Elektrisch betriebener Ford F-150 lightning | AP

Automarkt in den USA Mit dicken Trucks zur E-Mobilität

Stand: 02.11.2021 08:12 Uhr

Weniger als zwei Prozent der verkauften Neuwagen in den USA sind elektrisch. Bis 2030 sollen es 50 Prozent werden. Kann das gelingen in einem Land, in dem Hersteller und Kunden auf schwere Trucks und SUV setzen?

Von Kerstin Klein, ARD-Studio Washington

Die Probefahrt im E-Truck geht nur über den Parkplatz neben der Werkshalle im Nordwesten Detroits. Immer dieselbe Schleife. Am Steuer sitzt Robert Bollinger. Er hat den elektrischen Pickup-Truck entwickelt, ebenso einen Elektro-SUV. Fette Prototypen, eine halbe Millionen US-Dollar teuer - viel zu wertvoll für den wilden Autoverkehr in Detroit.

Kerstin Klein ARD-Studio Washington

Im kommenden Jahr sollen die E-Boliden in Serie gehen, rund 1000 Stück, ein Nischenprodukt. Verkaufspreis: rund 125.000 Dollar. Sieben Jahre werden dann vergangen sein von Bollingers erster Idee bis zum Produkt beim Kunden.

2015 hatte Bollinger die Idee, ein E-Auto zu entwickeln - im "Mittelalter der E-Mobilität", wie er es nennt. Viel hat sich technisch seitdem getan. Allerdings waren zuletzt gerade einmal zwei Prozent der verkauften Neuwagen elektrisch. Das Ziel der Politik: 2030 sollen es 50 Prozent sein.

Ein Truck von Bollinger Motors | Kerstin Klein

Den elektrischen Pickup-Truck will Bollinger Motors ab 2022 zum Stückpreis von 125.000 Dollar verkaufen. Bild: Kerstin Klein

Transportsektor größter Verursacher von CO2 in den USA

Der Förderung der E-Mobilität - das ist ein zentraler Punkt auch in der Klimaagenda von US-Präsident Joe Biden. Der Transportsektor ist der größte Emittent von CO2 in den USA, noch vor der Energieerzeugung. Bidens Infrastrukturpaket sieht unter anderem Milliarden vor für den Ausbau der Ladeinfrastruktur. Doch: Das Gesetzespaket hängt noch immer im Kongress fest.

Auch die Industrie pocht auf diesen Ausbau, ebenso auf Subventionen, und steigt derweil massiv ins E-Geschäft ein. Die großen drei Autobauer Ford, GM und Stellantis, die "Detroit Big Three", haben im August verkündet, massiv in den Umbau zu investieren. So will Ford beispielsweise vier neue Fabriken bauen und 11.000 Jobs schaffen. Im kommenden Jahr soll der "F-150 lightning" auf den Markt kommen, eine Elektroversion des beliebtesten Trucks der USA. Gleiches Auto, anderer Antrieb - auf dieses Konzept setzen alle traditionsreichen Autobauer.

"Die Leute müssen den Truck lieben"

Bollinger findet das einen sehr smarten Zug. Denn die Amerikaner liebten nun einmal ihre großen, schweren Autos. Sieben der zehn meistverkauften Neuwagen in den USA sind Trucks und SUVs. Auf diese Liebe aufzusetzen - statt Klimaschutz zu predigen - ist auch der Bollingers Ansatz. "Ich wollte immer ein Elektroauto bauen, aus vielerlei Gründen. Einer davon ist natürlich die Umweltfreundlichkeit", sagt er. "Aber damit allein verkauft man hier keine Autos. Mir war immer klar: Die Leute müssen den Truck lieben, ihn cool finden. Sie sollen sagen: 'Den will ich haben! Ach, der ist elektrisch? Toll.' So sind wir jedenfalls die Entwicklung angegangen."

Dass jetzt auch die Großen der Branche mit Kraft in die E-Mobilität einsteigen, findet er gut. Je mehr Autos gebaut würden, desto stärker sänken die Preise. Momentan seien alle Komponenten sehr teuer, nicht nur die Batterien, weil sie in kleiner Stückzahl produziert würden. Das werde sich in den kommenden Jahren ändern - auch, weil viele Paketzusteller, Warenhäuser und Lieferdienste ihren Fuhrpark auf elektrische Modelle umstellen wollen.

2030 soll jeder zweite US-Neuwagen elektrisch sein

Aber noch etwas müsse sich ändern, sagt Bollinger. Kunden bräuchten Auswahl. "Wenn Sie zu einem Autohändler gehen, stehen da Dutzende Benziner und Diesel auf dem Hof. Alle Farben und Varianten. Und dann sind da vielleicht ein oder zwei E-Autos", sagt er. "Solange Sie nicht auch bei den E-Autos die gleiche Auswahl haben wie bei den konventionellen, werden die Verkaufszahlen nicht vergleichbar sein."

Fertingung bei Bollinger Motors | Kerstin Klein

"Die Leute müssen den Truck lieben, ihn cool finden", sagt Robert Bollinger - auch als E-Truck. Bild: Kerstin Klein

Die Zukunft der Mobilität wird elektrisch sein, auch in den USA, da ist sich Bollinger sicher. Aber das Ziel der US-Regierung, 50 Prozent Elektroautos bei den Neuwagen bis 2030 zu erreichen - das sei unrealistisch.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Oktober 2021 um 05:09 Uhr.