Fracking-Bohrstelle bei Lingen (Archiv) | dapd

Gasreserven in Deutschland Fracking für die Unabhängigkeit?

Stand: 29.04.2022 08:23 Uhr

Deutschland hat eigene Gasreserven in Schiefergestein, die man mit Fracking fördern könnte. Doch aus Wasserschutzgründen ist diese Methode seit 2017 verboten. Kommt jetzt ein Umdenken?

Von Michael Houben, WDR

In den USA begann Anfang der 2000er-Jahre ein überraschender Boom. Eine neue Methode ermöglichte es, Erdgas zu fördern, das in hartem Gestein, insbesondere Schiefer, eingeschlossen ist. Durch eine Bohrung wird Wasser ins Gestein gepresst, dadurch werden Risse erzeugt, durch die das Gas austreten kann. Mittlerweile gibt es Hunderttausende solcher Bohrungen. Die USA fördern damit so viel Gas, dass sie es per Tankschiff in alle Welt exportieren - auch nach Deutschland.

Da erscheint die Idee schlüssig, eine solche Technologie auch in Deutschland zu nutzen. Vor allem im Nordwesten gibt es große Mengen Schiefergesteins, und darin befindet sich theoretisch genug Erdgas, um bis zu 20 Prozent des deutschen Bedarfs über viele Jahre zu sichern. Der Branchenverband der Förderindustrie, BVEG, ist etwas vorsichtiger; er glaubt, dass vielleicht die Hälfte davon wirklich wirtschaftlich nutzbar sein könnte. Aber nur, wenn Politik und Öffentlichkeit das wirklich wollen.

Warum Fracking in Deutschland verboten wurde

Schon vor über zehn Jahren gab es Pläne, in Deutschland zu fracken. Probebohrungen fanden in Niedersachsen und im Münsterland statt. Der Widerstand war groß. Es gab vor allem Bedenken in Bezug auf das Trinkwasser. Damit das zum Fracking nötige Gemisch aus Sand und Wasser im Untergrund stabil funktioniert, müssen Chemikalien beigemischt werden. Sie sind teilweise krebserregend und giftig. Es besteht Sorge, dass diese Gifte durch Risse im Gestein auch in höhergelegene Trinkwasserschichten gelangen könnten. Toxikologen und Geologen sehen aber noch ein größeres Problem: Das Wasser strömt am Ende ja wieder durch das Bohrloch nach oben. Dabei werden auch im Gestein vorhandene Gifte herausgelöst: Arsen, Brom, radioaktives Strontium. All das dürfte auf keinen Fall in Gewässer oder Erdreich gelangen.

In den USA findet Fracking häufig in Wüsten statt. Dort lässt man das giftige Gebräu oft einfach verdunsten und deponiert verbleibenden Schlamm als Sondermüll. Dort, wo wie in Deutschland kühleres, feuchtes Klima herrscht und Trinkwasser in Gefahr ist, wird es oft in leere unterirdische Gasspeicher zurückgepresst. Doch dabei sind immer wieder Lecks aufgetreten, und es wurden Erdschichten und Gewässer verschmutzt. Aber das seien beherrschbare Probleme, sagen so Befürworter. Trotzdem wurde Fracking deswegen nach massiven öffentlichen Protesten 2017 in Deutschland verboten.

Lösbare Probleme?

Befürworter des Frackings verweisen darauf, dass es in den USA bislang nur vereinzelt wirkliche Umweltschäden gegeben habe, trotz mehrerer Hunderttausend Bohrungen. Zudem könne man in Deutschland strengere technische Standards garantieren. Die hohe Zahl der Bohrungen in den USA zeigt aber ein weiteres Problem. Das Gas strömt nur vergleichsweise kurz aus dem Gestein, die Fördermengen sinken schnell. Man muss immer wieder neu bohren, neu fracken, und in den USA gibt es in manchen Landstrichen über Hunderte Kilometer Bohrungen mit wenigen Hundert Meter Abstand; im dicht besiedelten Deutschland wäre so etwas undenkbar.

Auch hier verweist der Verband BVEG auf Optimierungspotential. Man könnte von einem Bohrplatz aus mehrere Kilometer zur Seite bohren, von einem Punkt aus Hunderte Fracks erzeugen und den Flächenbedarf an der Oberfläche erträglich halten. Allerdings seien genaue Angaben für jedes Fördergebiet erst möglich, wenn man dort Probebohrungen gemacht und die Situation untersucht habe. Und daraus ergibt sich das vermutlich größte Problem: der Aufwand.

Viel Aufwand für eine Brückentechnologie?

Selbst wenn die Politik sich entschließt, diesen Weg zu gehen und Bürgerproteste besänftigt werden können: Bis das erste Gas gefördert werden könnte, würden mindestens drei Jahre vergehen. Relevante Fördermengen wären erst in zehn Jahren zu erwarten. In dieser Zeit müsste eine ganze Industrie neu aufgebaut werden - für Bohrtürme, Fracking-Chemie und Wasserbehandlung. Dabei war Erdgas eigentlich nur noch als Brückentechnologie eingeplant. Spätestens 2045 soll Deutschland klimaneutral sein, statt Erdgas nur noch Wasserstoff verbrannt werden.

Wirtschaftsforscher bezweifeln, dass es sinnvoll ist, eine so aufwendige Technologie neu aufzubauen - nur um dann für kaum mehr als zehn verbleibende Jahre gerade mal zehn Prozent des heutigen Gasverbrauchs zu fördern. Sie verweisen darauf, dass der immense Aufwand, den man dafür betreiben müsste, besser in die schnellere Entwicklung der langfristig tragfähigen Energieformen investiert würde: Photovoltaik, Windkraft, Wasserstoff und Speicher.

Über dieses Thema hat das ARD-Wirtschaftsmagazin plusminus in der Sendung am 27.5.2022 um 21.45 Uhr berichtet.

Über dieses Thema berichtete das Magazin "Plusminus" am 27. April 2022 um 21:45 Uhr.