Ein LNG-Tanker. | picture alliance / dpa
FAQ

LNG-Infrastruktur So plant Deutschland mit Flüssiggas

Stand: 15.11.2022 19:06 Uhr

Verflüssigtes Gas soll in den kommenden Jahren die Energieversorgung absichern. In Wilhelmshaven wurde die erste Anlage bereits fertiggestellt, aber auch an anderen Standorten dürften Terminals folgen. Wie läuft es dort?

Die ersten deutschen LNG-Terminals stehen kurz vor dem Betriebsbeginn. In Wilhelmshaven wurde der bundesweit erste Anleger für die Ankunft von Flüssigerdgas bereits fertiggestellt - weitere Terminals und Standorte dürften folgen.

Zwar sind die Gasspeicher inzwischen voll, ihr Füllstand erreicht laut Branchendaten aktuell 100 Prozent. Doch verflüssigtes Erdgas soll einen zusätzlichen Beitrag leisten, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) spricht von einem "zentralen Baustein für die Sicherung unserer Energieversorgung im kommenden Winter". Die Abhängigkeit von Russland verringert sich - aber es gibt auch ein paar wunde Punkte.

Wie sehen die Zeitpläne für Bauabschluss und Betriebsbeginn aus?

In Wilhelmshaven wurde der Anleger für die Ankunft von Flüssigerdgas heute eröffnet. Dort geht es zunächst um die Anbindung eines schwimmenden Terminals, Niedersachsen plant mit Mitte Dezember für den Beginn des Betriebs und der LNG-Aufnahme.

Der Energiekonzern Uniper nimmt an, dass noch im Dezember auch die Infrastruktur auf Landseite komplett bereitstehen wird, wenn alles weiter nach Plan verläuft. Ab Mitte Januar werden die LNG-Tanker eintreffen, heißt es aus der Landesregierung. Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) will noch ein zweites Terminal in der Stadt am Jadebusen ansiedeln: Wilhelmshaven II soll Ende 2023 starten, vorerst ebenfalls als Schwimmterminal. Eine vollständig an Land installierte Anlage soll später folgen.

In Stade hatte ein privates Konsortium bereits vor dem Krieg Russlands gegen die Ukraine angefangen, eine Anlage in der Nähe des Chemieparks mit dem US-Konzern Dow vorzubereiten. Ende 2023 soll dort eine schwimmende Plattform starten, Bauschritte wie Deichüberfahrten sind genehmigt. Ein fester Umschlagplatz soll bis 2026 fertig sein. Auch noch in diesem Jahr soll in Brunsbüttel ein Schwimmterminal seine Arbeit aufnehmen. Der erste LNG-Tanker soll Ende Dezember festmachen. Parallel plant dort die German LNG Terminal GmbH eine feste Anlage, die voraussichtlich 2026 in Betrieb gehen könnte.

Im vorpommerschen Lubmin, wo auch die deutsch-russischen Gasleitungen Nord Stream 1 und 2 ankommen, will das Unternehmen Deutsche Regas mit einem schwimmenden Terminal LNG importieren. Zunächst war von einem möglichen Betriebsbeginn zum 1. Dezember zu hören - ob dies klappt, war zuletzt aber nicht klar. Die Arbeiten liegen laut Deutscher Regas im Zeitplan, es stehen jedoch noch Genehmigungen aus. Ein zweites Terminal soll in der zweiten Jahreshälfte 2023 an den Start gehen.

Karte: geplante LNG-Terminals

Wo könnte es noch Hindernisse geben?

Wegen des Zeitdrucks in der Energiekrise wurden Planungsverfahren beschleunigt, die Landesregierungen legten allerdings Wert auf eine Veröffentlichung von Projektunterlagen. Kritiker können Einwendungen gegen die Vorhaben einreichen.

Zu Wilhelmshaven I steht der Zeitplan bis auf Weiteres. Auch in Mecklenburg-Vorpommern liegen Dokumente zur Öffentlichkeitsbeteiligung aus. In Lubmin sind Beschwerden bis zum 28. November möglich - was eventuell zu Verzögerungen führen könnte. Abgesehen von Anliegern der Häfen und Pipelines hat sich vor allem unter Natur- und Meeresschützern Widerstand formiert.

In Hamburg, wo es ebenfalls Prüfungen gab, soll die Verkehrsdichte im Hafen die Chancen für ein eigenes Terminal verringert haben. In Rostock zeigte eine Studie Probleme im Zusammenhang mit gleichzeitigen Rohöllieferungen auf.

Woher sollen die ersten LNG-Lieferungen kommen?

Bisher erhalten Deutschland und andere europäische Länder das über die Niederlande, Belgien oder Frankreich aufgenommene LNG vor allem aus den USA. Zu den größten Exporteuren zählt auch Katar, Wirtschaftsminister Habeck bemühte sich auf einer Reise im Frühjahr um Lieferbeziehungen. Katar will dem Vernehmen nach Langfristverträge und verkauft bereits viel Gas nach Asien. Weitere wichtige LNG-Ausfuhrländer sind Australien, Malaysia oder Nigeria.

Mit konkreten Angaben zur Herkunft der Lieferungen halten sich manche Betreiber noch zurück. Brunsbüttel soll zum Beispiel Gas aus Abu Dhabi erhalten. Der Chef der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, betonte kürzlich: "Wir unterstützen den Infrastrukturausbau zum Ersatz russischer Gasimporte, um eine stärkere Diversifizierung unserer Gasquellen voranzutreiben." Netzpläne wurden inzwischen überarbeitet.

Was ist mit der Anbindung der Pipelines?

Wilhelmshaven I wird über eine 26-Kilometer-Pipeline an das überregionale Gasnetz angebunden. Sie führt bis zum Anschlusspunkt Etzel und ist laut Wirtschaftsministerium fast fertig. Die Leitung soll anfangs zehn Milliarden, später bis zu 28 Milliarden Kubikmeter pro Jahr transportieren und für Wasserstoff genutzt werden können.

In Stade wird das Gas direkt ins Netz des niederländischen Betreibers Gasunie eingespeist. "Dafür laufen die entsprechenden Vorbereitungen für das Genehmigungsverfahren", heißt es aus der Landesregierung. In Schleswig-Holstein wird vom Hafen Brunsbüttel aus bereits eine drei Kilometer lange Leitung gebaut. Die gesamte Anbindetrasse an das europäische Verbundnetz soll über 50 Kilometer lang werden.

Luftaufnahme vom LNG-Anleger. | AP

In Wilhelmshaven wurde der bundesweit erste Anleger für die Ankunft von Flüssigerdgas fertiggestellt. Bild: AP

Welche Mengen wird das zusätzliche Gas ersetzen?

Über die beiden Wilhelmshavener Schwimmanlagen sollen zehn Milliarden Kubikmeter wiederverdampftes Gas pro Jahr umgeschlagen werden können. Auch für die "Floating Storage and Regasification Unit" (FSRU) in Stade sind fünf Milliarden Kubikmeter vorgesehen. Diese speziellen Schiffe nehmen Flüssiggas von Tankern auf und machen es an Bord wieder gasförmig. Die Planer des festen Terminals dort gingen bislang von etwa 13 Milliarden Kubikmetern aus - was für bis zu 15 Prozent des deutschen Gasbedarfs reichen könne.

Bezogen auf die bislang aus Russland bezogenen Mengen schätzte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), dass es gelingen könnte, diese später einmal ganz über in Niedersachsen ankommendes LNG zu ersetzen. Vor Beginn des Krieges gegen die Ukraine importierte Deutschland mehr als 50 Prozent seines Erdgasbedarfs aus der Russischen Föderation.

Über die Brunsbütteler FSRU sollen 3,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr ins Netz gelangen, für die feste Anlage nach früheren Angaben rund acht Milliarden Kubikmeter. In Lubmin plant man für beide Terminals jeweils etwa mit fünf Milliarden Kubikmetern jährlich. Zu welchen Konditionen das LNG auf den Energiemarkt kommt, ist noch relativ unsicher. Die Weltmarktpreise schwanken, und die in laufenden Verträgen noch gebundenen Mengen können das Angebot knapp halten.

Quelle: dpa