Gleichstrom-Erdkabel laufen aus dem Erdreich zu einer sogenannten "Muffenstation". | picture alliance/dpa

Stromnetz-Projekt NordLink Mega-Kabel für die Energiewende

Stand: 27.05.2021 13:35 Uhr

Das Seekabel NordLink ist offiziell eingeweiht worden. Es transportiert bereits seit Ende März Ökostrom aus Norwegen. In Deutschland kommt der Netzausbau dagegen nur schleppend voran.

Von Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein Stromkabel, das in die Zukunft weisen soll. 623 Kilometer lang, dick wie ein Oberschenkel und mit einer Kapazität von 1400 Megawatt. Das entspricht der Leistung eines Atomkraftwerks. Aber NordLink soll keinen Atom- oder Kohlestrom transportieren, sondern einen Beitrag leisten zur Energiewende. Bei der Einweihung mit dabei sind Bundeskanzlerin Angela Merkel und die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg.

Martin Polansky ARD-Hauptstadtstudio

"Leuchtturmprojekt für die Energiewende"

Das Hochspannungs-Seekabel verbindet seit heute offiziell Deutschland und Norwegen. Vor Büsum kommt es aus dem Wattenmeer. NordLink soll grünen Strom je nach Bedarf in Deutschland und in Norwegen bereitstellen. Der Staatssekretär im Wirtschaftsministerium Andreas Feicht (CDU) spricht gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio von einem Leuchtturmprojekt für die Energiewende in Deutschland und Europa. "Der Vorteil ist, dass wir kostengünstigen Grünstrom aus Norwegen bekommen, wenn Norwegen besonders viel davon hat." Das gelte etwa während der Schneeschmelze für den Strom aus norwegischen Wasserkraftwerken. Aber auch Norwegen könne profitieren, sagt Feicht. Insbesondere, wenn Deutschland sehr viel Wind- und Solarstrom habe, um den nach Norwegen zu exportieren. "Insofern ergänzen sich die beiden Technologien optimal zueinander", so der Staatssekretär.

Übersicht der Stromtrasse „NordLink“ zwischen Norwegen und Deutschland

2016 begann der Bau der Leitung. Die Kosten von 1,8 Milliarden Euro tragen zur einen Hälfte das norwegische Energieunternehmen Statnett, zur anderen Hälfte der hiesige Netzbetreiber Tennet und die deutsche Förderbank KfW. Aus Sicht von Tennet soll Nordlink nur der Anfang sein. Das Unternehmen will mit anderen Netzbetreibern bis 2035 die Nordsee-Anrainer Deutschland, Dänemark, Norwegen, Großbritannien und die Niederlande über leistungsstarke Seekabel und Verteilkreuze miteinander verbinden. Auch zukünftige Offshore-Windanlagen sollen an die Stromtrassen angeschlossen werden.

Verzögern sich die Stromautobahnen in den Süden?

Die Energiewende ist für die Netzbetreiber in Europa eine Herausforderung: Wind und Sonne variieren stark. Aber im Stromnetz muss permanent eine Frequenz von 50 Hertz gehalten werden. Sonst drohen Blackouts, die im schlimmsten Fall ganze Regionen Europas betreffen könnten. Andreas Kuhlmann von der Deutschen Energie-Agentur dena hält eine engere Verzahnung der Netze für wichtig. "Je mehr Grenzkuppelstellen und je mehr Austausch wir haben zwischen den Nachbarländern innerhalb Europas, desto besser ist das für einen reibungslosen Fluss des Stroms." Das betreffe die Versorgungssicherheit, den Ausgleich der verschiedenen Energieträger aber auch die Preise. "Das ist eine wichtige Aufgabe, die auch vorangetrieben wird", sagt der Energieexperte. "Aber es muss schneller passieren als es gegenwärtig der Fall ist."

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Stromtrassen

Dabei sind große europäische Vorhaben das eine - die Probleme beim Ausbau der sogenannten Stromautobahnen in Deutschland sind das andere. Hierzulande muss der vor allem im Norden produzierte Windstrom in die Industrie- und Bevölkerungszentren des Westens und des Südens gebracht werden. In der Planung befinden sich drei große Nord-Süd-Stromautobahnen, die eigentlich 2025 beziehungsweise 2026 fertiggestellt werden sollen. A-Nord/Ultranet im Westen, SuedLink in der Mitte und SuedOstLink im Osten der Republik. SuedLink soll zudem in Wilster in Schleswig-Holstein mit NordLink verknüpft werden. Allerdings: Wirtschaftsstaatssekretär Feicht hält gegenüber dem ARD-Hauptstadtstudio Verzögerungen für möglich, die Netzbetreiber hätten auf entsprechende Risiken hingewiesen. Denn entlang der geplanten Trassen organisieren Bürger und auch Umweltverbände Widerstand gegen die Stromleitungen.

Umweltverbände leisten Widerstand

Laut Bundesnetzagentur sollen insgesamt 7700 Kilometer an Leitungen gebaut oder modernisiert werden. 1600 Kilometer sind bereits fertiggestellt, 730 Kilometer genehmigt oder im Bau. 4700 Kilometer befinden sich noch in den Planungsverfahren. Der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) hält die geplanten Stromautobahnen für überdimensioniert und unnötig. So verweist der Sprecher des Arbeitskreises Energie des BUND, Werner Neumann, auf Studien, die dezentrale Lösungen empfehlen: etwa durch den verstärkten Zubau von Wind- und Solaranlagen im Süden des Landes, kombiniert mit Stromspeichern.

Neumann bezweifelt, dass die großen Nord-Süd-Trassen wie geplant Mitte des Jahrzehnts in Betrieb gehen werden. Denn nach Abschluss der vielfach noch laufenden Planfeststellungsverfahren werde es reihenweise Klagen gegen die Projekte geben: "Die Konflikte kann man ja schon heute beobachten", sagt Neumann. Es gebe Hunderte von Bürgerinitiativen, die sich entlang der verschiedenen Trassen SuedLink oder SuedOstLink zusammengeschlossen haben und mit denen auch der BUND zusammenarbeite. Neumann betont, man habe ein gemeinsames Ziel: "Eine dezentrale Energiewende in Bürgerhand - und damit gleichzeitig verbunden einen besseren Umwelt- und Naturschutz." Umweltverbände wie der BUND stellen sich damit auch gegen die Grünen, die im Bundestag für den schnellen Ausbau der Hochspannungstrassen eintreten. Denn die sind aus Sicht der Partei unverzichtbar für die Energiewende.

Bis zu 100 Milliarden Euro an Investitionen nötig

So enthält der Netzausbau viel Konfliktpotenzial. Wirtschaftsstaatssekretär Feicht setzt auf Bürgerdialog und Lösungen vor Ort, um Härten abzumildern. So sollen verstärkt Erdkabel verlegt werden, die allerdings deutlich teurer sind als Freileitungen. "Überall dort, wo Anlagen gebaut werden, die in irgendeiner Weise das Landschaftsbild beeinträchtigen, führt das zu Widerstand vor Ort", sagt Feicht. Das gelte sowohl für Stromnetze als auch für erneuerbare Anlagen, insbesondere im Windbereich. "Die Probleme sind ähnlich gelagert", so der Wirtschaftsstaatssekretär. "Beides ist gleichermaßen wichtig und auch gleichermaßen schwierig."

Klar ist: Der Ausbau der Stromnetze wird erhebliche Investitionen erfordern. Schätzungen liegen zwischen 75 und 100 Milliarden Euro bis Mitte des Jahrhunderts. Und die jetzt geplante Verschärfung der Klimaziele ist in den bisherigen Modellen noch gar nicht eingepreist - auch im Hinblick auf die Zeitpläne. Der Stromnetzausbau wird somit zum Mammutprojekt unter Zeitdruck, wenn Deutschland tatsächlich in 24 Jahren treibhausgasneutral sein soll. Das Seekabel NordLink ist da nur ein Baustein.