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Interview

Folgen des Ukraine-Kriegs "Massive Auswirkungen auf Klimaziele"

Stand: 10.03.2022 11:47 Uhr

Der Ukraine-Krieg zwingt zum Umdenken beim Fahrplan der Energiewende. Die Auswirkungen für die Klimaziele in diesem und den folgenden Jahren hält Andreas Kuhlmann für massiv. Der Chef der Deutschen Energieagentur fordert nun eine Summe kleiner Maßnahmen.

tagesschau.de: Eigentlich sollte auf Erdgas als Brückentechnologie gesetzt werden. Jetzt ist unklar, wo Deutschland zukünftig einen großen Teil des Erdgases herbekommen soll. Kommt deshalb wieder die Kohle ins Spiel?

Andreas Kuhlmann: In der Situation, in der wir sind, müssen wir erst mal alle Optionen prüfen. Was steht zur Verfügung? Wie weit kommen wir damit? Was muss geregelt werden, damit wir Kohlekraftwerke auch in Anspruch nehmen können, wenn wir sie brauchen? Wir müssen auch sehen, inwieweit wir ausreichend Gas bekommen können. Das kann man jetzt nicht sagen. Insofern ist es eine schwierige Situation, aber wir werden sicher mehr Kohleverstromung sehen als bislang gedacht.

tagesschau.de: Heißt das, der Kohleausstieg bis 2030 oder 2038 wackelt?

Kuhlmann: Das Jahr 2030 ist noch sehr weit weg. Man kann es nicht sagen. Aber ich würde empfehlen, an dem grundlegenden Ausstiegsziel 2030 festzuhalten. Aber jeder Tag bringt jetzt neue Entwicklungen, und man muss sich auf alles vorbereiten. Für die Klimaziele in diesem Jahr, im nächsten und vielleicht auch im übernächsten wird das massive Auswirkungen haben. Da bin ich relativ sicher. Auf der anderen Seite werden wir auch viel Energie einsparen wegen des starken Preisanstiegs. Die Themen Energieeinsparung und Effizienz müssen jetzt viel mehr auf den Tisch.

Andreas Kuhlmann | picture alliance/dpa
Zur Person

Andreas Kuhlmann steht als Vorsitzender der Geschäftsführung seit 2015 an der Spitze der Deutschen Energie-Agentur (dena). Unter anderem ist er zudem Mitglied im Präsidium des Weltenergierats und Sprecher der Allianz für Gebäude-Energie-Effizienz (geea)

"Wir müssen über Substitute nachdenken"

tagesschau.de: Wie schätzen Sie die Möglichkeiten ein, russisches Erdgas im nächsten Winter durch Flüssiggas zu ersetzen?

Kuhlmann: Dass muss man europäisch denken. 60 Prozent des Erdgases in der EU kommt ja nicht aus Russland. Man kann auf den Weltmärkten sicher zehn oder 15 Prozent beschaffen. Dann nähern wir uns den 80 Prozent. Dann wird man schauen, wo kann man den Bedarf senken - und wir müssen über Substitute nachdenken, etwa über Biogas. Eine Summe von kleinen Dingen müssen wir zusammentragen.

tagesschau.de: Wirtschaftsminister Habeck spricht davon, dass nun Tesla-Geschwindigkeit nötig ist für die Energiewende. Kann man den Schalter so einfach umlegen?

Kuhlmann: Im Koalitionsvertrag war im Grunde ja schon Tesla-Geschwindigkeit vorgesehen. Es gibt jetzt noch mehr Argumente dafür, beispielsweise die Genehmigungsverfahren zu beschleunigen. Da muss man vielleicht auch mal anfangen zu bauen und die Genehmigung parallel machen - wie beim Tesla-Beispiel. Sonst kommen wir nicht vom Fleck.

tagesschau.de: Schauen wir auf das Beispiel Wasserstoff. Bisher wurde damit gerechnet, dass die Technologie ab 2030 markfähig sein könnte, um beispielsweise auch die Prozesse in der Stahlindustrie umzustellen. Kann man das deutlich beschleunigen?

Kuhlmann: Die Stahlindustrie hat ein besonderes Problem. Eigentlich war der Gedanke, die Produktion erst von Kohle auf Gas umzustellen und anschließend auf grünen Wasserstoff. Das wird man sich jetzt genauer anschauen müssen. Der Sektor bräuchte ja auch sehr große Mengen an grünem Wasserstoff. Ich glaube aber, dass wir in der Wasserstoffnutzung bei dezentralen Lösungen vorankommen. In der mittelständischen Wirtschaft gibt es viele kleine Pilotprojekte. Die müssen anschauen, beschleunigen und größer machen.

"Man muss jetzt auch ins Risiko gehen"

tagesschau.de: Thema Wärmepumpen: Kann man Gasheizungen in großem Stil schnell ersetzen?

Kuhlmann: Wir müssen beim Austausch der Heizungen vorankommen, das ist doch völlig klar. Aber es geht um viele konkrete Fragen: Wo kann man die einbauen? Welche Häuser sind davon betroffen? Gilt das für Neubauten? Gilt das für Einfamilienhäuser? Ich hier gilt natürlich: Das wird alles nicht durch Zauberei möglich sein, da braucht es schon ganz genauer Planungen. Momentan gibt es leider nicht ausreichend Handwerker, die das können. Es gibt nicht ausreichend viele Häuser, wo man das machen kann. Vieles ist da fast noch im Forschungsbereich. Da muss man jetzt auch ins Risiko gehen. Aber man wird nicht von heute auf morgen nur noch Wärmepumpen verkaufen können. Das ist sicher nicht machbar.

tagesschau.de: Wie ist Ihr Gefühl: Wird es jetzt erst recht einen Schub für die Energiewende geben? Oder steht man vor Herausforderungen, die man vor ein paar Monaten noch gar nicht gesehen hat?

Kuhlmann: Das ist eine schwierige Frage. Heute hat man das Gefühl: Jetzt erst recht. Aber es kommen jetzt viele Sorgen auf uns zu. Die hohen Energiepreise muss man gut managen. Auch bei den Lebensmittelpreisen werden wir global große Probleme bekommen. Noch sehen wir nicht all die Probleme, die auf uns zukommen. Das ist die Aufgabe für die Politik, die Leute da mitzunehmen - damit die Kraft des heutigen Tages erhalten bleibt. Denn ich bin mir schon sicher: Das wird alles andere als einfach, das wird eine sehr komplizierte Kiste.

Das Interview führte Martin Polansky, ARD-Hauptstadtstudio

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 10. März 2022 um 11:11 Uhr.