Ein Mitarbeiter von CureVac arbeitet in einem Labor. | REUTERS

Impfstoff-Forschung CureVac hofft auf die zweite Generation

Stand: 04.02.2021 12:57 Uhr

Der Corona-Impfstoff von CureVac ist noch nicht zugelassen, doch die Tübinger Forscher arbeiten schon am nächsten Projekt: Vazkine der zweiten Generation. Kann das gelingen?

Von Cecilia Knodt, SWR

"In der Pandemie ploppen fast täglich neue Unternehmen auf. Als wir 2006 gestartet haben, waren wir viele Jahre alleine", sagt der CureVac-Mitgründer Florian von der Mülbe. Alleine ist von der Mülbe mit seiner mRNA-Impftechnologie schon länger nicht mehr. Wenn der ausgebildete Biochemiker im digitalen Panel der Leopoldina Akademie über die aktuelle Impfstoffentwicklung spricht, könnte fast der Eindruck entstehen, dass der einstige Hoffnungsträger CureVac gerade abgehängt wird. Denn neben dem Tübinger Forschungsteam tüfteln weltweit mehr als 300 Unternehmen daran, möglichst schnell Vakzine zur Zulassung zu bringen.

Cecilia Knodt

CureVac war zwar als eines der ersten Biotechnologie-Unternehmen im medialen Fokus, auch der Bund setzte große Stücke auf die Tübinger Forscher und stieg mit 300 Millionen Euro ein. Doch jetzt? Jetzt werden die Produkte anderer Unternehmen bereits verimpft, während der Impfstoff von CureVac wohl erst im zweiten Quartal dazukommen wird. Ist die Konkurrenz wie BioNTech an ihnen vorbeigezogen? Auf Anfrage heißt es von CureVac: "Wir sehen die Impfstoffentwicklung nicht als Rennen gegen andere Unternehmen, sondern gegen das Virus."

Expertinnen und Experten meinen, es sei zu früh, um jetzt von Gewinnern und Verlierern unter den Herstellern zu sprechen. Die Pandemie und ihre Bekämpfung liefern ohnehin immer wieder neue Herausforderungen und damit auch neue Chancen, die Nase vorn zu haben. So hat CureVac diese Woche sein nächstes Projekt bekannt gegeben: Gemeinsam mit dem britischen Pharma-Giganten GlaxoSmithKline, kurz GSK, forscht das Unternehmen an einem Impfstoff der nächsten Generation - gegen mutierte Varianten von Sars-Cov2. Geplant ist dessen Zulassung für kommendes Jahr.

Kapazitäten als größte Herausforderung

Während erste Unternehmen also bereits an veränderten Impfstoffen für ein verändertes Virus in der Zukunft arbeiten, bleibt die größte Herausforderung beim Impfstoff der ersten Generation im Hier und Jetzt: Kapazitäten und Lieferengpässe. Marcel Fratzscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung kritisiert, dass die Politik den Aspekt der Kapazität bei den Bestellungen der Impfdosen vernachlässig habe.

"Es gab zwar Anreize für die Impfstoffentwicklung, gleichzeitig hat es die Politik aber versäumt, auch für den Aufbau der Produktionskapazitäten zu sorgen und sich dabei zu sehr auf die Pharmakonzerne verlassen", so Fratzscher. "Die EU und auch die Bundesregierung hätten neben finanziellen Anreizen für die Forschung auch Anreize für die Erhöhung von Produktionskapazitäten setzen müssen."

Kräfte bündeln in der Pharmaindustrie

405 Millionen Dosen für die EU, weitere 20 Millionen exklusiv für Deutschland und bis 2022 ein Volumen von 600 Millionen: Um diesen Bestellzettel bewältigen zu können, setzt CureVac auf ein europäisches Produktionsnetzwerk, das stetig wächst. Im Januar hat das Unternehmen die Zusammenarbeit mit dem Pharma-Riesen Bayer bekannt gegeben, seit längerem arbeitet CureVac mit Wacker Chemie und Fareva in Frankreich zusammen.

Und nun also die jüngste Kooperation mit GSK, mit dem es bereits Partnerschaften bei anderen Projekten gab. Kräfte bündeln, das sei ohnehin kein ungewöhnliches Modell, so Rolf Hömke vom Verband forschender Arzneimittelhersteller: "Es gibt zwei Gründe, warum sich Pharmakonzerne zusammentun: um Kompetenzen auszutauschen oder Kapazitäten zu vergrößern."

GSK als weltweit größter Impfstoffhersteller bringt beides mit: Kompetenzen bei Zulassungsverfahren und Vertrieb sowie gleichzeitig Kapazitäten für die Produktion. 100 Millionen Dosen will GSK bei der Produktion der ersten Generation übernehmen, parallel wolle man bereits gemeinsam an dem Vakzin der zweiten Generation forschen.

Mit einem ähnlichen Zusammenschluss haben BioNTech und Pfizer bereits erfolgreich einen Impfstoff auf den Markt gebracht: BioNTech liefert dabei die moderne Technologie, der Pharma-Riese Pfizer bringt langjährige Erfahrungen bei Zulassung und Vertrieb mit. In diesem Kombimodell wird auch dort bereits an einem Vakzin der nächsten Generation gearbeitet.

Zuverlässigkeit statt Schnelligkeit?

Kleiner Tech-Underdog trifft auf Pharma-Schwergewicht: Könnte das der Erfolgsgarant in der weltweit größten Impfoffensive der Geschichte sein? Für ein Urteil darüber ist es noch zu früh; zu viele offene Fragen, zu viele Herausforderungen für die Wissenschaft. Sind jährliche Auffrischungen wie bei der Grippe-Impfung nötig? Welche Vakzine eignen sich auch für Minderjährige?

Branchenkenner Hömke gibt außerdem zu bedenken: "Womöglich schaffen wir es, die Pandemie zu überwinden, nicht aber das Virus. Auch in der Zeit nach der Pandemie wird der Impfstoff daher Thema bleiben." Auf lange Sicht würden also weiterhin Impfstoffe gebraucht. Covid-Impfungen könnten dauerhaft Teil des Impfplans werden wie etwa die Impfung gegen Masern. Entscheidend sei dann nicht, welches Unternehmen am schnellsten auf dem Markt sei - sondern welches den besten, zuverlässigsten Impfstoff biete.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Februar 2021 um 11:00 Uhr.