Techniker montieren eine Photovoltaikanlage auf dem Dach eines Wohnhauses  | picture alliance / Stephan Goerl

Unabhängigkeit von Versorgern Geht Energie-Autarkie in Deutschland?

Stand: 02.05.2022 06:00 Uhr

Stark steigende Preise für Gas oder Strom bringen so manchen Verbraucher auf ganz neue Gedanken: Was wäre, wenn man sich komplett selbst mit Energie versorgen könnte? Was Experten dazu sagen.

Von Julia Cruz, rbb

"Wir sind relativ autark, aber eben nicht zu 100 Prozent", sagt Kay-Michael Thonack aus dem Wittstocker Ortsteil Sewekow. Auf dem Dach des Familienhauses hat der pensionierte Lehrer vor vier Jahren eine Solaranlage installiert. Diese generiert über das ganze Jahr hinweg warmes Wasser, autark allerdings nur ab Ende Mai bis Anfang Oktober. "Im Sommer läuft es ganz gut - strom- und wassertechnisch", erzählt der gebürtige Brandenburger. "Aber im Winter reicht es von der Sonne nicht aus." Da müsse wieder das Gasnetz angezapft werden. 

Dass Solaranlagen allein für die Eigenversorgung nicht komplett ausreichen, bestätigt auch der Bundesverband Solarwirtschaft. "Rechnerisch reicht ein Eigenheimdach in der Regel aus, um den jährlichen Stromverbrauch eines durchschnittlichen Haushaltes inklusive E-Auto zu decken", sagt Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig. Allerdings sieht es bei vollständig autarken Systemen anders aus: "Normalerweise kann man sich in Deutschland mit einer Photovoltaikanlage und im Falle durchschnittlicher Stromverbräuche nicht zu vertretbarem Aufwand netzautark machen, weil die Sonneneinstrahlung im Winter relativ gering ist", so Körnig.

Umstieg auf Erneuerbare angesichts der Preisrekorde

Bei den aktuellen Strom- und Gaspreisen in Rekordhöhe stellt sich für viele Menschen immer häufiger die Frage nach alternativen beziehungsweise eigenen Energiequellen. Familie Thonack stieg bereits 2018 um von Flüssiggas auf Erdgas für die Heizung, um Geld zu sparen.

Der Umstieg auf eine unabhängigere Stromversorgung lohne sich, allerdings habe er sehr viel Technisches alleine gemacht, sagt Kay-Michael Thonack. "Nur die Einbindung der Solaranlage in die bestehende Heizung wurde von einer von Fachfirma übernommen, sonst wäre der komplette Einbau der Systeme sehr teuer geworden." Mit einem Augenzwinkern fügt er schnell hinzu: "Bei den aktuellen Energiepreisen wird sich das allerdings auch schnell wieder lohnen."

Zu beklagen hat Thonack allerdings seinen Einspeisungsvertrag: "Es wird überall darüber gesprochen, 'grüne Energie hier und grüne Energie da, das wollen wir haben'. Aber wenn wir zu viel Strom machen, werden unsere Anlagen vom Netzbetreiber abgeschaltet, denn wir dürfen nicht mehr als 60 Prozent der Anlagenleistung einspeisen." Die Familie möchte sich trotzdem noch unabhängiger machen. Deshalb plant sie bereits, als nächstes in Windenergie zu investieren.

Komplett autark meist nur im Freizeitbereich 

Vollkommen autarke Anlagen gibt es laut Bundesnetzagentur im Grunde nur im Freizeitbereich, zum Beispiel für Wohnmobile, Wochenendhäuser und Alpenhütten. "Grundsätzlich besteht für Privatpersonen oder Unternehmen in Deutschland die Möglichkeit, sich mit Energie selbst zu versorgen", erklärt ein Sprecher der Behörde, Michael Reifenberg. Niemand sei in Deutschland gesetzlich verpflichtet, sich an ein allgemeines Energieversorgungsnetz anschließen zu lassen. Aber: "Verpflichtungen zum Anschluss an öffentliche Versorgungs- und Entsorgungseinrichtungen können aufgrund von Gemeinde- beziehungsweise Kommunalordnungen der Bundesländer bestehen", schränkt Reifenberg ein.

Auch Verbraucherschützer warnen davor, sich nur auf eigene Energiequellen zu verlassen. "Ein Anschluss- und Benutzungszwang bei Strom ist uns nicht bekannt. Wenn man nicht an das Stromnetz angeschlossen ist, hat man allerdings auch keinen Zugang, das heißt, im Zweifelsfall hätte man auch keinen Strom", sagt der Energieexperte der Verbraucherzentrale Brandenburg, Joshua Jahr. "Vollkommene Autonomie ist in der Regel dadurch nicht gegeben. Selbst mit PV-Anlage und Batteriespeicher kann nur eine Autonomie von 70 bis 80 Prozent erreicht werden."

Biobäckerei gewinnt Wärme zurück

Auch die Biobäckerei Demeter Märkisch Landbrot setzt auf erneuerbare Energien und würde am liebsten mehr Energie aus autarken Quellen beziehen. "Wir brauchen als Bäckerei viel Energie, deshalb haben wir auch eine Photovoltaikanlage - die macht etwa fünf Prozent von dem Strombedarf aus, für die Backöfen muss allerdings Erdgas bezogen werden", so Geschäftsführer Christoph Deinert.

Die Bäckerei bezieht außerdem Ökostrom und arbeitet mit Wärmerückgewinnung. Sie gewinnt aus dem Abgas einen Teil der Erdgaswärme zurück und speist sie ins Heizsystem ein. Die Wärmeüberschüsse werden auch von Nachbarn genutzt. Als Biobäckerei hat der Betrieb ein klares Ziel vor Augen: "Es gibt immer einen Anfang für das Bessere. Firmenziel ist es, die Welt und den Menschen zu erhalten, deshalb hat die Umwelt für uns erste Priorität. Und das versuchen wir zu leben", sagt Deinert. Auch finanziell lohne es sich, weil durch die Wärmerückgewinnung viel Erdgas gespart werde.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 02. Mai 2022 um 07:15 Uhr.