Fernkälteanlage | Arno Trümper

Alternative zu Klimaanlagen Wenn die Kälte aus Rohren kommt

Stand: 11.09.2022 03:09 Uhr

Fernkälte ist so etwas wie Fernwärme, nur umgekehrt. Statt heißem fließt kaltes Wasser durch die Rohre. Städte können sich so für den Klimawandel wappnen. München will mit einem Netz europaweit Vorreiter sein.

Von Arno Trümper, BR

Klimaanlagen sind Stromfresser - und es werden immer mehr. Wegen des Klimawandels und zunehmender Sommerhitze statten Hausbesitzer ihre Gebäude immer häufiger mit Klimaanlagen aus. Die dazugehörigen Ventilatoren und Wärmepumpen müssen an Fassaden oder auf Dächern installiert werden. Damit geht Platz verloren, der zur Fassadenbegrünung oder als Dachterrasse genutzt werden könnte. Außerdem erzeugen Klimaanlagen nicht nur Kälte, sondern auch jede Menge Hitze, die sie an die Umgebung abgeben und so Städte zusätzlich aufheizen.

Laut einer Studie des Naturschutzbund Deutschland (NABU) ist es in Städten bis zu zehn Grad wärmer als im Umland. Einer der Gründe dafür ist die Abwärme von Klimaanlagen. Je enger die Stadt, je höher die Außentemperatur und je mehr Klimaanlagen es gibt, desto größer ist dieser Effekt. Städte müssen sich also etwas einfallen lassen, damit das urbane Klima erträglich bleibt. Eine Möglichkeit ist sind Fernkältenetze, die es etwa in München, Chemnitz oder Hamburg gibt. Die bayerische Landeshauptstadt hat ihr Fernkältenetz in den vergangenen Jahr erheblich ausgebaut. Heute besitzt sie das mit Abstand größte in Deutschland.

Kühle aus dem Stadtbach

Inzwischen hat das Münchner Fernkältenetz eine Länge von etwa 28 Kilometern. Es handelt sich dabei um isolierte Rohre mit etwa 50 cm Durchmesser, ähnlich denen in einem Fernwärmenetz. In einer von drei Kältezentralen unter der Münchner Innenstadt kühlen Kälteanalagen das Wasser aus einem Stadtbach auf sechs bis zehn Grad herunter. Das funktioniert deutlich effizienter als bei klassischen Klimaanlagen.

Vereinfacht könnte man das so erklären: Klassische Klimaanlagen arbeiten mit Außenluft, die nicht selten 30 Grad hat. Die muss dann um etwa 20 Grad heruntergekühlt werden. Das Wasser im Stadtbach hat selten über 18 Grad, muss also nur um acht Grad abgekühlt werden. Das kühle Wasser wird dann durch das Rohrnetz zu den Kunden gepumpt. Die können damit wiederum die Luft in ihren Räumen kühlen.

Etwa 100 große Gebäude in der Münchner Innenstadt werden schon so gekühlt. Etwa das "Platzl Hotel" mit 170 Zimmern. Sichtlich gut gelaunt begrüßt Hoteldirektor Heiko Buchta seine Gäste in der wohlgekühlten Hotellobby. Vor etwa zwei Jahren haben sie die alte stromfressende Klimaanlage ausgebaut und das Haus an das Fernkältenetz angeschlossen. "Ich bin sehr zufrieden", sagt Buchta. "Aufgrund dessen, dass die Kälte hier sehr energiearm produziert wird, sind wir mit dieser Lösung abgekoppelt von den Schwankungen auf dem Weltmarkt und den dortigen Preisen." Geschätzte Kostenersparnis: 100.000 bis 150.000 Euro im Jahr.

Neue Infrastruktur für die Stadt

Straßen werden aufgerissen, dicke Rohre verlegt und verschweißt, Kältezentralen gebaut und alles angeschlossen: Das ist viel Arbeit, die viel Geld kostet. Bisher hat die Stadt München etwa 40 Millionen Euro für den ersten Bauabschnitt ausgegeben. Gerade investiert sie noch einmal dieselbe Summe für die Erweiterung. Im Süden der Stadt entsteht ein weiteres Kältewerk. Es soll das größte Europas werden. Dazu kommen noch einmal sieben Kilometer Leitungen. Mehr als 100 weitere Gebäude können so gekühlt werden.

Insgesamt 80 Millionen Euro sind auch für eine Großstadt wie München viel Geld. "Man hat sich vor zehn Jahren entschieden, die Investition zu tätigen, und auf lange Sicht wird sich die sicherlich auch auszahlen", sagt Stefan Birle, der Leiter dieses Projektes bei den Münchner Stadtwerken. "Weil die laufenden Kosten erheblich geringer sind als bei vielen kleinen Klimaanlagen und weil es langfristig einen ökologischen Vorteil bringt." Birle hat errechnet, dass die CO2-Einsparung heute schon 25.000 Tonnen pro Jahr beträgt. "Ich denke, dass wir als Stadt damit eine Investition für die zukünftigen Generationen schaffen."

Viele andere Städte in Deutschland und weltweit interessieren sich für die Technologie. "Neulich sind Interessenten aus Toronto in Kanada nach München gekommen, um sich die Anlage anzuschauen," erzählt Stefan Birle. "Dort wollen sie etwas Ähnliches bauen und dafür das Wasser des Ontariosees nutzen".

Über dieses Thema berichtete das BR Fernsehen am 09. Juni 2022 um 16:00 Uhr.