Highway in Carnuel in der Nähe von Albuquerque | picture alliance / ZUMAPRESS.com

Autonomes Fahren Roboter-Lkw trainieren in der Steinwüste

Stand: 19.06.2022 15:08 Uhr

Künstliche Intelligenz soll ermöglichen, dass Lkw künftig auch ohne Fahrer unterwegs sein können. Die nötigen Daten sammelt der Hersteller Daimler im US-Bundesstaat New Mexico. Ein Besuch vor Ort.

Von Markus Schuler, ARD-Studio San Francisco

In Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico, einer Stadt mit einer halben Million Einwohner, dominiert eine Farbe: Terracotta. Rundherum eine Steinwüste, die Luft ist trocken und staubig. "Wenn Sie Albuquerque können, dann können Sie ganz Amerika", sagt Peter Vaughan Schmidt, der beim Stuttgarter Fahrzeug-Hersteller Daimler Trucks für die autonom fahrenden Lkws zuständig ist. "Daten sind für uns eigentlich die Quelle der Optimierung". Es seien Daten aus "einem extrem anspruchsvollen Umfeld hier in Albuquerque".

Marcus Schuler ARD-Studio Los Angeles

Vor drei Jahren ist Daimler beim US-Software-Hersteller Torc Robotics eingestiegen. Die Stuttgarter sind führend beim Bau von Lkws. Wenn es aber um Software und im Speziellen um autonom fahrende Lastwagen geht, haben alle europäischen Hersteller ein großes Defizit.

Täglich bis zu 20 Trucks unterwegs

Der Cascadia ist ein mächtiger Lkw der Marke Freightliner, einer 100-Prozent-Tochter von Daimler in den USA. Vom Testgelände in Albuquerque schickt Daimler täglich bis zu 20 Trucks auf die Highways rund um die Stadt - bei Tag und bei Nacht. Training ist für die KI-Systeme alles.

Bei Torc gibt es verschiedene Teams, die jede Testfahrt auswerten und kategorisieren. Nur so weiß ein System der Künstlichen Intelligenz (KI), wie es später reagieren muss. "Die Wahrnehmung ist wirklich die Sicht auf die Welt. Was ist um mich herum? Was bewegt sich gerade? Nur so lässt sich wirklich sicher fahren", sagt Andrew Culhane, der Strategie-Chef von Torc. "Wir werten aber auch das Verhalten aus. Wechselt der Lkw die Spur, beschleunigt er, verlangsamt er, fädelt er ein?  So erhalten wir einen Überblick, wie ein Lkw reagieren muss.  

Die KI-Systeme sind nur so gut wie ihre Trainingsdaten. Damit werden die Computer in den Test-Lkw gefüttert. Das passiert heute schon bei den Daimler-Lkws in den USA, die Assistenzsysteme an Bord haben und von Speditionen betrieben werden. Auch diese sammeln Daten für künftige Roboter-Lkw.

Einsatz zunächst wohl nur in den USA

Wer in der Fahrer-Kabine sitzt, dem fällt ein Schrank im hinteren Teil auf. Dort surrt ein Server, der dutzende Sensoren auswertet, darunter Lidare, also besondere optische Abstandsmesser, Laser-Sensoren und Kameras. Der Hochleistungsrechner ist das Hirn des Fahrzeugs. Es muss auf alle Eventualitäten reagieren können.

"Es könnte ein Motorradfahrer nachts mit schwarzer Kleidung auf dem Highway stürzen", sagt Vaughan Schmidt. "Können wir so etwas händeln oder nicht, wenn der autonome Lkw ankommt? Das ist jetzt ein Fall, den wir gelöst haben. Da gibt es auch sehr, sehr viele abstruse Fälle, die man sich so gar nicht ausdenken kann."

Lastwagen werden vermutlich die ersten Fahrzeuge sein, die sich ganz ohne Fahrer auf unseren Straßen bewegen werden. Bei Daimler rechnet man damit, dass es in gut sieben Jahren, also im Jahr 2030, soweit sein könnte. Allerdings nur in den USA. Europa dürfte wegen seiner Grenzen und weniger breiten Straßen mehrere Jahre später dran sein.

Langsameres Tempo, breitere Straßen

Vorteil der Vereinigten Staaten: Hier fahren alle Fahrzeuge langsamer, Lkw wie Autos bewegen sich mit gleicher Geschwindigkeit. Die Straßen sind breiter und es gibt weniger Kurven. Geplant ist, dass Lkw immer nur Teilstrecken autonom fahren. An der Autobahnausfahrt steigt ein Mensch ein und übernimmt. 

Daimler sieht für Speditionen aber auch eine Leitwarte vor. Hier sollen - oft Tausende Kilometer entfernt - Menschen sitzen, die bei jedem Lkw aus der Ferne eingreifen können. "Im autonomen Truck brauchen wir die Fähigkeit, um zu kommunizieren. Das ist besonders wichtig, da Realtime-Kommunikation nötig ist in der Logistik, um alles am Laufen zu halten", sagt Klara Oberhollenzer von Daimler. "Unsere Mission Control ermöglicht es in der Zukunft den Fahrer- Managern, mit diesem autonomen Fahrzeug zu kommunizieren, ohne dass sie Software-Ingenieure sind."

Es zeigt sich: Die Welt der Roboter-Fahrzeuge ist deutlich weniger spektakulär, als es ein Elon Musk und Tesla Glauben machen wollen.