Wasserstofftankstelle in La Roche-sur-Yon | ARD Paris
Reportage

Frankreichs Energiepolitik Grüne Energie aus Wind und Wasser

Stand: 30.03.2022 08:24 Uhr

Angesichts steigender Energiepreise sucht auch Frankreich nach neuen Energiequellen. Ein Unternehmen an der Atlantikküste setzt auf grünen Wasserstoff und ist überzeugt: Das kann die Antwort auf drängende Fragen sein.

Von Sabine Rau, ARD-Studio Paris

In der Vendée am Atlantik im Westen Frankreichs treffen traditionelle Austernfischer auf Start-Up-Gründer. In Bouin steht der unscheinbare Flachbau der Firma "Lhyfe" direkt neben den Bootsanlegern, auf denen die Fischer ihre Austernkäfige abladen.

Sabine Rau ARD-Studio Paris

Bei "Lhyfe" entsteht der Kraftstoff der Zukunft: 100 Prozent ökologisch produzierter Wasserstoff, und zwar aus Wasser - und Windenergie. Die riesigen Windräder sind in Sichtweite der Firma, Wasser liefert das Meer frei Haus.

"Wir liegen - so ähnlich wie in Holland - direkt hinter einer Düne und haben so ein unerschöpfliches Wasserreservoir direkt vor der Tür", sagt Antoine Hamon. Er ist Ingenieur und Mitgründer von "Lhyfe".

Produktion im industriellen Maßstab

Mit diesen Ressourcen können sie im großen Stil Wasserstoff produzieren: Eine Tonne pro Tag. Das Unternehmen mit gerade einmal vier Festangestellten vor Ort ist nach eigenen Angaben der erste Anbieter in ganz Europa, der grünen Wasserstoff im industriellen Maßstab liefern kann: an die Industrie, zum Heizen, für den Straßenverkehr.

Und das durchaus rentabel und zum gleichen Preis wie Benzin, versichert Hamon: "Heute brauchen sie für ihr Wasserstoff-Auto etwa eine Badewanne voll flüssigen Wasserstoff, um damit ein Jahr lang fahren zu können", rechnet er vor, "und das ganz ohne CO2-Schadstoffe".

Eine französische Flagge | AFP
Frankreich vor der Wahl

Frankreich wählt am 10. und am 24. April einen neuen Präsidenten. Vor der Wahl ist Korrespondentin Sabine Rau für die tagesthemen im Land unterwegs und berichtet über Themen, die die Menschen im Land bewegen. Eine weitere Reportage zu Frankreichs Sicherheitspolitik finden Sie hier.

Auch deutsche Kunden

Im September vergangenen Jahres ist "Lhyfe" in Betrieb gegangen. "Wir beliefern Forschungszentren genauso wie Industriebetriebe, die von fossilen Energien auf Wasserstoff umsteigen wollen", erklärt Hamon. Kooperationen mit deutschen Unternehmen wie Deutsche Bahn seien bereits angebahnt.

Mehr noch: "Einer unserer wichtigsten Kunden ist Lidl, die Supermarktkette. Die haben ein Logistikzentrum, in dem sie Gabelstapler einsetzen, die mit grünem Wasserstoff fahren", erzählt Hamon. "Die Supermarktketten steigen auf Wasserstoff um, der hier produziert wird."

Bereits jetzt hat "Lhyfe" rund ein Dutzend Mitarbeiter in Deutschland - und expandiert in ganz Europa.

Windräder auf einer Wiese. | ARD Paris

In Bouin kommt die Energie für die Produktion nicht aus der Steckdose - die Windräder an der Küste liefern sie. Bild: ARD Paris

Wie umgehen mit steigenden Energiepreisen?

Grüner Wasserstoff könnte die Antwort auf die - gerade jetzt, durch den Krieg in der Ukraine - drängenden Fragen der künftigen Energieversorgung sein. Und in Frankreich spielt das Thema auch im Wahlkampf eine Rolle: Steigende Energiepreise an den Tankstellen beunruhigen viele Franzosen erheblich. Denn viele, gerade auf dem Land, sind auf das Auto angewiesen.

Die Regierung will daher mit einem Rabatt von 15 Cent pro Liter dem Anstieg der Kraftstoffpreise entgegenwirken. Das soll ab dem 1. April für vier Monate gelten und wird den Staat laut Premierminister Jean Castex etwa zwei Milliarden Euro kosten. Sowohl Haushalte wie auch Unternehmen würden davon profitieren. Damit versucht die Regierung Macron - wenige Wochen vor der Wahl - der Opposition den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Die Kernkraft steht weiter im Zentrum

Gleichzeitig soll die Kernkraft in Frankreich wieder aufleben. Bis 2050  sollen sechs neue Atomkraftwerke vom Typ EPR 2 gebaut werden, hat Präsident Emmanuel Macron angekündigt. Das erste könnte 2035 in Betrieb gehen; den Bau weiterer acht Meiler will er prüfen lassen. Zugleich soll die Laufzeit aller bestehenden Kernkraftwerke verlängert werden, wenn die Sicherheit es erlaube. Macron will die Entwicklung von "Small Modular Reactors", die kleiner sind und angeblich sicherer, mit einer Milliarde Euro fördern.

Parallel dazu nimmt Frankreich einen wichtigen Teil der Kraftwerkproduktion wieder in die eigene Hand: Für geschätzte 240 Millionen Euro kauft der Energiekonzern EDF den in Belfort beheimateten Turbinenbau des US-Herstellers General Electric zurück, den dieser erst 2015 von Alstom erworben hatte.

Der erste Linienbus fährt schon

In La Roche-sur-Yon, 60 Kilometer entfernt, fährt der erste Linienbus mit grünem Wasserstoff von "Lhyfe". 700.000 Euro hat die Stadt für diesen Prototypen ausgegeben. Und das soll nur der Anfang sein.

Die Stadt setzt gezielt auf erneuerbare Energien und will damit auch Impulse für die heimische Wirtschaft und die gesamte Region geben, wie Laurent Favreau, der Vorsitzende des  Energieverbunds Vendée, sagt. Er ist unter anderem für den Fuhrpark verantwortlich und hat das Ziel, bis 2030 mindestens 20 Prozent der Fahrzeuge auf erneuerbare Energien umzustellen.

Die Praktiker rufen nach der Politik

Von den Politikern in Paris hätte er eigentlich etwas mehr Engagement für das Thema erwartet, sagt Favreau: "Leider bin ich nicht sicher, ob die Energiefragen tatsächlich den richtigen Stellenwert in diesem Wahlkampf haben"*“, findet er. "Das ist sehr schade. Das müsste eine sehr viel größere Rolle spielen - bei allen Politikern. Aber im Augenblick haben sie den Kopf woanders."

Dabei ist an der französischen Atlantikküste alles vorhanden für eine moderne Energiepolitik: Wind und Wasser für saubere Zukunftsenergien. Und bei "Lhyfe" denken sie schon weiter - an off-shore: Die Öl-Plattformen im Meer wollen sie für Bio-Wasserstoff umrüsten. Mit einem ersten Modell wollen sie in diesem Sommer starten.