Ein Fahrradkurier auf einem E-Bike in New York | AP

E-Bike-Boom in New York Schnell, lautlos, brandgefährlich

Stand: 04.12.2022 16:03 Uhr

New York hat ein Feuer-Problem: Immer wieder geraten die Akkus von E-Bikes in Brand und verursachen großen Schaden. Betroffen ist besonders die Lieferbranche, denn viele Kuriere haben E-Bikes mit Billig-Akkus.

Von Miriam Braun, ARD-Studio New York

Aus den Fenstern des 20. Stocks steigt schwerer, weißer Rauch auf. Menschen müssen mit Seilen über die Fassade gerettet werden. Die dramatischen Bilder eines Brandes im Wolkenkratzer "Rivercourt"- in Midtown Manhattan bestimmten Anfang November die lokalen Nachrichten in New York. Mehr als 43 Menschen wurden verletzt, vier davon schwer. Ein Lithium-Ionen-Akku war in Brand geraten und explodiert. "Wir vermuten, dass einer der Bewohner E-Bikes in seiner Wohnung repariert hat", sagte Dan Flynn von der New Yorker Feuerwehr.

Es ist nicht der erste Brand dieser Art in New York: Allein in diesem Jahr sind in den fünf Boroughs der Stadt fast 200 Brände im Zusammenhang mit solchen Akkus gemeldet worden - drei Mal so viele wie im Jahr 2020. In den vergangenen zwei Jahren sind zehn Menschen bei solchen explosionsartigen Feuern zu Tode gekommen. "Diese Brände kommen ohne Vorwarnung", sagte Flynn. "Wenn die Akkus in Brand geraten, ist das so intensiv, dass alle brennbaren Materialien in der Umgebung Feuer fangen."

Stadtbild ohne "Deliveristas" undenkbar

Die länglichen Stab-Akkus werden an Fahrräder angedockt, mit denen die App-basierten Lieferdienste ihre Waren ausfahren lassen. Von sogenannten "Deliveristas" oder "Delivery Workern" - einer Art Fahrradkurier mit Elektro-Antrieb. In New York haben die schnellen, lautlosen Zweiradfahrerinnen und -fahrer in der Pandemie einen Boom erlebt und sind aus dem Stadtbild nicht mehr wegzudenken. Sie bringen Einkäufe, das Abendessen oder andere Besorgungen zu New Yorkern, die selbst nicht auf die Straße können oder wollen. Eine Notwendigkeit während des Lockdowns, die die Städter auch nach der Pandemie nicht mehr missen wollen. Schätzungen zufolge gibt es inzwischen mehr als 65.000 solcher Lieferanten in New York.

Fast immer sind es Privatwohnungen, die brennen; manchmal aber auch Restaurants oder Fahrradläden, in denen die Batterien geladen werden. Der Brand in Midtown war dennoch ungewöhnlich, denn normalerweise wohnen die Lieferanten, die Niedriglöhner sind, in ärmeren Stadtgebieten wie der Bronx oder in Queens. So hat es auch in den 277 Gebäudekomplexen der New Yorker Sozialbaubehörde (NYCHA) in den vergangenen zwei Jahren 31 Feuer gegeben, die auf E-Bikes zurückzuführen sind.

Verbot von E-Bikes in Wohnungen träfe die Kleinen

Die NYCHA überlegt nun die entsprechenden Fahrgeräte in ihren Häusern zu verbieten. "Eine Maßnahme, die die kleinen Kuriere trifft - und nicht die, die das große Geld damit verdienen", beschwert sich Rodrigo Nevarez. Er ist seit drei Jahren E-Bike-Lieferant und fährt für die Apps Doordash, Grubhub und Uber-Eats. Genauso wie alle anderen Deliveristas ist er selbstständig, die Apps übernehmen keine Sozialleistungen oder Versicherungen. Mit Trinkgeld verdient er an guten Tagen etwa zwölf US-Dollar pro Stunde. Sein Fahrrad inklusive Akku sind sein Eigentum und seine Verantwortung. Ungefähr 650 US-Dollar hat er für den Akku bezahlt, einen zweiten kann er sich nicht leisten. Jede Nacht lädt er das Gerät acht Stunden in seiner Wohnung in Harlem auf.

"Das Problem sind nicht E-Bikes, sondern nicht zertifizierte, nicht passende, beschädigte oder manipulierte Lithium-Ionen-Akkus", machte Melinda Hanson, Beraterin für E-Mobilität von Electric Avenue, Mitte November bei einer ersten Anhörung zu dem Thema im Stadtrat deutlich. Elektrofahrzeuge jeglicher Art blieben weiterhin ein wichtiger Teil im Kampf gegen den Klimawandel. Aber es gebe keine Zertifizierungen für die Akkus bezüglich Sicherheit und Herkunft. Die wenigen zertifizierten Akkus auf dem Markt seien teuer und oftmals für Deliveristas ohne Zuschuss nicht bezahlbar.

Billig-Akkus gibt es überall zu kaufen

Die Billig-Akkus hingegen könne man inzwischen überall kaufen, berichtete Hildalyn Colón Hernández von der Vereinigung Los Deliveristas Unidos. In Kleidungsgeschäften, in Computerläden - völlig unklar, woher sie kommen und wie sicher sie sind. "Oft geben die Händler den Lieferanten nicht mal den Namen des Herstellers", sagte sie bei der Anhörung. "Sie holen den Akku aus der Box und geben auch auf Nachfrage keine weitere Auskunft." Stadtratsmitglied Gale Brewer sieht auch die Regierung in Washington in der Pflicht: "Die Akkus kommen größtenteils aus China, deswegen muss auch der Zoll sicherstellen, dass Akkus die ins Land kommen, sicher sind."

Die New Yorker Feuerwehr arbeitet bereits mit den organisierten Gruppen wie Los Deliveristas Unidos zusammen und lehrt den sicheren Umgang mit den Akkus und was beim Aufladen beachtet werden muss. Diese Workshops sollen weiter ausgebaut werden. Ein Vorschlag, der im Stadtrat diskutiert wurde, ist, den Lieferanten nach einer entsprechenden Schulung einen finanziellen Zuschuss für den Kauf von teuren, aber lizenzierten Akkus anzubieten. Andere Regulierungsideen beinhalten eine Pflichtlizenzierung der Batterien mit entsprechenden Kontrollen. Auch will die Stadt New York vereinzelt öffentliche Ladestationen einrichten.

Fahrradkuriere am Ende wieder die Sündenböcke?

Die App-Dienste befürworten die Bemühungen, sind jedoch bisher wenig zur Verantwortung gezogen worden. "Wir arbeiten mit politischen Entscheidungsträgern, Verkehrsbefürwortern, Gemeindepartnern und anderen Interessengruppen zusammen, um Lösungen zu finden", heißt es in einem Statement des App-Lieferdienstes Doordash. Auch die Verwalter der Wohnungsbauten sind bisher noch nicht im Visier. Marode Stromnetze und schlechte Alarmsysteme in den Gebäuden tragen ebenfalls zu dem Problem bei.

Lieferant Nevarez hat Sorge, dass - so wie jetzt das Risiko - am Ende auch die Kosten der Lösungen an den Lieferanten hängen bleiben. Er erinnert sich noch gut an die Zeit der Pandemie: "Damals galten wir als systemrelevant, die Leute waren froh, dass wir da waren und liefern konnten", sagt er. Jetzt ärgert es ihn, dass er und seine Kolleginnen und Kollegen zum Sündenbock gemacht werden.