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Elektromobilität Tesla und VW ringen um die Spitze

Stand: 26.04.2021 18:48 Uhr

Die Elektromobilität nimmt immer mehr an Fahrt auf - auch in Deutschland. Lange galt Tesla als unumstrittener Marktführer. Doch VW holt auf. Experten rechnen schon mit einer Ablösung.

Von Till Bücker, tagesschau.de

Die Bekämpfung des Klimawandels ist ohne die Elektromobilität kaum noch denkbar. Um konkurrenzfähig zu bleiben, holen die deutschen Produzenten nach anfänglichem Zögern kräftig auf - allen voran Volkswagen. "Lassen Sie mich eines gleich klarstellen: The Battery has won the race", erklärte VW-Chef Herbert Diess kürzlich auf einer Veranstaltung. Die Batterie habe gewonnen. Sie sei die "einzige verbleibende Möglichkeit, den Verkehr CO2-frei zu bekommen."

Der Wolfsburger Konzern setzt wie kaum ein anderer Autobauer auf die Transformation. In den kommenden Jahren will das Unternehmen rund 35 Milliarden Euro investieren. Bis 2030 sind rund 70 reine E-Modelle geplant. 60 Prozent aller neuen VW-Wagen sollen dann mit Batterie fahren.

Elektromobilität in Deutschland kommt voran

Auch die deutschen Autofahrer scheinen sich langsam auf die E-Mobilität einzulassen - unter anderem dank Kaufprämien der Bundesregierung und vieler neuer Modelle. 2020 waren laut Kraftfahrtbundesamt (KBA) mehr als 13 Prozent der Neuzulassungen reine Elektroautos oder Plug-in-Hybride, die neben der Batterie gleichzeitig noch mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet sind. Zum Vergleich: 2016 waren es noch unter ein Prozent.

Der Aufstieg setzt sich auch in diesem Jahr fort. Allein im März war jeder zehnte Neuwagen batterieelektrisch. Der Marktanteil von Autos mit alternativen Antrieben (Batterie, Hybrid oder auch Wasserstoff) liegt derzeit bei 37,6 Prozent und damit so hoch wie nie, wie das KBA vergangene Woche mitteilte. Die beliebteste Marke im ersten Quartal 2021 sei VW. Nach eigenen Angaben kommt der Konzern hierzulande derzeit auf einen Marktanteil in der E-Mobilität von knapp über 34 Prozent.

Tesla ist die "Benchmark"

Trotz der Spitzenposition auf dem Heimatmarkt steht weltweit immer noch ein anderer Konzern auf Platz Eins der E-Autos: Tesla. Zwar sank der Marktanteil des Autobauers aus Kalifornien, der am Montagabend seine Quartalszahlen bekannt gibt, in Deutschland von 30 Prozent im Jahr 2019 auf zuletzt neun Prozent. Global betrachtet ist die Firma von Chef Elon Musk aber weiterhin vorne.

Das Unternehmen verkaufte im vergangenen Jahr fast eine halbe Million E-Autos. Das waren 36 Prozent mehr als im Vorjahr. Im ersten Quartal 2021 lieferte Tesla 184.800 Fahrzeuge aus - ein neuer Rekord. Vor allem auf dem wohl wichtigsten Markt für Elektroautos China ist der US-Konzern den Deutschen enteilt. Jeder dritte Tesla wird in der Volksrepublik verkauft. Auch auf den amerikanischen Straßen führt bei E-Autos mit einem Marktanteil von 80 Prozent kein Weg am Elektro-Pionier vorbei, wie die Daten der US-Neuregistrierungen zeigen.

"Tesla ist für uns eine wichtige Benchmark", gab Diess kürzlich zu. Der VW-Chef ist ein bekennender Fan von Musk, sein Unternehmen bezeichnet er regelmäßig als das Maß aller Dinge in der Autowelt. Auch nach Ansicht des Wirtschaftssoziologen Andreas Boes, der im Auftrag der IG Metall die Auswirkungen des Tesla-Schocks auf die deutsche Industrie untersucht hat, ist Tesla der Vorbote einer neuen Produktionsweise. Für den Wandel in der Autobranche habe der E-Auto-Hersteller den entscheidenden Anstoß gegeben. "Das Unternehmen aus Kalifornien legt den Finger in die Wunde", sagte Boes auf der Hannover Messe.

Tesla mit Wettbewerbsvorteilen

Doch worin liegen die Stärken Teslas? Was macht Musk & Co. zum Vorreiter? "In bestimmten Bereichen hat Tesla tatsächlich Benchmarks gesetzt", betont Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM) der Fachhochschule Bergisch Gladbach, im Gespräch mit tagesschau.de. Ohne Tesla hätte es die Elektromobilität in der Geschwindigkeit nicht gegeben.

 Automobilexperte Stefan Bratzel vom Auto Institut in Bergisch Gladbach | picture alliance/dpa

Stefan Bratzel ist Direktor des Center of Automotive Management (CAM) der Fachhochschule Bergisch Gladbach. Bild: picture alliance/dpa

Wettbewerbsvorteile seien etwa die Kompetenz in der Batterietechnologie, die Kontrolle über ihre Supercharger - also Schnellladestationen - sowie deren Verlässlichkeit. In den Punkten hätten die deutschen Autobauer zu spät reagiert, gerade im Bereich der Ladeinfrastruktur gebe es Defizite. Erst im März präsentierte VW seinen Plan, sechs sogenannte Gigafabriken für die Fertigung von Batteriezellen zu bauen und 18.000 öffentliche Schnellladepunkte aufzurichten.

Ein großer Vorteil Teslas sei zudem die spezielle Fahrzeugarchitektur mit eigenen Betriebssystemen und Chips. Volkswagen kaufe die Software dagegen ein. "Das versetzt Tesla in die Lage, besser zu sein als die deutschen Wettbewerber", so der Autoexperte. Auch im Produktionsbereich habe Tesla einen Vorsprung. Man schaffe es, Werke innerhalb kurzer Zeit hochzuziehen und auch der Automatisierungsgrad sei höher.

VW kann die Masse erreichen

VW hole beim Thema Innovation im batterieelektrischen Bereich allerdings stark auf und sei Tesla auf den Fersen. Darüber hinaus habe auch der deutsche Konzern Pluspunkte. Mit dem Modularen E-Antriebs-Baukasten (MEB) entwickelte er ein funktionales System für die Herstellung von E-Autos, mit dem laut Bratzel eine Vielzahl von Modellen aufgesetzt werden kann: "Volkswagen ist ein Spezialist im Ausrollen einer solchen Strategie auf unterschiedliche Marken, Segmente und Regionen."

Während Tesla ein eher schmales Modellprogramm anbietet und mit dem Model S und Model X lange auf Premiumprodukte gesetzt hat, beinhaltet der VW-Konzern neben seinen eigenen Modellen wie der ID.-Reihe auch die Marken Audi, Porsche, Skoda oder Seat. "VW braucht manchmal ein bisschen länger, um eine Innovation zu realisieren, kann diese dann aber über die Baureihen schnell in die Masse bringen", meint Bratzel. Bis 2025 wollen die Wolfsburger weltweit mehr als eine Million E-Autos jährlich verkaufen - darunter auch Mittel- und Kompaktklassen.

Ein weiterer Trumpf: VW hat bereits ein globales Produktionsnetzwerk. Das versuche zwar auch Tesla aufzubauen, - unter anderem durch das neue Werk in Grünheide - liege aber noch weit zurück, so der Fachmann. Vorteile von westlichen Herstellern sei zudem die Qualität von Karosserien, des Fahrwerks sowie die Verarbeitung des Innenraums.

Wird VW zum Weltmarktführer?

Könnte der deutsche Autobauer für Tesla also ernsthaft zur Bedrohung werden? "Wenn es gut läuft, wird der VW-Konzern 2022 Weltmarktführer bei Elektroautos", behauptete zuletzt Ferdinand Dudenhöffer vom Duisburger CAR-Institut in einem Interview mit "DER AKTIONÄR".

Dem stimmt auch Experte Bratzel zu: "Gerade die Vielzahl an Modellen kann dazu führen, dass Volkswagen eine große Chance hat, 2022 oder 2023 auch bei reiner Elektromobilität der weltgrößte Hersteller zu werden", prognostiziert er gegenüber tagesschau.de.

Tesla habe das Feld lange Zeit mit großem Abstand angeführt. Doch jetzt kämen Wettbewerber hinzu, die für die Kalifornier gefährlich werden könnten. Es bleibe nun abzuwarten, welche neuen Innovationen Tesla herausbringt, um den Vorsprung zu halten: "Das Rennen wird sehr viel enger - sowohl bei den Innovationen als auch bei den Absatzzahlen."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 26. April 2021 um 17:38 Uhr.