Ein Stück mit Lithium durchsetztes Stück Erz | picture alliance/dpa/dpa-Zentral

Umdenken der Unternehmen Was tun gegen den Rohstoffmangel?

Stand: 02.06.2022 13:53 Uhr

Deutsche Unternehmen sind abhängig von Rohstoff-Importen. Spätestens seit dem Ukraine-Krieg wird deutlich, dass diese Zulieferungen nicht selbstverständlich sind. Wie reagieren die Firmen auf das Problem?

Von Nicholas Buschschlüter, ARD-Börsenstudio

Schon vor dem Ukraine-Krieg litt die deutsche Wirtschaft unter Rohstoffmangel. Holz, Aluminium, Kupfer und Kunststoffe waren nur einige der Rohstoffe oder Vorprodukte, die damals auf den Weltmärkten knapp wurden. Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags stellte im August vergangenen Jahres fest, dass die Engpässe die deutsche Wirtschaft in ganzer Breite träfen. Besonders stark jedoch leiden darunter die Unternehmen aus der Gummi- und Kunststoffindustrie, das Baugewerbe, die Fahrzeugindustrie und die Elektrotechnik. Neben Vorprodukten fehlten in allen Branchen auch Verpackungen und - vor allem in der Autoindustrie - Halbleiter.

Nicholas Buschschlüter

Ukraine-Krieg verschärft die Engpässe

Seit dem Ukraine-Krieg haben sich die Engpässe nochmal zugespitzt. Nicht nur die Rohstoffknappheit, auch die gestiegenen Rohstoffpreise schmerzten die Unternehmen sehr, sagt Gabriele Widmann, Volkswirtin bei der Deka Bank.

"Jetzt ist die große Frage: Können die Unternehmen die gestiegenen Preise weitergeben? Und was sich in den letzten Tagen abzeichnet - in Sachen Inflation, auch bei den der Reaktionen der Verbraucher - ist: die weichen aus", sagt Widmann. "Das bedeutet, die Unternehmen können die gestiegenen Kosten nicht weitergeben." Das tue dann weh, weil den Unternehmen weniger Geld für Investitionen und damit auch für Wachstum übrig bleibe.

Umbau der Lieferketten

Besonders betroffen vom Ukraine-Krieg ist die Gummi- und Kautschukindustrie in Deutschland. Russland ist einer der wichtigsten Lieferanten der globalen Kautschukindustrie, lieferte bis vor den Sanktionen jährlich Tausende von Tonnen Synthesekautschuk in die EU. Solche Mengen seien nicht über Nacht zu ersetzen, analysiert das Gummi- und Kunststoffunternehmen Jäger-Gruppe aus Hannover. Alternative Lieferländer wie die USA, Norwegen oder Katar könnten diese Lücke nur bedingt füllen.

Angesichts politischer Unsicherheiten müssten Unternehmen ihre Lieferketten deshalb langfristig umbauen, findet der Gummi-Spezialist aus Niedersachsen. Außerdem sollten mehr Komponenten auf Vorrat gelagert und Just-in-Time-Strategien überdacht werden, bei der das benötigte Material erst kurz vor Produktionsbeginn eintrifft.

Mehr Recycling könnte Abhilfe schaffen

Deka-Bank-Expertin Widmann hat noch einen anderen Vorschlag: "Die Unternehmen haben einen riesengroßen Anreiz, Energie zu sparen und zu schauen, wie kann ich vielleicht durch Recycling manche Rohstoffe so gewinnen, dass ich nicht die langen Transporte habe und die hohen Kosten aus Ländern, die nicht so nah sind und nicht so bequem liefern wie Russland es bisher getan hat."

Recycling könnte gerade bei Kupfer, Kobalt, Lithium und den sogenannten seltenen Erden viel helfen, sagt auch eine Studie der katholischen Universität Löwen in Belgien. Bis 2050 könnte Europa durch Wiederverwertung bis zu 75 Prozent seines Bedarfs aus Basismetallen decken.

Förderung auch hierzulande?

Abgesehen vom Recycling wäre aber auch der Abbau seltener Erden in Deutschland denkbar, findet Widmann. "Denn auch wir haben ja relativ viel Rohstoffe, die nur eben schwer verfügbar sind und aus Umweltschutzgründen nicht erschließbar sind. Ich könnte mir vorstellen, dass sich da in den nächsten Jahren einiges tun wird."

In Sachsen gibt es mehrere Vorkommen von seltenen Erden - allerdings in so geringen Konzentrationen, dass der Abbau bisher größtenteils nicht als wirtschaftlich galt. Im Osterzgebirge soll dagegen der Abbau von Lithium, das für Smartphone-Akkus und E-Auto-Batterien wichtig ist, in drei Jahren losgehen - unter strengen Umweltauflagen.  

Dieser Beitrag lief am 02. Juni 2022 um 13:49 Uhr im Deutschlandfunk.