Mitarbeiter von Mercedes-Benz überwachen im Werk in Bremen, wie ein Roboter in das C-Klasse Hybrid Modell eine Batterie einsetzt. | dpa
Hintergrund

Arbeitswelt im Wandel Industriearbeit vom Küchentisch aus

Stand: 28.07.2021 11:10 Uhr

Dass sich auch Jobs in der Fertigung im Homeoffice erledigen lassen, war bislang kaum vorstellbar. Ein Forschungsprojekt im Saarland entwickelt jetzt virtuelle Arbeitsplätze für die Industrie.

Von Peter Sauer, SR

"Wir können eigentlich nicht mehr so arbeiten wie früher, sonst haben wir keinen Platz mehr auf dem Markt" - so lautet die nüchterne Erkenntnis von Andreas Ludt. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter der LuWoTec GmbH aus Neunkirchen. Der Digitalisierungsdruck im Maschinenbau wird immer größer. Die Firma produziert spezielle Werkstücke für die Autoindustrie, in der der Wandel gerade besonders schnell vonstatten geht. LuWoTec ist eines von sieben kleinen und mittelgroßen Betrieben der saarländischen Industrie, die am Forschungsprojekt ViSAAR teilnehmen.

In den kommenden drei Jahren sollen praktische Anwendungen für virtuelle Arbeitsplätze in Industrie und Produktion entwickelt werden. Die Erforschung dieser Remote-Arbeitsplätze - also quasi ferngesteuertes Arbeiten - fördert das Bundesforschungsministerium mit 3,4 Millionen Euro. Ludt hofft, dass sein Unternehmen durch die Zusammenarbeit wichtige neue Impulse erhält: "Durch die Verbundpartner haben wir natürlich alle Möglichkeiten, kostengünstig Fachleute dazu zu nehmen, die uns helfen, Ideen digital umzusetzen."

Geschäftsmodelle anpassen

Wer den Anschluss beim Transformationsprozess verpasst, wird Probleme bekommen. "Wir müssen unsere Geschäftsmodelle komplett überdenken und hoffen, durch ViSAAR Hilfestellungen und Antworten zu bekommen", sagt Unternehmer Ludt. Eine mögliche Antwort: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in Zukunft am heimischen Küchentisch sitzen und sich von dort aus mittels Augmented-Reality-Brille quasi in den Betrieb beamen - also statt physisch vor Ort zu sein die Industrieanlagen digital aus der Ferne steuern und warten. Grundvoraussetzung dafür: Alle Arbeitsabläufe sind digitalisiert.

Drei Forschungsinstitute begleiten Projekt

Der theoretische Input kommt von drei Forschungsinstituten. Das August-Wilhelm-Scheer-Institut (AWSi) aus Saarbrücken bringt sein Know-How im Bereich Digitalisierung ein. AWSi-Geschäftsführer Dirk Werth ist überzeugt, dass Homeoffice auch im Außendienst und für die Produktion möglich ist. "Wir haben hier die Chance, es praktisch auszuprobieren und damit einen großen Beitrag zu leisten, dass es tatsächlich irgendwann auch zum Standard wird." 

Das Zentrum für Mechatronik und Automatisierungstechnik (ZeMA) ist eine Technologietransferstelle - Stichwort "Industrie 4.0". Das ZeMA steuert beispielsweise Expertise im wichtigen Bereich des Digitalisierens von bisherigen Arbeitsabläufen bei. "Ist die komplette Produktionskette digitalisiert, können Unternehmen Fehler früher erkennen und auch ad-hoc reagieren", erläutert Rainer Müller, Leiter Forschungsbereich Montagesysteme am ZeMA, die Vorteile vernetzter Produktion.

Damit der Wandel gelingt, müssen auch die potenziellen zukünftigen Anwender - also die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer - mitspielen. Das Saarbrücker ISO-Institut für Sozialforschung und Sozialwirtschaft begleitet das Projekt mit Blick auf die Auswirkungen für die Belegschaft. "Die Digitalisierung soll nicht nur eine Chance für Effizienzsteigerungen sein, sondern auch substanzielle Verbesserungen für die Menschen bringen", sagt ISO-Geschäftsführer Volker Hielscher.

Grenzenloses Arbeiten?

Es geht bei ViSAAR aber nicht nur darum, Mitarbeitende statt im Büro zu Hause zu beschäftigen, sondern auch Fachkompetenz über Kontinente hinweg zur Anwendung zu bringen. Statt Fachkräfte per Flugzeug zu den verschiedenen Baustellen weltweit anreisen zu lassen, bringt man die Baustellen quasi zu den Fachkräften - gerade durch Corona eine zukunftsträchtige Idee.

Deshalb ist auch die Greencells Group bei ViSAAR dabei. Das Unternehmen baut und betreibt weltweit Solarkraftwerke. Projektmanager Cyrus Hecker arbeitet an digitalen Wartungsprozessen. "Der Arbeiter vor Ort hat eine Augmented-Reality-Brille an. Der Operator schaltet sich aus Saarbrücken dazu, sieht dank der Brille, was der Arbeiter sieht, und kann ihm in Echtzeit optische und akustische Hinweise geben." Raumunabhängiges Arbeiten also - da ist es egal, ob die Baustelle in Ägypten oder auf den Philippinen ist. Zur Begutachtung der Anlagen und als neue Informationsquelle will Greencells in Zukunft auch vermehrt Drohnen einsetzen. Wichtig dafür sei, so Hecker, dass der 5G-Ausbau voranschreitet, "um Daten in Echtzeit senden und empfangen zu können."

Im Idealfall steigert ViSAAR also die Produktivität und ermöglicht es Unternehmen sogar, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Beschäftigten sollen von der neuen, digitalen Arbeitsweise ebenfalls profitieren. Auch wenn Weiterbildung nötig sein wird, könnte der Arbeitsalltag beispielsweise deutlich flexibler gestaltet werden. Wenn die Präsenz an der Baustelle oder im Werk für Fachkräfte nicht mehr zwingend notwendig ist, wird der CO2-Ausstoß durch berufsbedingte Reisen sinken. Bei erfolgreichem Abschluss des ViSAAR-Projekts könnte also auch die Umwelt profitieren.