Internationale Raumstation ist in einem Erd-Orbit zu sehen | AP
Interview

ESA-Chef Aschbacher "Der Weltraum hat limitierte Ressourcen"

Stand: 27.12.2021 17:03 Uhr

Mars-Mission, Mondrakete, Astronauten-Auswahl: Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat 2022 viel vor. Generaldirektor Josef Aschbacher erklärt die Pläne im Interview mit tagesschau.de und fordert neue Regeln fürs All.

tagesschau.de: Was ist im kommenden Jahr Ihr persönliches ESA-Highlight?

Josef Aschbacher: Wir haben zwischen Ende September und Anfang Oktober eine ganz wichtige Mission, die startet. Sie heißt "ExoMars" und hat einen Rover an Bord, der sich "Rosalind Franklin" nennt. Der Rover ist der größte, der jemals auf der Marsoberfläche unterwegs war. Er hat ein großes Sortiment wissenschaftlicher Instrumente an Bord, um den Mars zu erkunden. Die Mission führen wir in sehr enger Partnerschaft mit unseren russischen Partnern von Roskosmos durch.

ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher | dpa
Zur Person

Josef Aschbacher ist seit März 2021 Generaldirektor der europäischen Weltraumorganisation ESA. Zuvor arbeitete der gebürtige Österreicher bereits über viele Jahre in verschiedenen Positionen für die ESA, unter anderem als Direktor für Erdbeobachtungsprogramme.

tagesschau.de: Inwieweit geht diese Mission über die NASA-Mission mit dem "Perseverance"-Rover hinaus, der im Februar auf dem Mars gelandet war?

Aschbacher: Bei unserer Mission sind mehr wissenschaftliche Instrumente an Bord. Zum ersten Mal werden wir mit einem Bohrer bis zu 1,70 Meter in die Marsoberfläche hineinbohren, Proben entnehmen und dort in einem Labor analysieren. Das wird sehr spannend und sehr komplex.

tagesschau.de: 2022 will die NASA "Artemis I", die erste Mission der Raumfähre Orion, in eine Umlaufbahn um den Mond bringen. Auch da ist die ESA maßgeblich beteiligt.

Aschbacher: Das stimmt. Die SLS-Rakete der NASA - also die Mondrakete, die Jahrzehnte nach Apollo wieder zum Mond fliegen wird - trägt ein kleines ESA-Logo. Wir liefern ganz wesentliche Bestandteile, zum Beispiel das "European Service Module" mit elektrischer Versorgung und Antriebssystemen. Ohne das Modul, das in Bremen gebaut wird, könnte die Mond-Mission der NASA nicht durchgeführt werden. Wir sind ein essentieller Partner, auf den sich die NASA verlässt. Das Zeitfenster für einen Start beginnt ab Mitte Februar. Einen genauen Termin gibt es noch nicht.

"Wir sollten den Weltraum nachhaltig nutzen"

tagesschau.de: Der Weltraum ist vom Wissenschaftsraum längst auch zum Wirtschaftsraum geworden. Sie äußerten sich kürzlich besorgt über die Dominanz von Elon Musk und seinen "Starlink"-Satelliten. Was ist das Problem?

Aschbacher: Elon Musk hat bisher fast 2000 Satelliten der "Starlink"-Generation gestartet. Das ist einerseits sehr gut, weil im Weltraum viel Aktivität ist. Auf der anderen Seite machen diese Satelliten in etwa die Hälfte aller derzeit aktiven Satelliten im Weltraum aus. Das ist schön für Elon Musk, persönlich bewundere ich auch seine Riesenvision und seine Energie, sehr komplexe Projekte zu verwirklichen. Allerdings hat seine Umtriebigkeit auch Konsequenzen, nämlich dass der Weltraum durch seine Satelliten besetzt und belegt wird - nicht nur physisch durch die Satelliten selbst, sondern auch durch die Frequenzen, die genutzt werden.

Das ist das Problem: Wir sollten den Weltraum nachhaltig nutzen. Wir hängen alle täglich von Satelliten ab - etwa bei Navigationsgeräten, bei der Wettervorhersage oder bei Informationen zur Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Katastrophenschutz und zur Klimaforschung im weiteren Sinne. Auch die Telekommunikation ist sehr weltraumgebunden. Der Weltraum hat limitierte Ressourcen. Wir müssen uns gemeinsam global darüber Gedanken machen, wie die Ressourcen verwendet werden und wer welches Recht hat, Satelliten und die damit verbundenen Frequenzen zu verwenden. Es braucht dafür neue, verbindliche Regeln.

tagesschau.de: Elon Musk agiert so, weil es keine regulierende, weltweite "Weltraumbehörde" gibt, die ihn bremst. Es scheint doch utopisch, Weltraumagenturen und Unternehmen - also Staaten und die Privatwirtschaft - an einen Tisch zu bringen, oder?

Aschbacher: Das ist eine Herausforderung und ein sehr komplexer Prozess. Sie haben eine Mischung aus öffentlichen Stellen und privaten Personen wie Elon Musk oder Jeff Bezos. Man darf aber nicht vergessen, dass die nationalen Behörden der Staaten die Lizenzen für den Start und Betrieb von Satelliten vergeben. Das wird national geregelt, aber auch auf internationaler Ebene über die ITU, die internationale Fernmeldebehörde, die in Genf sitzt. Man kann also schon regulierend eingreifen.

tagesschau.de: Seit März sind Sie ESA-Generaldirektor und haben sich zur Aufgabe gemacht, Europa im Weltraum selbstbewusster aufzustellen. In den USA ist die Begeisterung für Weltraumaktivitäten traditionell größer als in Europa. Stellen Sie bei den Politikern der ESA-Mitgliedsstaaten, die die Gelder freigeben, ein Umdenken fest?

Aschbacher: Die USA ist mehr auf Expansion und Exploration orientiert. Das NASA-Programm fokussiert sich auf Raumstation, Mond und Mars. Das europäische Programm fokussiert sich mehr auf unseren eigenen Planeten, also Klimaschutz und Nachhaltigkeit sowie praktische Anwendungen für die Menschen wie zuverlässige Telekommunikation und Navigation. Das spiegelt auch die Politik wider, und genau darauf sind die Prioritäten Europas im Weltraum ausgerichtet. Natürlich hat Europa auch Astronauten- und Explorationsprogramme, sie sind aber wesentlich geringer finanziert als die der NASA.

tagesschau.de: Beim Thema Astronauten hat die ESA momentan ein Dauerabo auf der ISS. Nach dem französischen ESA-Astronauten Thomas Pesquet folgte im November der deutsche ESA-Astronaut Matthias Maurer.

Aschbacher: Genau. Momentan haben wir Matthias Maurer auf der Internationalen Raumstation. Er führt auf der ISS mehr als 35 Experimente mit deutscher Beteiligung und viele weitere internationale Experimente durch. Nach Matthias Maurer wird im Frühjahr die italienische ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti zur ISS fliegen. Sie soll dort auch noch Matthias Maurer treffen. Dann haben wir als ESA zum ersten Mal drei Astronauten in direkter Reihenfolge im Weltraum. Gegen Ende des kommenden Jahres wird dann auch die Auswahl der letzten vier bis sechs Kandidaten des ESA-Bewerbungsverfahrens erfolgen. Wir hatten ja mit 22.589 Bewerberinnen und Bewerber einen Rekord an Interessenten.

Warten auf "Hot-Firing Test" für Ariane 6

tagesschau.de: Wird im nächsten Jahr auch zum ersten Mal die neue ESA-Trägerrakete Ariane 6 vom Weltraumbahnhof in Kourou starten?

Aschbacher: Die Frage wird derzeit gerade diskutiert. Wir haben derzeit zwei Meilensteine vor uns, um die Frage wirklich beantworten zu können. Das eine ist der sogenannte "Hot-Firing Test" in den Einrichtungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Lampoldshausen. Dieser Test wird Anfang des nächsten Jahres stattfinden. Sollte es danach keine technischen Änderungen geben, könnte die Ariane 6 in der zweiten Hälfte, gegen Ende des Jahres, starten.

Das Interview führte Ute Spangenberger, SWR, für tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk in der Sendung "Forschung aktuell" am 07. April 2021 um 16:36 Uhr und am 10. September 2021 um 16:48 Uhr.