Computersimulation eines Raketenfluges von Rocket Factory Augsburg | Rocket Factory Augsburg

Studie vorgestellt Deutsche Firmen drängen ins Weltall

Stand: 28.05.2021 08:55 Uhr

Auch wenn der führende Branchenvertreter OHB gerade einen Rückschlag erlitten hat, wächst Deutschlands Raumfahrtbranche rasant. Nicht nur in der Raketenentwicklung mischen viele Start-ups mit.

Von Lothar Gries, tagesschau.de

Im Streit um Aufträge zum Bau europäischer Galileo-Satelliten hat Deutschlands führender Raumfahrtkonzern, OHB, in der abgelaufenen Woche einen weiteren Rückschlag erlitten. Das Europäische Gericht wies einen Antrag zurück, wonach die Europäische Weltraumorganisation (ESA) die Entscheidung über die Vergabe des Auftrags vorerst hätte aussetzen müssen, wie das Gericht am Mittwoch mitteilte. Es betonte aber, dass das Hauptsacheverfahren von dieser Entscheidung nicht berührt wird. Wann ein Urteil gesprochen wird, steht noch nicht fest. OHB geht gerichtlich gegen eine Entscheidung der EU vor, neue Galileo-Navigationssatelliten von der Konkurrenz bauen zu lassen.

Das Beispiel zeigt, wie umkämpft der Markt für Raumfahrtunternehmen inzwischen ist, hat sich doch die Branche zu einem schnell wachsenden Sektor mit zunehmender Bedeutung für die gesamte Volkswirtschaft entwickelt. Das weckt Begehrlichkeiten und zieht immer mehr Unternehmen an. Laut einer Studie der Forschungs- und Beratungsagentur Capitol Momentum im Auftrag des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) gibt es inzwischen in Deutschland 125 sogenannte New Space-Unternehmen.

Immer mehr Kapitalgeber

Dass die Raumfahrt immer attraktiver wird, zeigt auch die Bereitschaft von Kapitalgebern, hier vermehrt zu investieren. So haben die deutschen New-Space-Firmen im vergangenen Jahr, trotz Corona, bei Investoren 308 Millionen Euro eingesammelt: fast doppelt so viel wie im Vorjahr. Auch ihre Umsätze konnten die Unternehmen kräftig steigern. Für das Jahr 2018 (neuere Zahlen liegen nicht vor) werden die Erlöse auf 873 Millionen Euro geschätzt. "Vor unseren Augen entsteht eine neue Branche", kommentiert Matthias Wachter, Leiter der Abteilung Raumfahrt beim BDI, die Entwicklung.

Kein Wunder, dass die Zahl der Firmen in dem Bereich stetig wächst. Über die Hälfte der von der Studie erfassten Betriebe ist noch keine zehn Jahre alt. Ein Drittel sind erst in den vergangenen fünf Jahren entstanden. Im Schnitt der letzten 20 Jahre wurden jedes Jahr fast fünf neue Start-ups in dem Bereich gegründet. Besonders viele Firmen, zehn an der Zahl, sind im Zuge des 2018 in Bremen abgehaltenen Internationalen Raumfahrtkongresses entstanden.

Jungfernflug noch in diesem Jahr

Ende vergangenen Jahres arbeiteten in Deutschland knapp 3000 Menschen bei den Start-ups der Raumfahrtbranche - Tendenz stark steigend. So hat allein der Raketenbauer Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München seine Belegschaft in einem Jahr vervierfacht, von 15 auf 62.

Wie Isar Aerospace ist die Hälfte der Start-ups im so genannten Upstream-Bereich tätig: Dort werden Kleinraketen und Satelliten gebaut: Mit Erfolg: So hat Isar Aerospace gemeinsam mit Rocket Factory aus Augsburg und HyImpulse aus dem Kreis Heilbronn im Februar einen Wettbewerb der Europäischen Weltraumorganisation ESA im Volumen von elf Millionen Euro gewonnen. Die drei Firmen entwickeln ein Trägersystem für Kleinsatelliten mit einer Nutzlast von bis zu 1300 Kilogramm. Der erste Start ist für Ende 2022 geplant. Es wäre die erste deutsche Rakete im All seit Jahrzehnten.

Laut HyImpulse ist in diesem Jahr ein Jungfernflug in 60 Kilometern Höhe geplant, im kommenden Jahr will das Unternehmen mit 100 Kilometern die Grenze in den Weltraum überschreiten. Mit flüssigem Sauerstoff und Öko-Paraffin, also Kerzenwachs, sollen die Raketen eines Tages angetrieben werden. Das 2018 gegründete Unternehmen sieht sich mit dieser speziellen Antriebstechnik in einer Vorreiterrolle in Europa.

Isar Aerospace: computeranimiertes Bild einer Trägerrakete | picture alliance/dpa/Isar Aerospace

So könnte eine Trägerrakete von Isar Aerospace aussehen Bild: picture alliance/dpa/Isar Aerospace

Trägerraketen und Satellitenüberwachung gefragt

Der Markt für Trägerraketen gilt als Zukunftsmarkt mit einem großen Potenzial. Wirtschaftsminister Peter Altmaier sagte kürzlich, die Raumfahrt werde in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen. Deutschland wolle im internationalen Wettbewerb bei kleinen Trägerraketen vorne mit dabei sein.

Doch auch die Überwachung von Satellitendaten ist zunehmend gefragt. So kontrolliert das Berliner Start-up LiveEO Bodenabsenkungen und Umweltveränderungen im Umfeld von Schienen. Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Erfassung von Erdbewegungen bei der Verlegung von Rohrleitungen. Zu den Kunden gehören die Deutsche Bahn und die Energiekonzerne e.on sowie Gascade. Wie LiveEO arbeiten 38 Prozent der deutschen New Space-Firmen in diesem Downstream-Bereich. Dabei fällt auf, dass drei Viertel der Unternehmen inzwischen Kunden außerhalb ihrer Branche haben.

Hotspot München

Und noch etwas geht aus der Studie hervor: Fast ein Drittel der New Space-Firmen hat sich im Großraum München angesiedelt. Berlin als deutsche Start-up-Hauptstadt folgt auf Platz zwei (22 Prozent), Stuttgart (elf Prozent) ist drittwichtigster Standort und Bremen (neun Prozent) ist Vierter.

Dennoch steckt die Branche hierzulande noch in den Kinderschuhen. Dem BDI zufolge fließen weltweit zwar immer mehr Gelder in New-Space-Startups: zwischen 2000 und 2016 seien es bereits 16 Milliarden Dollar gewesen. Doch drei Viertel der eingesammelten Gelder werden in den USA investiert, wo auch die meisten der Investoren der Branche ihren Sitz haben.

Bundesregierung signalisiert Unterstützung

Dabei ist Raumfahrt längst mehr als wissenschaftliche Liebhaberei, heißt es dazu vom BDI. "Sie ist Technologieträger und Innovationstreiber und damit ein erheblicher Wirtschaftsfaktor mit enormem Potenzial", heißt es in einem Positionspapier des Verbands.

Die Bundesregierung scheint die Bedeutung der Branche erkannt zu haben. Als der BDI vergangenen September die Idee eines mobilen deutschen Weltraumbahnhofs in Form eines Startschiffs für kleinere Raketen vorstellte, traf er bei Minister Altmaier auf offene Ohren. Der Minister sagte zu, die Idee zu prüfen. Einen Markt für eine solche Plattform scheint es zu geben. Vom BDI zitierte Beratungsunternehmen schätzen, dass bis 2028 knapp 10.000 Satelliten ins All starten werden, die allermeisten (86 Prozent) davon Kleinstraketen mit einem Gewicht von ein bis zehn Kilogramm.

Über dieses Thema berichtete der BR in der Sendung Wirtschaft kompakt am 07. September 2020 um 15:38 Uhr.