Rohrsysteme in der Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 und der Übernahmestation der Ferngasleitung OPAL (Ostsee-Pipeline-Anbindungsleitung) sind in Lubmin zu sehen. | dpa

Nord Stream 1 So viel Gas wie vor der Wartung

Stand: 21.07.2022 11:42 Uhr

Das Gas durch die Pipeline Nord Stream 1 fließt wieder, sogar mehr als zunächst erwartet. Die Auslastung liegt bei etwa 40 Prozent und ist damit so hoch wie vor den Wartungsarbeiten. Das bestätigte die Bundesnetzagentur.

Die Gasliefermenge durch die Ostsee-Pipeline Nord Stream 1 ist auf das Niveau wie vor der Wartung gestiegen. Bisherige Netzdaten lassen darauf schließen, dass die angekündigten Mengen nach der Wartung eingehalten werden. Das Hochfahren in den ersten Betriebsstunden verläuft nach Angaben des Pipelinebetreibers Nord Stream AG bisher jedenfalls nach Plan.

Zwischen 7.00 Uhr und 8.00 Uhr wurden demnach Gas eingespeist, das einer Energie von mehr als 29,28 Gigawattstunden (GWh) entsprach. Das war etwa so viel Gas, wie von russischer Seite angekündigt wurde. In der darauffolgenden Stunde nahm der Wert nochmals leicht auf knapp 29,3 GWh zu und überstieg auch den für diesen Zeitraum geplanten Umfang. Die entspricht einer Auslastung von etwa 40 Prozent der Maximalkapazität.

Müller: Auslastung bei 40 Prozent

Auch nach Angaben des Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, erreiche man seit 8.00 Uhr in etwa ein Niveau der Gasflüsse von vor den Wartungsarbeiten. Dies entspräche einem täglichen Gasvolumen von gut 67 Millionen Kubikmetern oder einer Energie von etwa 700 GWh und der ursprünglichen Nominierung vom Vortag, sagte Müller im tagesschau24-Interview.

Müller warnte jedoch vor allzu großer Erleichterung. Ob die Gasmengen stabil bleiben, ist unklar. "Nach den Aussagen von Präsident Putin muss man ja Zweifel haben." Außerdem fehlten 60 Prozent, so Müller, "die in den Verträgen der Energieimporteure, in den Kalkulationen der Industrie, für die privaten Haushalte eigentlich vorgesehen waren".

Gasbranche: Weiter "angespannte Lage"

Auch die deutsche Gasbranche wies auf anhaltende Risiken hin. "Mit den reduzierten Gasmengen aus Russland können die angestrebten Füllstände erreicht werden, die Lage auf dem Gasmarkt bleibt aber angespannt", sagte der Vorstand des Verbands Zukunft Gas, Timm Kehler. Deutschland müsse Energie sparen und den Betrieb der ersten LNG-Terminals als Lieferalternative sichern, "damit wir den Winter unter den aktuellen Annahmen gut überstehen".

Insgesamt sehe sich die Gasindustrie auch nach dem Ende der Wartung der Ostsee-Pipeline großen Herausforderungen gegenüber. "Um das Gassystem wieder zu entlasten, müssen die schwimmenden LNG-Terminals bald in Betrieb gehen und Genehmigungen für die stationären Anlagen, die ab 2026 verfügbar sein werden, erteilt werden", so Kehler.

"Die politische Unsicherheit bleibt"

Bundesnetzagenturchef Müller wies auf Twitter darauf hin, dass "die politische Unsicherheit und die 60-prozentige Kürzung von Mitte Juni" bestehen blieben. Bei tagesschau24 sagte er, sei es vor allem eine Frage des politischen Willens, die Gaslieferungen wieder zu erhöhen.

Denn vor der Wiederaufnahme der Gaslieferungenn über Nord Stream 1 hatte der russische Präsident Wladimir Putin gar vor einem weiteren Absenken der Liefermengen gewarnt. Zwar werde der Energiekonzern Gazprom seine Verpflichtungen "in vollem Umfang" erfüllen - sollte jedoch eine fehlende, in Kanada reparierte Turbine nicht in Russland eintreffen, könnten nur noch etwa 30 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag geliefert werden.

Vor dem Beginn des Krieges Russlands gegen die Ukraine und den nachfolgenden Sanktionen des Westens gegen die Russische Föderation waren etwa im Dezember pro Tag noch bis zu 167 Millionen Kubikmeter Gas durch die Leitung gekommen, bei einer Gesamtenergie von bis zu 1755 GWh.

Zunächst geringere Mengen aus angekündigt

In der ersten Stunde dieses Gastages - also zwischen 6.00 und 7.00 Uhr - blieb das Niveau noch unterhalb der angekündigten, bereits vor den Wartungsarbeiten gedrosselten Menge. Diese Differenz werde allerdings mit Mengen verrechnet, die vor den Wartungsarbeiten vor anderthalb Wochen beim Herunterfahren noch nach dem eigentlichen Lieferstopp anfielen, erklärte ein Sprecher der Nord Stream AG. Bis die volle Transportleistung erreicht sei, werde es etwas dauern.

Der in Kassel ansässige Netzwerkbetreiber Gascade registrierte für die Zeit von 6.00 bis 7.00 Uhr am Eingangspunkt in das deutsche Netzwerk OPAL 12,5 Millionen Kilowattstunden, beim Eingangspunkt in das Netzwerk NEL 8,96 Millionen Kilowattstunden.

Nord Stream teilte später auch offiziell mit, man habe "alle geplanten Wartungsarbeiten innerhalb des vorgesehenen Zeitraums erfolgreich abgeschlossen". Die Lieferungen seien wieder aufgenommen worden.

Zehn Tage außer Betrieb

Nord Stream 1 war seit dem 11. Juli wegen einer jährlichen Wartung für zehn Tage außer Betrieb. Nach Deutschland war seit dem Beginn der Wartungsarbeiten kaum noch russisches Gas geflossen. Die Bundesregierung hatte befürchtet, dass der Energiekonzern Gazprom nach Beendigung der Arbeiten den Gashahn geschlossen halten oder deutlich weniger liefern könnte. Dies hätte die Pläne massiv beeinträchtigen können, bis zum November die deutschen Gasspeicher bis zu 90 Prozent zu füllen. Aktuell liegt der Wert laut Bundesnetzagentur bei 65,1 Prozent.

Für den Fall eines Notstandes hatte die EU-Kommission eine Reduktion des Gasverbrauchs in den EU-Mitgliedsstaaten um 15 Prozent vorgeschlagen - zunächst freiwillig, später womöglich aber auch verpflichtend. Für den Fall eines Notstands oder einer ungewöhnlich hohen Nachfrage bat die Kommission um die Berechtigung, einen Gassparzwang durchzusetzen.

Europäischer Gaspreis fällt

Nach der Wiederaufnahme der Gaslieferungen fielen sogleich die Gaspreise. Der europäische Future notierte mit 149 Euro je Megawattstunde 7,7 Prozent leichter als zuvor.

"Die Wiederaufnahme der Gaslieferung lässt die Börsianer aufatmen", sagte Portfoliomanager Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners der Nachrichtenagentur Reuters. "Damit ist die Energiekrise natürlich bei weitem nicht gelöst. Aber zumindest kurzfristig ist das Albtraum-Szenario abgewendet."

Mehr Gas auch für Italien und Österreich

Nach der Nord-Stream-1-Wartung erhält auch der österreichische Energiekonzern OMV wieder mehr Gas. Der russische Konzern Gazprom habe bestätigt, dass rund die Hälfte der vereinbarten Gasmenge fließen solle, hieß es von der OMV zur Nachrichtenagentur APA. Damit kehre man ebenfalls auf das Niveau von vor der Wartung der deutsch-russischen Pipeline zurück. Während der Wartungspause bekam die OMV nur ein Drittel des bestellten Gases aus Russland.

Gazprom sagte auch Italien eine Erhöhung der täglichen Gaslieferung zu. Der russische Energiekonzern wolle ungefähr 36 Millionen Kubikmeter Gas liefern, teilte Italiens teilstaatlicher Energieversorger Eni mit. In den vergangenen Tagen lieferte Gazprom Eni zufolge geschätzt 21 Millionen Kubikmeter Gas.

Über dieses Thema berichtete das Morgenmagazin am 21. Juli 2022 um 07:41 Uhr.