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Trotz Corona-Schubs Digitalisierung in kleinen Schritten

Stand: 15.08.2021 15:08 Uhr

Corona sollte einen Digitalisierungsschub bringen - doch Verwaltung und Bildungseinrichtungen sind immer noch eher schlecht aufgestellt. Experten drücken aufs Tempo.

Von Christian Sachsinger und Susanne Betz, BR

Selina Krakowski, Mitarbeiterin im Gesundheitsamt Fürstenfeldbruck im westlichen Oberbayern, führte und führt oft lange Telefonate mit Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert sind. Gleichzeitig trägt sie in den ellenlangen Fragenkatalog ihres Datenbankprogramms viele Einzelheiten ein - zum Beispiel Symptome, Haushaltsgröße, Alter. Damit sollen nicht nur alle Corona-Fälle im Landkreis Fürstenfeldbruck erfasst werden, sondern sich später auch Rückschlüsse auf die Krankheit ziehen lassen. Sprich: Wie verläuft diese oder jene Covid-Variante? Wie wirken sich Alter und Geschlecht auf den Krankheitsverlauf aus?

Chaos im Gesundheitsamt ohne Digitalisierung

Ohne Digitalisierung wäre das so nicht möglich. Krakowski, Anfang 20, war frisch von der Uni nur als Aushilfe eingestellt, als Anfang 2020 Corona kam und im Gesundheitsamt Fürstenfeldbruck wie in den meisten der rund 400 deutschen Gesundheitsämtern für chaotische Zustände sorgte. Stapelweise Faxe wurden ausgewertet und mehr als 100 Ordner angelegt: eine Sisyphusarbeit.

Der computeraffinen Krakowski und ihrer älteren, teamerfahrenen Kollegin Andrea Kriegner war bald klar, "dass wir auf diesem Niveau keine Pandemie bewältigen können." Also holten sich die beiden Frauen bei IT-Firmen Rat, stellten irgendwann die Rechner im Amt um, andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden geschult. Einen Masterplan einer übergeordneten Behörde schien es offensichtlich nicht zu geben.

Digitalisierung in Schulen hängt von Einzelnen ab

Ein ähnliches Muster zeigt sich bei der Digitalisierung in Schulen. Etwa in der Mittelschule Simmerstraße in München. Dort gibt es vier sogenannte Tablet-Klassen. In der Klasse 5b zum Beispiel erarbeitet die junge Lehrerin Meike Fuchs kurz vor Beginn der Sommerferien mit ihren Schülerinnen und Schülern das Thema "altes Ägypten" via Computer. Ein kurzes Video über die damalige Götterwelt wird vom Notebook via Beamer an die Wand projiziert. Danach erstellen die Kinder gruppenweise mit ihren Tablets einen Steckbrief von Horus und Osiris.

"Sie lernen Leseverständnis, wichtige Inhalte kennen, aber auch sich mit dem Internet auseinanderzusetzen und dort Seiten aufzurufen", erläutert Fuchs. Die junge Lehrerin kommt selbst gut mit der Digitalisierung klar und fördert sie. An der Schule gibt es aber nur einen freiwilligen Systemadministrator, der hauptsächlich Lehrer ist und für sein Zusatzengagement kaum eine Entschädigung bekommt.

Warum gibt es keine Technik-Hotline für Schulen?

Die Konrektorin der Mittelschule, Birgit Dittmar-Glaubig, geht bald in Pension. Aber als Funktionärin im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband will sie weitermachen, und als solche ist sie es gewohnt, Problem direkt anzusprechen. Sie ist enttäuscht, dass die Digitalisierung in den Schulen vom Engagement einzelner Lehrer abhängt.

Eine Technik-Hotline, wie sie längst viele Unternehmen haben, wäre ideal auch für Schulen, sagt Dittmar-Glaubigs: "Da würde ich mir wünschen, dass die Stadt München oder die Gemeinden genügend Personal haben, dass man anrufen kann und einem zeitnah geholfen wird."

Endlich ein richtiges Digitalministerium?

Zu Gast in Berlin bei Bitkom, dem "Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien". Bitkom ist eine der einflussreichsten Lobbyorganisationen in Deutschland. Der Verband will Druck auf die Politik ausüben, damit die Digitalisierung schneller vorangeht - denn dann verdienen logischerweise auch die angeschlossenen Firmen mehr.

Der Verband beklagt nicht nur, dass Deutschland im öffentlichen Bereich, also in der Verwaltung, in Schulen und Ämtern hinter anderen Ländern hinterherhinkt, sondern dass auch nicht genügend Wagniskapital für IT-Start-ups da ist. Außerdem drängt man, dass es nach der Bundestagswahl ein richtiges Digitalministerium gibt. Fabian Zacharias von Bitkom fordert, dass "das nicht nur ein Klingelschild bekommt, sondern echte Koordinierungsrechte hat und eine starke Rolle am Kabinettstisch spielen kann".

Digitalisierung von Joghurt-Produktionen

In Garching bei München wird in der Technischen Universität mittlerweile schon Zukunft simuliert: In einer Halle schicken Förderbänder Dutzende kleine Gläser zu Abfüllstationen. Dort wird Joghurt - in Wahrheit ist es nur blubberndes Wasser - in die Gläser gepumpt. Einen halben Meter weiter werden Kügelchen in verschiedenen Geschmacksvarianten per Druckluft in die Gläschen befördert.

Eine großgewachsene Frau schaut sichtlich zufrieden zu. Birgit Vogel-Heuser ist Professorin und Chefin des Lehrstuhls für Automatisierung und Informationssysteme. Sie und ihr Team arbeiten an konkreten Lösungen für Unternehmen, die ihre Fabriken digital steuern oder ihre Produktion mit intelligenter Datenverarbeitung optimieren wollen. Bei dem Werkzeugmaschinenbauer Grob, dem Walzwerk-Hersteller SMS oder dem Chemie-und Pharmakonzern Bayer ist ihnen das schon gelungen. Deshalb ist Vogel-Heuser auch relativ optimistisch: "Deutschland muss hier keine Angst haben, auf diesem Feld von anderen Ländern überholt zu werden. Den meisten Digitalisierungsexperten ist dieses Feld nämlich zu anstrengend."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 12. August 2021 um 19:30 Uhr.