Polaroid-Kameras | picture-alliance/ dpa

75 Jahre Polaroid "Der Spaß entwickelt sich sofort"

Stand: 21.02.2022 16:07 Uhr

Vor 75 Jahren erfand Edwin Land die Sofortbildkamera. Sie revolutionierte das Fotografieren und fasziniert bis heute Menschen weltweit. Das zeigt sich auch in den Verkaufszahlen der vergangenen Jahre.

Von Philipp Wundersee, WDR

"Es entschleunigt mich sehr in der digitalen Zeit", sagt Jennifer Rumbach. Die Fotografin arbeitet seit mehr als 15 Jahren auf Polaroid-Material. "Ich verspüre jedes Mal das Adrenalin. Das Resultat bekommt man direkt. Es ist nicht so wie bei einer digitalen Kamera, bei der ich 50 Mal auf den Auslöser drücke." Sofortbildkameras seien nicht so verschwenderisch. Manchmal mache sie auch extra kein Foto, sagt Rumbach. Man fotografiere bewusster. "Es gibt noch altes Filmmaterial, und die Filme kosten gerne 70 bis 100 Euro. Da überlegt man bei jedem Motiv genau." Die Farben bei den alten Filmen seien besonders. "Die Bilder haben einen speziellen Geruch und haben etwas sehr Haptisches. Das ist sinnliches Fotografieren", schwärmt die Fotografin aus Köln.

Philipp Wundersee

Revolution für die Fotografie

Vor 75 Jahren präsentierte der Physiker Edwin Land seine erste Sofortbildkamera in New York. Die Firma Polaroid revolutionierte damit die Fotografie. Wenige Monate später rollte die Land Camera Model 95 vom Band. Sie kostete weniger als 90 Dollar und verkaufte sich millionenfach.

Max Greve weiß, warum. Er ist Dozent für Fototechnik an der Universität Folkwang. "Man schüttelt. Man guckt zu, wie das Bild entsteht. Man sieht, wie Fototechnik arbeitet. Aus der technischen Sicht ist das ein Phänomen", sagt Greve. "Die Walzen in der Kamera entwickeln das Foto selbst und tragen die Chemie auf. Das ist ein Foto-Studio immer mit dabei." Aus ästhetischer Sicht sei das Polaroid-Bild eine Katastrophe. "Die Bilder sind schlecht und unscharf. Aber solche Katastrophen sind auch wertvoll. Das Material hat eine Berechtigung für das spontane und das gefühlige Bild."

Polaroid-Bild des Sofortbildkamera-Erfinders Edwin Land | picture alliance/dpa/Akg/United

Die von Edwin Land entwickelte Sofortbildkamera wurde millionenfach verkauft. Bild: picture alliance/dpa/Akg/United

Beliebt nicht nur bei Künstlern

Künstler wie Andy Warhol waren Fans von Polaroid-Bildern. Sie liebten das Unperfekte, das Authentische, die Überraschung, die sich erst nach Sekunden auflöst. Dem stimmt Greves Kollege Matthias Gründig von der Folkwang Universität zu. "Das kann den Aufnahmen dann einen ganz anderen sentimentalen Wert bescheren", sagt Gründig. "Das eine handgreifliche Sofort-Bild steht dann im Zweifel den Tausenden flüchtigen Smartphone-Bildern entgegen, die wir vielleicht aufgenommen, aber nicht unbedingt noch einmal angeschaut haben." Das zumindest sei die Romantik, die Sofortbilder als Ware noch immer am Leben hält.

Private Aufnahmen ohne Labor

Ein Grund für den Erfolg ist Greve zufolge auch, dass die Nutzer Fotos erstellen konnten, ohne dafür im Labor ihre Motive preisgeben zu müssen. "Leute konnten intime Bilder machen, private Momente auch im Schlafzimmer festhalten. Das wurde nicht zum Entwickeln herausgegeben." Auch das habe für den Aufstieg der Sofortbildkameras gesorgt.

In der digitalen Welt wirken Polaroids wie aus der Zeit gefallen. Mit der Polaroid SX-70 aus den 1970er-Jahren werde das Fotografieren zum Erlebnis, sagt Greve. "Das ist ein Designobjekt und einfach unfassbar gut gemacht. Da haben die Techniker gezeigt, was sie können, wenn der kleine Elektromotor surrend das fertige Foto ausspuckt."

In den 1980er- und 1990er-Jahren erlebte Polaroid einen Höhenflug mit mehreren Milliarden Dollar Umsatz - auch dank Werbeslogans wie "Der Spaß entwickelt sich sofort". Doch mit dem digitalen Fotografieren verschwand im neuen Jahrtausend der Massenmarkt. 2001 meldete das Unternehmen erstmals Insolvenz an. Es folgten bis heute mehrere Übernahmen und eine weitere Insolvenz im Jahr 2008.

Ein Polaroidfoto von einem Hund | Jennifer Rumbach

Die Farben und das besondere Material machen Sofortbildaufnahmen für Fotografinnen wie Jennifer Rumbach bis heute attraktiv. Bild: Jennifer Rumbach

Gegen die Bilderflut

Die Ästhetik bei Instagram, so Rumbach, sei zu Beginn mit den Filtern und Farben dem Polaroid sehr ähnlich gewesen. Doch der Vergleich zu Instagram hinke, sagt Greve. "Instagram kostet nichts. Ein Polaroid hat auch Geld gekostet, als Farbfilm billig war. Das waren wenige und besondere Bilder, die man damals selten rumgezeigt hat."

Die Erfindung von Edwin Wand sei heute ein Mittel gegen die Bilderflut, sagt Jennifer Rumbach. Weniger sei manchmal mehr. Die Fotografin arbeitet mit Polaroid gerne für private Fotos, aber auch für Auftragsarbeiten, wenn sie ganze Sofortbildserien veröffentlicht. "Ich arbeite als Fotografin meist nur noch digital. Mit Sofortbildkameras habe ich weniger Kontrolle, erreiche dabei mehr Authentizität." Dozent Greve versteht die Faszination von Sofortbildkameras. "Heute ist das fast wie ein Mysterium. Die jungen Leute kennen das vielleicht gar nicht mehr. Das Greifbare, das Mitnehmen, das Hängen der Bilder an die Wand. Eigentlich sind die Bilder gruselig und schlecht - und doch so berührend."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 21. Februar 2022 um 08:36 Uhr.