Präsentation der Pläne für eine Raketenstartrampe in der Nordsee | dpa

Raketenstartplatz-Projekt Von der Nordsee ins All

Stand: 06.09.2021 17:13 Uhr

Eine Allianz aus deutschen Unternehmen plant Raketenstarts von einem Schiff in der Nordsee. Die Firmen rechnen mit stark steigender Nachfrage für den Transport kleinerer Satelliten.

Von André Kartschall, rbb

Bislang gibt es das Projekt nur als Modell im Maßstab einer Modelleisenbahnplatte: Es zeigt ein Frachtschiff, auf dem eine Rakete lagert. Geht es nach den deutschen Unternehmen der German Offshore Spaceport Alliance, kurz GOSA, soll bereits 2023 eine echte Rakete von einem Schiff aus in den Weltraum fliegen.

Andre Kartschall

Der geplante Startplatz liegt mitten in der Nordsee, rund 400 Kilometer vom deutschen Festland entfernt. Der Grund für das Ausweichen aufs Meer: Auf deutschem Festland wäre eine Startrampe aus Sicherheitsgründen kaum zu errichten. Das Land ist zu dicht besiedelt, bei einem Unglück wären zu viele Menschen gefährdet.

Großer Bedarf an neuen Satelliten

Die Firmen hinter GOSA - Raumfahrtunternehmen, Satellitenzulieferer, Ingenieure und eine Reederei - versprechen sich vom Startplatz in der Nordsee ein gutes Geschäfte und einen Aufschwung für die deutsche Raumfahrtbranche insgesamt.

Kleinere Satelliten benötigen auch nur kleinere Raketen. Die Umlaufbahnen sollen "erdnah" sein. Denkbare Anwendungsmöglichkeiten sind vor allem Kommunikations- und Analysesatelliten - für die Landwirtschaft, den Bergbau, satellitengestützte Navigation oder auch bei der militärischen Aufklärung. Eine mobile Startplattform könnte kostengünstige Bedingungen bieten, vor allem für High-Tech-Start-ups, die ihre Technik auf diese Weise preiswert in den Weltraum befördern lassen könnten.

Hauptgrund für den Optimismus der Initiatoren sind Prognosen, wonach bis 2028 rund viermal so viele Satelliten ins All gebracht werden wie in den zehn Jahren zuvor. "Da werden wir in den kommenden Jahren erleben, dass ein großer Bedarf entsteht, und dafür braucht es eben Startmöglichkeiten", so GOSA-Sprecherin Sabine von der Recke.

Absichtserklärungen, aber noch keine feste Zusage

In Berlin präsentierte GOSA heute neue Partnerunternehmen aus der Raketenbranche, darunter auch aus Großbritannien und den Niederlanden. Diese unterschrieben Absichtserklärungen: ein weiterer Schritt auf dem Weg zum ersten Raketenstart. Der Bundeswirtschaftsminister war anwesend und fand ermunternde Worte. Eine verbindliche Zusage über staatliche Finanzhilfen hatte Peter Altmaier aber nicht dabei. Über den Offshore-Startplatz wird politisch also erst nach der Bundestagswahl entschieden.

Für Altmaier ist aber klar: Kommt der Startplatz in der Nordsee, will Deutschland mitspielen. Der Staat würde einer der "Ankerkunden" werden, sagte er. In seiner Amtszeit als Kanzleramtsminister sei ihm während der Ukraine-Krise klar geworden, dass Deutschland keine eigenen Aufklärungsmöglichkeiten aus dem All gehabt habe: "Da mussten wir Satelliten mieten. Ein richtiges Land braucht auch richtige Satelliten."

Diese Illustration der GOSA-Initative zeigt ein Spezialschiff, von dem aus kleine Trägerraketen mit Satelliten starten können. | dpa

Diese Illustration der GOSA-Initative zeigt ein Spezialschiff, von dem aus kleine Trägerraketen mit Satelliten starten können. Bild: dpa

Denkbar, aber auch machbar?  

Nun soll eine Machbarkeitsstudie mehr Klarheit bringen, vor allem auch zu rechtlichen Fragen. Schließlich ist das Projekt ein Novum. Rechtliche Fragen sowie die Vereinbarkeit mit Schifffahrt und Fischerei sind noch offen.

Die GOSA geht von einem Finanzierungsbedarf von 27 Millionen Euro bis zum ersten Start aus. Ohne öffentliche Zuschüsse könnte sich das Projekt als unwirtschaftlich erweisen. Sollten die Prognosen der Initiatoren aber zutreffen und der Startplatz Realität werden, dürfte das für Deutschlands Weltraumbranche einen enorm wichtigen Meilenstein darstellen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. September 2021 um 14:00 Uhr.