Zwei Hände halten eine Ampulle mit dem Medikament Remdesivir | AP
Hintergrund

Medikamente gegen Covid-19 Auf der Suche nach dem Wundermittel

Stand: 16.04.2021 08:32 Uhr

Während Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 in Rekordzeit entwickelt wurden, tut sich die Medikamentenforschung schwer damit, ein wirksames Mittel gegen Covid-19 zu finden. Aber es gibt hoffnungsvolle Ansätze.

Von Anja Martini, tagesschau.de

"Es wird nicht die eine Wunderpille gegen Covid-19 geben" - mit diesen Worten hat Bundesforschungsministerin Anja Karliczek die Aussicht auf schnelle Erfolge der Wissenschaft gedämpft. 50 Millionen Euro will das Bundesforschungsministerium in die Medikamentenforschung geben. Ein Expertengremium hat dafür Empfehlungen für mehrere Projekte ausgesprochen.

Anja Martini tagesschau.de

Als Gutachter beteiligt waren Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie in Frankfurt am Main, und Christoph Spinner, Oberarzt für Infektiologie und Pandemiebeauftragter des Klinikums Rechts der Isar in München. Er sagt, Patienten benötigten je nach Schwere oder auch Stadium der Erkrankung unterschiedliche Therapien. Remdesivir, Hydroxychloroquin oder Antikörper-Cocktails: Sie alle haben für Aufmerksamkeit gesorgt. Doch wie weit ist die Forschung an Medikamenten gegen Covid-19 tatsächlich?

Ein Asthmaspray als "Game Changer"?

Aktuell ist der Wirkstoff Budesonid ins Blickfeld der Forschung geraten. Es ist ein Wirkstoff in einem Asthmaspray, umgangssprachlich auch Cortison-Spray genannt, der angeblich schwere Covid-19-Verläufe verhindern kann. Zu diesem Schluss kommen Forscherinnen und Forscher der Universität Oxford in einer Studie, die im Fachblatt "The Lancet" erschienen ist.

Die britischen Wissenschaftler hatten 146 erwachsene Corona-Patienten mit milden Symptome nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen eingeteilt. 73 von ihnen wurden in einem frühen Erkrankungsstadium zweimal täglich mit Budesonid behandelt, 73 erhielten eine Standardtherapie wie etwa Paracetamol gegen das Fieber. Probanden, die den Wirkstoff Budesonid inhalierten, mussten seltener ins Krankenhaus und waren schneller wieder genesen als jene, die eine Standardtherapie erhielten.

Das klinge, so Oberarzt Spinner, erst einmal gut - aber noch beruhe die Studie auf einer Hypothese. Es müsse eine placebokontrollierte Studie folgen, in der die zweite Gruppe mit einem Scheinpräparat behandelt werde. Außerdem sei die Zahl der Probanden sehr gering gewesen. Die Ergebnisse müssten in größeren Studien überprüft werden.

Entzündungshemmende Medikamente bremsen Immunreaktion

Bei Patienten, die in die Klinik eingeliefert werden, wird vor allem das entzündungshemmende Dexamethason eingesetzt. Es wird in der nationalen Leitlinie für die Behandlung von Covid-19-Patienten empfohlen. Das Medikament, das zu den Kortikoiden gehört, soll eine überschießende Immunreaktion bremsen, die bei Covid häufig auftritt.

Antikörper-Medikamente greifen das Virus an

In die Öffentlichkeit gerückt wurden diese Wirkstoffe, als sich der ehemalige US-Präsident Donald Trump im Oktober mit dem Coronavirus infizierte. Er bekam unter anderem einen Antikörper-Cocktail, den Regeneron entwickelt hatte und der vom Pharmahersteller Roche außerhalb Amerikas produziert wird. Damals war das Medikament in den USA noch nicht zugelassen. Nach seiner relativ schnellen Genesung bezeichnete Trump den Cocktail als "Wunder" und "Heilmittel". In den USA hat das Medikament mittlerweile eine Notfallzulassung. Für Europa laufen die Prüfungen durch die Europäische Arzneimittelagentur (EMA).

Anfang der Woche hatte Roche erste Studienergebnisse der klinischen Phase 3-Studie vorgelegt. Danach könne die Gabe einer Antikörper-Kombination aus den Mitteln Casirivimab und Imdevimab das Risiko symptomatischer Corona-Infektionen um etwa 81 Prozent verringern. Unerwartete ernste Nebenwirkungen seien nicht aufgetreten.

Antikörpermedikamente wie Bamlanivimab und REGN-COV2  dürfen in Deutschland unter bestimmten Voraussetzungen in Kliniken genutzt werden. Sie seien aber nur in einem sehr frühen Stadium der Infektion anzuwenden, so Mediziner Spinner.

Neuentwicklung der TU Braunschweig soll Virus "lähmen"

Anders ist das mit einem Antikörper-Medikament, das in Braunschweig entwickelt wurde. Das Paul-Ehrlich-Institut hat es gerade für erste klinische Studien zugelassen. Es heißt COR 101 und soll für die Behandlung von hospitalisierten Patienten eingesetzt werden. Das sind Patienten mit einem mittelschweren Covid-19-Verlauf, die ins Krankenhaus müssen, aber noch nicht auf die Intensivstation.

Die Grundlage für dieses Medikament hat Stefan Dübel gelegt. Er ist Biologe und leitet die Abteilung Biotechnologie an der Technischen Universität Braunschweig. Der Antikörper, so Dübel, verbindet sich mit der Außenseite der Viren - und zwar auf eine Art und Weise, die verhindert, dass das Virus an Zellen andocken kann. Der Erreger wird gewissermaßen durch den Antikörper gefesselt und kann sich nicht mehr bewegen; außerdem kann das Virus nicht mehr in die Zellen eindringen, so dass keine Infektion mehr stattfinden kann.

Seit Sommer 2020 betreibt das Unternehmen CORAT Therapeutics die klinischen Arbeiten. André Frenzel, klinischer Leiter, hofft auf baldige Ergebnisse für eine mögliche Zulassung. 

Rekonvaleszentenplasma: Nutzung natürlich gebildeter Antikörper

Auch an sogenanntem Rekonvaleszentenplasma wird in Deutschland weiter geforscht. Hierbei werden Antikörper gegen SARS-CoV-2 aus dem Blutplasma genesener Covid-19-Patienten gewonnen. Die Antikörper funktionieren so ähnlich wie synthetisch hergestellte. Bundesweit haben Kliniken Corona-Genesene um Blutplasma-Spenden gebeten, um daraus natürlich gebildete Antikörper zu gewinnen. Doch die Aussagen zur Wirksamkeit seien nicht eindeutig, sagt der Münchner Infektiologe Spinner.

Remdesivir, Chloroquin & Co.: Medikamente werden "zweckentfremdet"

Ein Hoffnungsschimmer war zunächst das Medikament Remdesivir - ursprünglich ein Ebola-Medikament. Im Oktober 2020 meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dann allerdings, dass das als Corona-Medikament eingesetzte Mittel nur wenig bis keinen Nutzen habe, und sprach sich kurze Zeit später gegen eine Behandlung im Krankenhaus aus.

Weltweit wurde in den vergangenen Monaten auch das Malaria-Medikament Chloroquin auf seine Wirksamkeit gegen SARS-CoV-2 untersucht. Ex-US-Präsident Trump hatte es zu Beginn der Pandemie als Wunderwaffe und "Geschenk Gottes" gepriesen. Die US-Arzneimittelbehörde FDA erteilte dem Mittel die Notfallzulassung - und zog sie schon nach einigen Wochen wieder zurück. Im Juni 2020 stellte die WHO auch die klinischen Studien zur Wirksamkeit des verwandten Medikaments Hydroxychloroquin im Kampf gegen das Coronavirus endgültig ein.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 16. April 2021 um 11:00 Uhr.