Berlin: Helfer bereiten Spritzen mit BioNTech-Pfizer Impfstoff im Corona Impfzentrum Messe Berlin zum impfen vor.  | dpa

DJs arbeiten in Impfzentren "Besonderer Menschenschlag mit guten Nerven"

Stand: 03.05.2021 12:27 Uhr

Normalerweise beschallen sie Szeneclubs oder organisieren Technopartys: In der Pandemie helfen Hunderte Kulturschaffende in Berlin dabei mit, dass die Impfungen schnell vorankommen.

Von Ulrich Crüwell, RBB

Sie habe am Anfang jeden Tag geweint, sagt Julia Titze. Die Schauspielerin erzählt vor dem Berliner Impfzentrum, wie die vielen Geschichten älterer Berliner sie emotional berührt hätten. Kurz zuvor hat sie einen älteren Herren zum Taxi geleitet. "Es war direkt ein Vergnügen", sagt der frisch Geimpfte, bevor er davonfährt. Titze winkt dem Taxi hinterher - mit Tränen in den Augen. 

Sie ist nicht die Einzige, für die der neue Job eine besondere Erfahrung ist. Haito Göpfrich hat am Anfang der Impfkampagne jeden Abend seine Erlebnisse aufgeschrieben. "Viele haben den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt und erzählten mir unglaubliche Sachen", berichtet der DJ, der sich als "Techno-Opa" vorstellt. 

DJ Alex Barck legt am Dienstag (18.05.2010) beim Verve Club auf. | picture-alliance / Xamax

Sonst am Plattenteller, jetzt im Team des Impfzentrums Tegel: DJ Alex Barck. Bild: picture-alliance / Xamax

"Das 'Who is Who' der Berliner Technoszene"

In den 1990er-Jahren zog es ihn wie viele Künstler nach Berlin. Und irgendwann war Göpfrich einer der vielen DJs aus der Hauptstadt, die Tanzflächen auf der ganzen Welt mit Beats beschallten. Häufig wird Berlins Clubkultur ja als Exportschlager bezeichnet, doch bekanntlich musste die Party-Branche wegen der Pandemie vorübergehend schließen. 

Jetzt verdient Göpfrich im Impfzentrum sein Geld und sorgt für reibungslose Abläufe - wie viele andere seiner Kollegen. "Ich war heilfroh, als die Anfrage kam", sagt er. Dass er im Impfzentrum bekannte Gesichter aus langen Partynächten treffen würde, ahnte er nicht. "Hier ist wirklich das 'Who is Who' der Berliner Technoszene", erzählt er. 

Seine jüngere Kollegin Shaleen Henkenjohann zum Beispiel hat in den legendären Clubs der Stadt aufgelegt und kümmert sich jetzt um die Impfbürokratie. "Es fühlt sich gut an mitzuhelfen", sagt sie. Dass viele professionelle Partymacher wie sie jetzt in Impfzentren arbeiten, ist kein Zufall. 

Wer Großkonzert kann, kann auch Impfzentrum

Es war ein Fernsehbericht über die darbende Clubszene, die Jens Quade vom Deutschen Roten Kreuz auf die Idee brachte. "Wer Veranstaltungen mit Tausenden von Menschen organisieren kann, der kann auch Impfzentrum", sagt er.

Der Kultursenator vermittelte die Kontakte zum Berliner Nachtleben: Türsteher, Bar-Personal und DJs. "Es ist ein besonderer Menschenschlag, der sehr gut mit Menschen kann und auch in schwierigen Situationen die Nerven behält", sagt der DRK-Präsident des Kreisverbandes Müggelspree.  

Die Leitung des Impfzentrums in der Arena Berlin hat Quade einem DJ-Agenten übertragen. Markus Nisch kam wie DJ-Kollege Göpfrich in den 1990-ern nach Berlin und blieb. Er arbeitete für Paul van Dyk und gründete eine Booking-Agentur für DJs. In der Halle, in der jetzt wie am Fließband geimpft wird, organisierte er mal eine Partys mit mehr als 8000 Menschen. "Die Abläufe ähneln sich, nur das Publikum ist ein wenig älter", sagt Nisch.

Mitarbeiter-Rave auf dem Rollfeld

Etwa 800 Kulturschaffende verdienen ihr Geld in den Impfzentren Berlins und verströmen dort eine besondere Stimmung. Ein älterer Herr, der gerade geimpft wurde, äußert sich geradezu überschwänglich: "Empathisch, freundlich und hilfsbereit. Leider fallen mir gerade keine Superlative ein."

Auch das Impfzentrum in Tegel ist in der Hand des Berliner Nachtlebens. Vor der Krise reiste Silvio König als Tour-Manager mit international bekannten Musikern wie Paul Kalkbrenner um die Welt. Seit Dezember ist er der Leiter des Corona-Impfzentrums im stillgelegten Flughafen und durfte sich sein Team selber zusammenstellen. 

So kam auch Alex Barck vom berühmten DJ-Kollektiv Jazzanova ins Team. Der DJ hat eine wöchentliche Sendung auf Radio 1 des rbb, doch das reiche nicht, sagt Barck. Außerdem genieße der Künstler das ungewohnte Dasein als Angestellter. "Du kommst zur Arbeit und triffst deine Freunde."

Einige der DJs bekommen schon wieder lose Anfragen aus Ländern mit hoher Impfquote wie England und Israel, berichtet Barck und erzählt dann von Plänen der umtriebigen Szene: ein Mitarbeiter-Rave auf dem stillgelegten Rollfeld in Tegel und eine Platte mit Musik der Künstler in den Impfzentren. Aktueller Arbeitstitel des Werks: "Impf, Impf, Impf".

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 29. April 2021 um 14:05 Uhr.