Elektrolufttaxi der Firma Lilium

Deutsches Flugtaxi-Start-up Lilium gibt Börsen-Debüt an der Nasdaq

Stand: 15.09.2021 13:38 Uhr

Mit einer großen Vision startet das Münchener Startup Lilium heute an der US-Technologiebörse Nasdaq: Ein neuer, nachhaltiger Luftverkehr soll entstehen. Doch viele Investoren reagieren skeptisch.

Für die einen ist es Unfug, für die anderen die Lösung für eine nachhaltige Mobilität: Flugtaxis gelten als Zukunftstechnologie. Einer der bekanntesten Entwickler, das Münchener Start-up Lilium, feiert heute an der US-Technologiebörse Nasdaq sein Debüt.

Es ist ein Börsengang durch die Hintertür: Lilium fusionierte in dieser Woche mit Qell, einem leeren Börsenmantel. Dieser sogenannte SPAC (special purpose aquisition company) wurde eigens für diesen Zweck geschaffen, und seine Aktien werden bereits an der Börse gehandelt. SPAC-Börsengänge wie dieser sollen Zeit und Geld sparen.

Revolution für den Verkehr in Ballungsräumen

Flugtaxis haben das Zeug dazu, den Verkehr in Ballungsräumen zu revolutionieren, meinen Experten des Fraunhofer Instituts. Sie können Schienen- und Autoverkehr in dicht besiedelten Gebieten entlasten, sind leiser und umweltfreundlicher als Hubschrauber, schneller als das Auto und können schnell Flughäfen mit Bahnhöfen verbinden. Lilium, das erfahrene Luftfahrtmanager wie Ex-Airbus-Chef Tom Enders für den Verwaltungsrat gewonnen hat, baut den siebensitzigen Lilium Jet, ein elektrisch betriebenes Fluggerät. In drei Jahren soll es kommerziell genutzt und auf Regionalstrecken eingesetzt werden.

Der Jet soll Reisende schneller von A nach B bringen als Autos oder Züge, indem er senkrecht starten und landet, die Strecke aber mit Hilfe von Tragflächen wie konventionelle Flugzeuge zurücklegt. Damit soll das Fluggerät schneller und wirtschaftlicher sein als Modelle von Wettbewerbern.

Zubringer-Streckennetze sind bereits für die Flughäfen München und Nürnberg geplant. Mit dem Flughafenbetreiber Ferrovial will Lilium nach früheren Angaben Start- und Landeplätze in Florida aufbauen. Die brasilianische Fluggesellschaft Azul will 220 Lilium-Elektrojets für eine Milliarde Dollar kaufen und plant eine strategische Zusammenarbeit.

Die Ansprüche der Münchener sind dementsprechend hoch: Ab 2026 soll ein einzelner Jet Einnahmen von fünf Millionen US-Dollar pro Jahr erzielen. Ein Jahr später werden weltweit fast 5,9 Milliarden Dollar Umsatz angepeilt, wie aus Unterlagen des Kapitalmarkttages Anfang August hervorgeht. Der Hersteller ist das erste deutsche Flugtaxi-Start-up, das um Investorengelder aus den USA konkurriert.

Anleger ziehen sich zurück

Allerdings kämpft Lilium vor dem Börsengang auch mit Gegenwind. So nimmt die Firma deutlich weniger Geld ein als ursprünglich geplant. Statt der kalkulierten 830 Millionen Dollar fließen lediglich rund 580 Millionen Dollar in die Kassen. Zwei Drittel der Qell-Aktionäre gaben ihre Aktien zurück und stiegen aus. Im März hatte das Unternehmen noch gehofft, dass alle Investoren an Bord bleiben würden.

Lilium verweist dabei allerdings auf jüngste Veränderungen im SPAC-Markt. Der Citibank zufolge verlassen durchschnittlich 70 bis 90 Prozent der Investoren das Finanzvehikel wieder, wenn eine Fusion ansteht. "Im aktuellen Marktumfeld sind wir mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Das geringere Volumen hat keine Auswirkungen auf unsere Investitionen oder Expansionspläne", sagte ein Lilium-Sprecher der "Welt". Die Ausstiegsquote von 65 Prozent sei kein Votum gegen das Geschäftsmodell.

Lilium-Chef Daniel Wiegand will mit dem frischen Kapital den langen Weg bis zum kommerziellen Start 2024 schaffen. Aus Unternehmenskreisen hieß es, mit dem Listing sei nun endlich die Diskussion vom Tisch, dem 2015 gegründeten Startup könnte das Geld ausgehen. Nun sind Investoren aus aller Welt in der Lage, in die Firma zu investieren, und Lilium kommt einfacher an Kredite und Anleihen.

Kritik an Lilium

Für Qell-Anleger hat sich das Ganze bisher nicht gelohnt. Die Titel wurden im vergangenen Herbst zu zehn Dollar das Stück platziert. Im Zuge des SPAC-Booms Ende 2020 und Anfang 2021 kostete das Papier Anfang Februar zeitweise mehr als 15 Dollar. Nach der Ankündigung des Zusammenschlusses mit Lilium kostete eine Aktie 9,99 Dollar.

Neben dem Rückzug der Investoren gibt es darüber hinaus weitere Probleme für das junge Unternehmen. Denn bislang gibt es die siebensitzige Version des Fluggeräts nur auf dem Papier. Offenbar hat sich der Jet noch nie länger als 90 Sekunden in der Luft befunden. Nach einer Studie von Experten aus dem renommierten Think-Tank Bauhaus Luftfahrt kann das Fluggerät die versprochenen Reichweiten aus technischen Gründen gar nicht schaffen. Lilium widerspricht dieser Einschätzung.

Zum detaillierten Zeitplan äußern sich die Münchener aber nicht. Von früheren Flügen gibt es bisher lediglich nur kurze Videos ohne Ton. "Er ist höllisch laut“, berichtete ein Hubschrauberpilot gegenüber dem "Handelsblatt". Lilium betont, dass die sogenannten Acoustic Liners noch nicht installiert seien, die den Lärm dämpfen sollen. Damit die Zulassung im Jahr 2024 gelingt, müsste die Serienversion ihren Erstflug gegen Ende 2022 durchführen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 13. September 2021 um 11:47 Uhr.