Mark Rylance als Anorak in einer Szene des Films "Ready Player One" von Steven Spielberg. | picture alliance / -/Warner Bros

Zukunftsideen der Tech-Konzerne "Metaversum" als Internet-Nachfolger?

Stand: 10.08.2021 13:07 Uhr

Die Tech-Industrie im Silicon Valley hat ein neues Lieblingsprojekt: das Metaversum. Die digitale Parallelwelt soll das Internet dreidimensional erweitern. Facebook hat dafür sogar eine eigene Abteilung gegründet.

Marcus Schuler, ARD-Studio San Francisco

Das Science-Fiction Abenteuer "Ready Player One" aus dem Jahr 2018 von Steven Spielberg kommt der Idee des "Metaversum" (englisch "Metaverse") schon recht nahe. In dem Film verbringt die Hauptfigur, ein Teenager, die meiste Zeit in einer virtuellen Welt, die aus zahllosen Simulationen besteht. Das Metaversum ist aber nicht nur Gaming, meint Matthew Ball. Es ist eine Art Nachfolger des mobilen Internet, wie der der ehemalige Amazon-Manager und heutige Tech-Investor im ARD-Interview sagt. Ball hat vor wenigen Wochen mit einem großen Essay über das Metaverse für Aufsehen gesorgt. Darin beschreibt er, wie der Nachfolger des Internet aussehen könnte. Sogar Facebook-Chef Mark Zuckerberg hat die Artikel von Ball zur Pflichtlektüre für seine Mitarbeitenden erklärt.

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Das Netz wird durchlässig

"Das Metaversum ist eine Erweiterung unseres heutigen Internet", sagt Ball. "Es geht nicht um den Super-Computer in unserer Hosentasche oder dass wir dauernd mit dem Netz verbunden sind. Es geht darum, dass wir mehr und mehr Zeit, Freizeit wie Arbeit in virtuellen Welten und Simulationen verbringen."

Für Ball ist das Metaversum ein durchlässiges Netz. Technologie-Silos, abgeschottete Dienste wie iMessage von Apple oder WhatsApp von Facebook, Signal oder Telegram existieren dort nicht. Daten verschiedener Anbieter können problemlos ausgetauscht werden - Stichwort Interoperabilität. Das Ein- und Ausloggen in verschiedene Accounts entfällt.

Das Metaversum hat eine eigene Wirtschaft mit eigener Währung. Offline- und Online-Welt rücken näher zusammen. Viele Jahrzehnte werde es aber dauern, bis solch ein Metaversum tatsächlich existiert, meint Ball. Schon jetzt könnte man aber einen Wandel erleben. Als Beispiele nennt er Kryptowährungen, die ebenso zu unserem Alltag gehören wie die riesigen Spiele-Communitys von Roblox oder von Fortnite.

Krypto-Trend als Zeichen des Wandels

"Im Jahr 2015 wurden weniger als fünf Milliarden Dollar für virtuelle Güter ausgegeben. Letztes Jahr waren es bereits 55 Milliarden", sagt Ball. "Im Jahr 2015 gab es kaum Menschen, die in großen Spiele-Simulationen wie zum Beispiel Fortnite mitgemacht haben. Heute sind es jeden Tag mehr als 350 Millionen Menschen. Und auch die Kryptowährungen zeigen uns, dass es hier einen gesellschaftlichen Wandel gibt hin zu virtuellen Dingen."

Vorreiter sind vor allem Spieleplattformen. Bei Fortnite treffen sich junge Menschen. Events aus der Offline-Welt finden dort online statt, zum Beispiel Konzerte. Online-Spiele werden gemeinsam gespielt. Ein noch besseres Beispiel ist für Ball aber die für Kinder und Jugendliche gemachte Online-Spieleplattform Roblox, die auf täglich 40 Millionen User kommt: "Dort hat man über alle Ebenen hinweg eine einzige Identität, eine fortbestehendes Netzwerk an Freunden, einen immer gleichen Zugang sowie eine gemeinsame Währung. Das kommt der Idee des Metaversums zur Zeit vermutlich am nächsten."

Ein Gamer spielt "Fortnite" an seinem PC. | picture alliance / dpa-tmn

Ein Gamer spielt "Fortnite" an seinem PC. Immer mehr Menschen bewegen sich in den virtuellen Welten der Computerspiele. Bild: picture alliance / dpa-tmn

Aufregung in der Tech-Branche

Im Silicon Valley haben die Essays von Ball, die Ideen von Tim Sweeney, dem Gründer der Spiele-Firma Epic, oder von David Baszucki, dem Chef von Roblox, die Tech-Elite wachgerüttelt. Microsoft-Chef Satya Nadella sprach kürzlich von einem Wandel hin zu "metaversen" Geschäftsmodellen. Und bei Facebook gibt es seit einigen Tagen dafür sogar eine eigene Abteilung, die sich mit strategischen Ansätzen beschäftigen soll.

Aus Verbrauchersicht wäre ein Metaversum zu begrüßen, weil man seine Daten einfacher vom einem zum anderen Anbieter transferieren könnte. Ball sieht besonders Unternehmen kritisch, die ihr eigenes Süppchen kochen und sich abschotten wollen. Die könnten unter die Räder kommen, prophezeit er - zum Beispiel der Milliarden-Konzern Apple.

Apple sträubt sich - noch

"Apple blockiert ganz gezielt Technologien, die wichtig für ein Metaversum wären, weil sie das Geschäftsmodell des Unternehmens gefährden", sagt der Investor. "Auch ihre 30-Prozent-Steuer im App-Store hält die Entwickler-Community davon ab, Geschäfte zu gründen, die ein Metaversum bauen könnten. Außerdem lehnt der Konzern offene Standards ab, die für eine Interoperabilität zwischen Angeboten sorgen könnten."

Noch sind die Vorstellungen, wie solch ein Metaversum aussehen könnte, eher diffus. Schon allein, weil unsere heutigen Netze zu langsam und unsere Rechner zu schwach sind. Einigkeit herrscht aber: Die heutigen Netze werden immer mehr verschmelzen. Das Metaversum bloß als neuen Hype-Begriff, als Silicon-Valley-Spinnerei abzutun, wäre zu kurz gegriffen.